Exportboom für schwere Geschütze
Von Max Ongsiek
Eine offensichtliche Kausalität: Je mehr Kriege, Krisen und Konflikte auf der Welt, desto umfangreicher die globalen Waffenlieferungen. So wundert es nicht, dass dem am Montag veröffentlichten Bericht des Stockholmer Friedensinstituts SIPRI zufolge die weltweiten Rüstungsexporte in den verglichenen Zeiträumen 2016 bis 2020 und 2021 bis 2025 um insgesamt 9,2 Prozent angestiegen sind. Beim Geschäft mit Kriegsgerät bleibt die BRD einer der Spitzenreiter, wenn auch nicht unter den Top 3. Der hiesige militärisch-industrielle Komplex rückte zum viertgrößten Waffenlieferanten der Welt auf – 5,7 Prozent der weltweiten Waffenexporte – und überholte damit China.
Wichtigste Abnehmerregion schwerer Waffen aus deutscher Produktion war demnach die EU mit 41 Prozent der Lieferungen, gefolgt vom Nahen Osten (33 Prozent) sowie Asien und Ozeanien (17 Prozent). Auch die Importe schwerer Waffen nach Deutschland nahmen deutlich zu, um mehr als das Zehnfache im Vergleich zum Zeitraum von 2016 bis 2020 (plus 914 Prozent). Europaweit verdreifachten sich die Einfuhren schwerer Waffen im Vergleich zur vorherigen Fünfjahresperiode (plus 210 Prozent). »Europas« Armeen importierten rund ein Drittel aller weltweit gehandelten schweren Waffen, fast die Hälfte (48 Prozent) kam aus den USA. Als »schwere Waffen« definiert SIPRI Rüstungsgerät, das größer ist als Kleinwaffen und Munition: unter anderem also Kampfflugzeuge, Kampfdrohnen, Militärhubschrauber, Kriegsschiffe, Panzer und Artilleriesysteme.
Der Exportboom deutscher Rüstungsschmieden hänge hauptsächlich mit dem Krieg in der Ukraine zusammen, schreiben die Friedensforscher in ihrem Bericht. Aus dem Dokument geht hervor, dass fast ein Viertel der deutschen Waffenlieferungen – 24 Prozent – an die Ukraine ging. Weitere 17 Prozent wurden dem Bericht zufolge in andere europäische Länder exportiert. »Auch die Lieferungen in andere traditionelle Exportziele wie Ägypten und Israel sind gestiegen«, sagte die SIPRI-Expertin Katarina Djokic gegenüber dpa am Montag.
Nicht nur sei die Ukraine zwischen 2021 und 2025 der weltweit größte Abnehmer von schweren Waffen gewesen, sondern habe zwischen Kriegsbeginn 2021 und 2025 9,7 Prozent der weltweiten Waffenimporte eingeführt, verglichen mit 0,1 Prozent zwischen 2016 und 2020. Gleichzeitig hätten die europäischen Staaten ihre Waffenimporte verdreifacht. Das hänge auch mit dem Ukraine-Krieg zusammen, sagte Djokic. »Russland ist eigenhändig für den starken Anstieg der europäischen Rüstungsimporte verantwortlich«, so ihre Deutung der Zahlen. Eine »russische Bedrohung« veranlasse die Europäer demnach, die eigene Rüstungsfähigkeit auszubauen. Auch die Unsicherheit darüber, inwiefern die USA ihre NATO-Verbündeten in einem möglichen Ernstfall verteidigen würden, habe die Nachfrage nach Waffen unter den europäischen Mitgliedstaaten der Kriegsallianz den SIPRI-Forschern zufolge in die Höhe getrieben.
Jürgen Wagner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Tübinger Informationsstelle Militarisierung, verwundert der SIPRI-Bericht nicht: »Wer Waffen produziert, exportiert sie auch. Diese Binsenweisheit bestätigt sich auch angesichts der neuesten SIPRI-Zahlen.« Schließlich habe der von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche im Oktober 2025 einberufene Beraterkreis zur Sicherheits- und Verteidigungsindustrie – die vier Hardliner Nico Lange, René Obermann, Jürgen-Joachim von Sandrart und Moritz Schularick – die Richtung schon vorgegeben: Das Prinzip »Beschaffen, auch um zu exportieren« müsse »zum neuen Standard« werden, um »Europas Handlungsfähigkeit unabhängiger von den USA zu sichern«.
»Statt Führungsnation zu sein bei der europäischen Aufrüstung und den europäischen Rüstungsexporten, würde es der Bundesrepublik gut anstehen, Abrüstungsinitiativen zu starten«, forderte Ulrich Thoden, verteidigungspolitischer Sprecher der Linke-Fraktion im Bundestag, am Montag auf jW-Anfrage. »Eine Zunahme von Waffen macht die Welt nicht sicherer, im Gegenteil.«
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