Den Vollmond hören
Von Gisela Sonnenburg
Ein Bilderbuchvollmond beschien Berlin. Von der Maigalerie der jungen Welt aus war er vergangenen Dienstag zwar nicht zu sehen, aber gewissermaßen zu hören. Oder lag der Erfolg des Abends nicht am Mond? Jedenfalls bewiesen die beiden Koryphäen Hannes Zerbe am Klavier und Jürgen Kupke an der Klarinette, dass auch der Jazz eine Naturgewalt sein kann. Seit fast zwei Jahren kuratiert Zerbe an jedem ersten Dienstag im Monat mit wechselnden Bands ein Konzert in der Maigalerie. Wenn er selbst aufspielt, ist das aber ein besonderer Genuss.
Passend als Entrée erklingt die »Ouvertüre«, an Hanns Eisler angelehnt. Mit elegantem Legato steigert sich das Stück zu einer schelmischen Träumerei. Schelmisch, weil das Piano im Bassbereich mit Melodiebögen gegen die Klarinette hält. Keck, geradezu vorwitzig, kommt dann ein Stakkato dazu.
Die Klarheit der Klarinette trifft auf die Kraft des Klaviers – die beiden Musiker sind ein geübtes Team und großartig darin, die Vorzüge des eigenen Instruments nicht gegen, sondern für den Partner einzusetzen. Das Miteinander macht die Musik, im Leben wie im Konzert. In beidem vergeht die Zeit manchmal viel zu schnell. »Chronos« heißt das Stück, in dem das Ticken der Uhr regelrecht Kapriolen zu schlagen scheint.
David Bowie ist schließlich ein Song ohne Worte gewidmet, Zerbe hat ihn für das Popidol komponiert. Melancholisch spiegelt er die Macht der Inspiration. Mit langen Obertönen für die Klarinette und sanft perlenden Pianoklängen entfaltet sich ein eigenartig schräges Klanguniversum. Den starken Beifall gebe er gern an Bowie weiter, sagt Zerbe bescheiden.
»Up and Down« (»Auf und Ab«) heißt das nächste Stück. Mordsfidel darf die Klarinette hier triumphieren, bis das Klavier sie auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Das Helterskelter wirkt turbulent, aber zugleich romantisch in einem Sinn des Anrührens. Die Kraft des Vollmonds könnte da beteiligt sein, muss es aber nicht. Die Magie der Musik ist einfach da.
Auch die Soli der musikalischen Asse verdienen erhöhte Aufmerksamkeit. Jürgen Kupke erntet spontanen Applaus, wenn er mit einem Tremolo beginnt und quasi ins Zwitschern gerät, bevor das Klavier seine Klarinette einholt und mit behaglichen Klängen beruhigt. Dann ist es wie bei einem Spaziergang in der Dämmerung, die jetzt, im Vorfrühling, rosarot leuchtende Linien ins Himmelsblau zeichnet. Die Ansage von Hannes Zerbe geht jedoch eher in die Richtung ganz praktischer Naturerfahrung: »Dieses Stück erzählte vom Sprengen des Gartens«, lacht er.
»Kleiner Walzer Nr. 2« heißt ein Stück, das Dmitri Schostakowitsch zugeeignet ist. Es verwendet die Noten D – Es – C – H, die das sowjetische Klassikgenie gern als musikalisches Motiv verwendete, denn sie bilden in deutscher Schreibweise seine Initialen »DSCH«. Und siehe da: In den höchsten Tönen lobt die Klarinette den Einfall, das DSCH zu verwenden. Zwei Motive aus Streichquartetten kommen hinzu, und das Ganze wird deftig, herb, würzig. Schließlich sorgen folkloristische Rhythmen für weiteren Schwung.
Auch eine Neufassung der »Mona Lisa« in Musik begeistert. Man hört sie – mit ein wenig synästhetischer Phantasie – geheimnisvoll lächeln. »Für Béla« ist hingegen für den Komponisten Béla Bartók erschaffen – und Zerbe rockt es. Wow. Blitzschnelle Läufe, dazu das freundliche Blubbern der Klarinette – nur die »Lydische Ballade« in der Kirchentonart kann das mit ihrer Sinnlichkeit noch toppen.
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