Literatur oder Geschichte
Von Dean Wetzel
Nach einer klassischen Unterscheidung beschäftigen sich Historiker mit dem, was wirklich geschehen ist, während Dichter über das schreiben, was geschehen könnte. Wo jener sich an die historischen Fakten hält, genießt dieser die Freiheit der Fiktion.
Diese Unterscheidung, stellt sich bei näherer Betrachtung als komplexe Vermittlung heraus. Fiktionale Literatur und faktuale Geschichtsschreibung sind keineswegs bloße Antithesen, sondern stehen in einem vielfältig produktiven Verhältnis. Wer hier nur die Gefahr eines postmodernen Relativismus bemerken will, übersieht die Grauzone an der Grenze zwischen Literatur und Geschichtsschreibung, in der die Geschichten über die Geschichte angesiedelt sind.
Normen Gangnus’ Debüt »… mit zerrissenem Schlaf im Gesicht« erkundet das Grenzgebiet zwischen Fakt und Fiktion. Wie der Untertitel »Die Aufzeichnungen und Briefe des Arved von Sternheim. Band 2. Die Jahre 1943–45« verrät, legt Gangnus, der sich selbst lediglich als Herausgeber der Dokumente ausweist, bereits den zweiten Band der umfangreichen Tagebücher und Briefe des Kunstsammlers Arved von Sternheim vor. Womit das wahnwitzige Versteckspiel beginnt.
Der erste Band ist, wie es in einer – und viele weitere werden folgen – Fußnote heißt, vergriffen. Inwieweit man dieser Auskunft trauen kann, ist, wie so vieles in dieser Geschichte, ungewiss. Gangnus selbst zitiert jedenfalls ausführlich aus dem ersten Band, der wohl (eine weitere Fußnote verweist darauf) eine heftige Diskussion in den Feuilletons auslöste. Diese entbrannte über die Fragwürdigkeit der tatsächlichen Existenz der Person Arved von Sternheim. Ein Vorwurf, den der Herausgeber, auch wenn sich außerhalb der von ihm selbst herausgegebenen Dokumente kein Nachweis über von Sternheim finden lässt, entschieden zurückweist.
Arved von Sternheim, der vorgeblich in Florenz Malerei und Kunstgeschichte studiert hatte, soll als Kunstsammler für Hermann Göring tätig gewesen sein und dessen Sammlung betreut haben. Der Reichsmarschall richtete sich in Brandenburg ein etwa 11.000 Quadratmeter großes repräsentatives Anwesen ein, auf dem er in mehreren Ausstellungsräumen seine über 5.000 Stücke umfassende Kunstsammlung präsentierte.
In Görings Auftrag und mit einem von ihm gezeichneten Dokument reist von Sternheim auf der Suche nach neuen Fundstücken durch die besetzten Länder. Bei der Frage, wie die Werke vakant wurden, beweist er in seinen Tagebüchern ein besonderes Talent für blinde Flecken. Womit die kunsthistorische Ethik des Details, der er sich nach eigenen Angaben verschrieben fühlt, wohl nur in der distanzierten Betrachtung Anwendung findet. Die Details seines Lebens, seiner Privilegien und der damit verbundenen Schuld verschwinden hingegen im Dickicht seiner Bildbeschreibungen.
Von Sternheims Aufzeichnungen dokumentieren allerdings nicht nur den Kunstraub der Nazis, sondern erzählen auch eine undurchsichtige Liebesgeschichte. Im Briefwechsel mit der in Paris ansässigen Exilrussin Anna Besdoma klingen die eklatanten Widersprüche in von Sternheims Leben an, kommen aber auch da nicht offen zur Sprache.
Da Literatur aber nicht nur von ihrem Gegenstand handelt, sondern auch von der Sprache, wie diese über ihren Gegenstand und dessen Verhältnis zur Sprache spricht, eröffnet sich in ihr ein Reflexionsraum, den der Herausgeber mit seiner beeindruckenden Materialsammlung – die sich von den Stasi-Archiven bis zu fiktionalen Quellen erstreckt – keineswegs erstickt. Denn kein einordnender Verweis schafft es, das Schweigen zu durchbrechen, das ein Mensch in der Geschichte hinterlässt. Ein Schweigen, das allem eingeschrieben ist. Und dem es trotz aller Ausweglosigkeit, nachzuhorchen gilt.
Bezüglich der Authentizität des vorliegenden Werks gilt dabei allein das, was für große Literatur im allgemeinen gilt: In der Lektüre gewinnt sie Wirklichkeit und weist so über das, was ist, hinaus. Womit die Frage nach der realhistorischen Existenz eines Arved von Sternheim zur Nebensache wird. Er ist eine typische Figur seiner Zeit: die Verkörperung einer »schönen Seele« in all ihrem Opportunismus. Seine tatsächliche historische Existenz ist daher auch nicht für die Wahrhaftigkeit dieses unvergleichlichen Buches relevant. Denn erst durch diese Figur erschließt sich das historische Material so, dass sich darin die bisher verborgene Wahrheit einer faktisch existent gewesenen Möglichkeit aufzeigt. Normen Gangnus »… mit zerissenem Schlaf im Gesicht« beleuchtet – über bloße historische Faktizität hinaus – den widersprüchlichen Möglichkeitshorizont einer Epoche.
Normen Gangnus: »… mit zerrissenem Schlaf im Gesicht«. Die Aufzeichnungen und Briefe des Arved von Sternheim. Band 2. Die Jahre 1943–1945. Matthes & Seitz, Berlin 2025, 792 Seiten, 38 Euro
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