Neue Bettvorleger
Von Stefan Heidenreich
Manchmal gehen spektakuläre Vorführungen grandios daneben. Wenn eine militärische Strafaktion schon als »Roaring Lion« und »Epic Fury« daherkommt, besteht ein gewisses Risiko, dass sie als Bettvorleger und »Epic Fail« endet.
Um die Risiken vorauszuahnen, hilft eine kleine Übung in spekulativer Geschichte. Schaut man sich die Luftkriege der letzten Jahrzehnte an, sieht die Lage am Tag vier des Feldzugs schon nicht mehr günstig aus. Der schnelle Regime-Change hat nicht stattgefunden. Und allein mit Bomben aus der Luft ein Land zum Einlenken zu bewegen, ist kaum je gelungen. Der Jugoslawien-Krieg wird gern als Gegenbeispiel angeführt, aber ob die Niederlage tatsächlich aus der Luft kam, gilt unter Historikern als umstritten. Ob sich das Beispiel überhaupt auf den Iran anwenden lässt, ist mehr als zweifelhaft.
Sollte es nicht gelingen, den Iran beizeiten zu besiegen, drohen den hiesigen Angriffskriegern eine ganze Reihe höchst unerfreulicher Nebenwirkungen. Zum Beispiel in der näheren Umgebung. Bis dato richten sich die Blicke vorwiegend auf das sogenannte Mullah-Regime auf der Nordseite des Golfes. Dabei ist die andere Seite nicht weniger spannend. Bei den Ländern der arabischen Welt handelt es sich um kaum mehr als einhundert Jahre alte Überbleibsel einer kolonialen Ordnung. Von echten Wahlen hat man in diesen Monarchien noch nie etwas gehört. Militärisch von alten und neuen westlichen Kolonialmächten abhängig, verschanzen sich die lokalen Comprador-Eliten hinter angeblich »traditionellen« Herrschaftsformen. Die Bevölkerung hält man ruhig, indem man sie großzügig mit Geld versorgt. Was aber, wenn die Einnahmequellen versiegen? Dann stellt sich mit der Zeit die Frage, wie lange die Autokraten durchhalten.
In Bahrain fanden schon die ersten Straßenkämpfe statt. Dort wird eine schiitische Mehrheit von einer kleinen sunnitischen Oberschicht beherrscht. Arbeitssklaven stellen die Hälfte der Bevölkerung. Das sieht in den benachbarten Arabischen Emiraten und in Katar noch weit schlimmer aus. Dort kommen auf einen Einheimischen zehn Arbeitsmigranten. Wie will man in einem Land verhindern, dem die wichtigsten Einnahmequellen Gas, Öl und Tourismus genommen werden, dass die große Mehrheit der Bevölkerung sich nimmt, was sie aufgebaut hat? Bleibt der große Rest der arabischen Halbinsel. Dort hält sich seit dem Zweiten Weltkrieg mit Unterstützung der USA ein repressiv-fundamentalistisches Autokratenregime. Von den gut 35 Milllionen Einwohnern des Landes sind ungefähr zehn Millionen Arbeitsmigranten und zwei bis drei Millionen Schiiten. Sie leben dort, wo sich die meisten Militärbasen befinden und das meiste Öl gefördert wird. Über den Mord an ihrem Religionsoberhaupt werden sie kaum begeistert sein. Im Rahmen einer größeren spekulativen Geschichte steht eine tatsächliche Entkolonialisierung Westasiens als Möglichkeit durchaus im Raum. Das würde vermutlich auch den Staat Israel betreffen.
Doch die Folgen beschränken sich nicht nur auf die nähere Umgebung. Europa und China haben einen Großteil ihr fossilen Brennstoffe aus dem Persischen Golf bezogen. Immerhin hat China mit Russland einen Ersatzlieferanten zur Hand. Aber Europa?
Auch bei den Verursachern der Malaise dürften sich Rückwirkungen ergeben. Trump hat immer allergrößten Wert darauf gelegt, den Ölpreis bei 60 US-Dollar zu halten. Nun liegt er bei über 80 Dollar, Tendenz steigend. Ein langer Krieg wird seinen Wählern kaum gefallen. Zumal sich auch schon seine Gegner zusammenrotten und mit Amtsenthebung drohen. Denn ohne Zustimmung des Kongresses darf der Präsident Kriege nur vom Zaun brechen, wenn die USA unmittelbar bedroht sind. Nun haben zwar die Parlamentarier aller Parteien eifrig geklatscht, als die ersten Bomben fielen. Aber sie werden auch jubeln, wenn sie den amtierenden Präsidenten loswerden.
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