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Aus: Ausgabe vom 04.03.2026, Seite 3 / Ansichten

Atomares Tierreich

Neue deutsch-französische Strategie
Von Arnold Schölzel
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Am 5. Februar lief der letzte Kontroll- und Abrüstungsvertrag über Atomwaffen zwischen der Sowjetunion bzw. deren Rechtsnachfolger Russland und den USA aus. Damit endete eine 60 Jahre währende Ära. Die Vereinbarungen ermöglichten jahrzehntelang militärische Berechenbarkeit und Phasen politischer Entspannung, selbst als die USA sich mit dem Untergang der Sowjetunion zur einzigen Weltmacht erklärten und einen Kolonialkrieg nach dem anderen anzettelten.

Die »vorwärtsgerichtete Abschreckung«, die Emmanuel Macron am Montag zum Kern der neuen Atomwaffendoktrin Frankreichs machte, ist eine Antwort auf das Ende aller Verträge zur strategischen Aufrüstung. Sie ist die eines Räubers, der im regellosen Zustand die Grundlage für sein Gewerbe findet. Die gemeinsame Erklärung Deutschlands, Großbritanniens und Frankreichs vom Sonntag zum Iran-Krieg war ein Beleg: Von der Beute, die USA und Israel eventuell einfahren, möchten die drei weltpolitischen Kleinkriminellen einige Fetzen und bieten deswegen »Defensivmaßnahmen« an, um iranische Anlagen »an der Quelle« zu zerstören. Da tropft der koloniale Speichel, Rechte und Menschenleben spielen nur in der Propaganda eine Rolle. Sind ja keine Faschisten.

Macron und Merz, der auf X noch vor der Rede in Brest eine unbekannte deutsch-französische »nukleare Steuerungsgruppe« für »Abschreckung« aus der Tasche holte, sind Partners in Crime. Sie misstrauen zu Recht dem amtierenden US-Oberräuber, der zwar verlässlich acht Kriegseinsätze in einem Jahr angestiftet hat, aber für »nukleare Teilhabe« und anderes NATO-Zeug mehr Bares sehen will: »Wenn sie nicht zahlen, werde ich sie nicht verteidigen«, hieß es am 6. März 2025 im Weißen Haus. Da war Selenskij kurz zuvor sogar das Mittagessen verweigert worden. Der »Trump-Schock« setzte sich fort beim Empfang des Oberschurken aus Moskau, mit dem kein »Europäer« redet, in Alaska oder bei Appetitrülpsern zu Grön- und Island.

Trump hält die Westeuropäer für weltpolitische Verlierer, die Chinas Aufstieg und überhaupt Multipolarität verschlafen haben. Er ordnet neu, soweit das noch möglich ist, und betrachtet das EU-Konstrukt als lästig bis lächerlich. Das ist US-Interessenlage. Macrons Angebot, nun acht Staaten mit dem »Schutz« durch atomwaffentragende »Rafale«-Kampfflugzeuge zu beglücken und so die »nukleare Teilhabe« von Trumps Gnaden zu ergänzen, Deutschland aber beim neuen Bombenfuchteln eine »Schlüsselrolle« zuzubilligen, dürfte in Washington, aber auch in Moskau und Beijing, nicht einmal als Zwergenaufstand betrachtet werden.

Es handelt sich bei der Macronschen/Merzschen Show der »Abschreckung« um eine Erscheinung, die der Philosoph Hegel vor 220 Jahren als »geistiges Tierreich« bezeichnete: Wo jeder gegen jeden kämpft, angeblich aber jeweils für eine »Idee« (oder gar »Werte«), herrscht Selbsttäuschung, also Betrug. Wie in Räuberbanden üblich.

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