Mittel, nicht Zweck
Von Reinhard Lauterbach
Was das polnische Radio und die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua am 24. Februar über dasselbe Ereignis meldeten, erinnert an die Geschichte vom Glas, das als halbvoll oder halbleer gesehen werden kann. Kremlsprecher Dmitri Peskow hatte nach polnischer Darstellung erklärt, Russland werde in der Ukraine weiterkämpfen, bis seine Kriegsziele erreicht seien; Xiinhua zitierte ihn mit der Aussage, Russland bleibe »einer diplomatischen Lösung verpflichtet«, allerdings sei der Ball auf der Seite der Ukraine: Von deren Haltung hänge alles ab.
Eine Woche später, am Montag dieser Woche, legte Peskow nach und äußerte laut Reuters, Russland sei »an einer diplomatischen Lösung weiter interessiert« und würde eine solche vorziehen. Die Wirtschaftsagentur Bloomberg meldete dagegen, auf russischer Seite wüchsen die Stimmen, die weitere Verhandlungen für zwecklos hielten.
Ist das eine »Auflockerung« der russischen Haltung? Man könnte es so interpretieren: als eine Erinnerung für den hurrapatriotischen Teil der russischen Öffentlichkeit, dass immer noch die Politik den Krieg bestimme und nicht umgekehrt. Dieser ist Mittel, nicht Zweck. Wladimir Putin gilt auch im Westen bei ausgeschalteten Mikrofonen als gerade kein Kriegstreiber. Eher als jemand, der siebenmal misst, bevor er einmal schneidet, um ein russisches Sprichwort zu zitieren.
Allerdings ist eine Situation, in der Russland zugibt, dass alles von der Haltung der Ukraine abhänge, aus seiner Sicht misslich. Denn das heißt, dass Russlands Versuch, die Ukraine zur Annahme der russischen Bedingungen zu zwingen, bisher keinen Erfolg hatte. Dass die USA als mutmaßlicher Hauptadressat von Peskows Aussage um Hilfe gebeten werden müssen, um die Ukraine »zur Raison zu rufen«, ist ja eher peinlich und passt jedenfalls nicht zum hierzulande gepflegten Bild des allzeit zum Schlag bereiten russischen Bären. Da haben die Russland-Feinde sich sowieso den falschen Vergleich ausgesucht: Jeder, der mit Bären zu tun hat, weiß, dass sie erst aggressiv werden, wenn sie selbst oder ihre Jungen bedroht werden.
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