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Aus: Ausgabe vom 03.03.2026, Seite 6 / Ausland
Krieg gegen Iran

Unter Sirenen und Raketen

Iran reagiert auf Angriffskrieg: Schwerer Beschuss auf Israel
Von Helga Baumgarten, Jerusalem
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Erneut zeigt die Luftabwehr Lücken und wurde von zahlreichen iranischen Raketen überwunden (Jerusalem, 1.3.2026)

Am Samstag morgen – an einem Tag zum Ausschlafen – werden wir fast aus dem Bett katapultiert: Unsere Handys geben einen ohrenbetäubenden Alarmton ab. Kurz danach beginnen die Sirenen, und dann hören wir Explosionen und Einschläge: Lärm, Lärm, Lärm … So kommt der israelisch-US-amerikanische Angriffskrieg gegen den Iran bei den Palästinensern im besetzten Ostjerusalem an. Alle rennen zum Fenster, die jungen Leute steigen auf die Dächer, um besser beobachten zu können: Streifen am Himmel, die Richtung Westen, also Küstenregion und Tel Aviv, führen, und aus der Ferne aufsteigender Rauch von Einschlägen oder von den israelischen Abwehrraketen – »Iron Dome« und andere.

Die folgenden Stunden bestehen aus der Verfolgung der Livenachrichten im arabischen Programm von Al-Dschasira und abwechselnd aus neuen Handyalarmen, Warnsirenen, Geschossen aller Art und den entsprechenden Explosionen. Al-Dschasira ist überall vor Ort (nur in Israel ist seine Präsenz verboten als »feindlicher« Sender): in Ramallah mit einem Team unter Walid Al-Omari. Sie verfolgen detailliert alle israelischen Berichte: offizielle Verlautbarungen, Reden der politischen und militärischen Führung mit Liveübersetzungen. Korrespondenten berichten aus Teheran, aus sämtlichen Golfstaaten und natürlich aus Washington.

Wer fundierte, kritische Informationen und Analysen möchte, folgt den Webauftritten des Investigativjournalisten Chris Hedges, des Verfassungsrechtlers »Judge« Andrew Napolitano (er interviewt als ersten, früh am Morgen in den USA, den ehemaligen US-Waffeninspekteur Scott Ritter) sowie Open Democracy und auch den Drop Site News mit Jeremy Scahill. Jeder, der hier lebt, kann ohne diese Seiten nicht leben.

Gaza ist derweil völlig aus den Nachrichten verschwunden. Aber es gibt zum Glück die Initiative »United 4 Gaza«, bestehend aus ehemaligen UN-Mitarbeitern. Sie liefern zum Beispiel per Whats-App kontinuierlich die neuesten Horrorberichte aus der palästinensischen Enklave. Israels erste Aktion am Sonnabend: Alle Übergänge in den Küstenstreifen und aus ihm heraus werden abgeriegelt. Nicht nur die Tausenden Kranken sind betroffen, die, um eine Chance fürs Überleben zu haben, zur Behandlung ins Ausland müssen. Es gilt vor allem für die nach wie vor dringend notwendige Einfuhr von Nahrungsmitteln, Medizin und vielem anderen mehr. Israel argumentiert, dass in Gaza mehr als genug Nahrung vorhanden sei. Parallel dazu geht die Tötungsmaschine weiter mit der »täglichen Ration« an Toten, Verletzten und Zerstörung von Gebäuden.

In Ostjerusalem versorgen sich derweil alle an den Geldautomaten mit Bargeld. Vor einem Automaten in einem orthodoxen Viertel, das an den Ostjerusalemer Stadtteil Schufat grenzt – das Sirenengeheule beginnt gerade wieder –, fragen zwei orthodoxe Juden erstaunt einen Palästinenser, was denn los sei. Es war inzwischen zwölf Uhr mittags, und Telefonalarme und Sirenen hatten uns seit 8.30 Uhr lokaler Zeit in Atem gehalten. Unsere orthodoxen Nachbarn sind zu bewundern, wie sie all dies aus ihrer Wahrnehmung ausschließen konnten, während die Mehrzahl der Israelis den Krieg bejubelt.

Tag zwei des Angriffskrieges endet mit starken Raketen- und Drohnenangriffen. Ob man will oder nicht, man zieht die Rolläden hoch: wieder die schon bekannten Raketenstreifen am Himmel Richtung Tel Aviv und die israelischen Abwehrraketen, stationiert nicht zuletzt in den kolonialistischen Siedlungen rund um Jerusalem. Direkt gegenüber von meiner Wohnung, in einer dieser Siedlungen, bildet sich schwerer Rauch: Israelische Medien berichten am Montag vom Einschlag einer ballistischen Rakete auf einer Autobahn am Stadtrand, bei dem drei Menschen verletzt wurden.

Tag drei beginnt wie Tag eins und zwei: Alarm und Explosionen. Und mit den Nachrichten, dass Israel erneut dabei ist, den Südlibanon in ein zweites Gaza zu verwandeln. Bilder unsäglicher Zerstörung und Trecks von Vertriebenen Richtung Beirut. Alles bekannt: Die israelische Armee fordert die Menschen auf, den ganzen Süden des Landes zu räumen. Falls die Welt es noch nicht weiß: US-Botschafter Mike Huckabee in Jerusalem hat zuletzt klar formuliert, dass die gesamte Region vom Nil bis zum Euphrat Israel gehört.

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