Schmerzhafter Schlag
Von Jörg Kronauer
Der Krieg, den die USA und Israel gegen Iran entfesselt haben, hat für die Vereinigten Staaten einen tieferen geostrategischen Grund. Jenseits des Versuchs, im Mittleren Osten einen – aus ihrer Sicht – Störenfried zu beseitigen, geht es darum, Russland und vor allem dem Hauptfeind des US-Establishments, China, erheblichen Schaden zuzufügen. Iran ist nicht bloß – als Mitglied der BRICS und der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit – allgemein ein Teil des russisch-chinesischen Koordinatensystems. Es hat Russland im Ukraine-Krieg unter die Arme gegriffen, etwa mit Drohnen, und es hat mit China eine auf 25 Jahre angelegte strategische Kooperationsvereinbarung geschlossen. Gelingt es, in Teheran ein prowestliches Regime zu installieren, dann verlieren Moskau und Beijing dort einen wichtigen Kooperationspartner. Das gilt auch, wenn das Land im Chaos versinkt.
Aus der Perspektive Beijings gäbe es wohl zweierlei zu ergänzen. Das eine: Ökonomisch – und das ist es ja, was im Zweifelsfall zählt – ist Iran nicht das Schwerpunktland chinesischer Unternehmen am Persischen Golf; das sind Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Fiele Iran in Zukunft aus dem einen oder anderen Grund als Kooperationspartner für die Volksrepublik aus, wäre das – rein machtpolitisch gesprochen – ein schmerzhafter Schlag; ein Genickbruch für die chinesische Stellung am Golf aber wäre es nicht. Es sei denn, es gelänge Washington, Riad und Abu Dhabi zu zwingen, sich ebenfalls von Beijing zu lösen. Das aber ist, wenngleich es in diesen Zeiten nichts unvorstellbar ist, nicht in Sicht.
Und das andere: China hat Öl aus Venezuela bezogen. Dass die USA dies nun gestoppt haben, kann es verschmerzen. Das gälte auch für das Öl, das es aus Iran importiert hat, falls nun auch dort ein Washington höriges Regime an die Macht käme. Allerdings wird Trump dort nicht stoppen. Die Befürchtung etwa, die USA könnten die Straße von Malakka sperren, um die Volksrepublik von der Rohstoffversorgung abzuschneiden, treibt Chinas Strategen schon seit Jahrzehnten um. Irgendwo wird Beijing eine rote Linie ziehen müssen. Wo genau das sein und wie sie durchgesetzt werden wird – nun, man wird es sehen.
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Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (3. März 2026 um 10:38 Uhr)Zwei Anmerkungen zum Artikel: Erstens, zum angeblichen Hauptziel, China und Russland zu schaden: Die Aussage, der Krieg gegen Iran diene primär dazu, Russland und China erheblichen Schaden zuzufügen, ist verkürzt und ideologisch überzeichnet. Zwar mag der Konflikt für die USA auch Wettbewerbseffekte gegenüber aufstrebenden Großmächten haben – ganz im Sinne des geopolitischen Denkens über Machtprojektion –, aber dieser Aspekt ist nicht das zentrale Motiv. Die USA verfolgen seit Jahrzehnten eine Politik der Sicherung ihrer Kontrolle über globale Energie- und Handelsströme, weil dies direkt mit ihrer wirtschaftlichen Vormachtstellung und dem US-Dollar als Leitwährung verknüpft ist. Die Ölexporte und ihre Abrechnung im US-Dollar sind ein zentrales Element dieser Machtbasis. Das erklärt auch die unlängst gezielten Aktionen in Venezuela sowie die Sanktionen und den Druck auf Teheran. Das Ziel ist nicht primär Russland oder China zu »schaden«, sondern den Einfluss westlicher Wirtschaft und Währungssysteme zu wahren – geopolitische Rivalität ist dabei eine Konsequenz, nicht der alleinige Ursprung. Diese Interpretation stellt das Motiv in einen breiteren ökonomisch-strategischen Rahmen und nimmt ihm die simplifizierende »Anti-China/Anti-Russland«-Brille. Zweitens, zur behaupteten Schwächung Russlands: Die Behauptung im Originaltext, der Konflikt schade Russland, ist so nicht eindeutig belegbar. Wenn der Konflikt in Iran die globalen Ölpreise nach oben treibt – und genau das zeigen aktuelle Entwicklungen –, dann hat das für Russland nicht unbedingt negative Effekte, im Gegenteil: Russland lebt von Energieexporten und profitierte in der Vergangenheit bereits von steigenden Ölpreisen infolge geopolitischer Spannungen. Steigende Preise können die Einnahmen Russlands erhöhen und ihm politisch mehr finanziellen Spielraum sogar verschaffen.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (3. März 2026 um 13:04 Uhr)Ist es wirklich simplifizierend, wenn der Artikel feststellt, dass mit diesem Krieg auch China getroffen werden soll, das aus dem Iran ein Fünftel seines Erdölbedarfs deckt? Immerhin wird jetzt nach Venezuela schon der zweite Lieferant ausgeschaltet. Ein Schelm, der Arges dabei denkt!
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