Schwarzer Tag für Nahost
Von Karin Leukefeld
In der Nacht zu Montag hat die libanesische Hisbollah Raketen und Drohnen auf eine israelische Stellung südlich von Haifa abgefeuert. In einer Erklärung der Organisation hieß es, der Angriff auf die Raketenabwehreinrichtung Mischmar Al-Karmel sei ein »Vergeltungsschlag für den Tod des obersten iranischen Revolutionsführers Sajed Ali Khamenei und in Verteidigung Libanons und seiner Bevölkerung« erfolgt. Es sei eine Antwort auf die anhaltenden israelischen Bombardements. Israel dürfe nicht länger »seine seit fünfzehn Monaten anhaltenden Angriffe fortsetzen, ohne dass es gewarnt wird: Es muss seine Aggression stoppen und sich aus den besetzten libanesischen Gebieten zurückziehen«, so heißt es von seiten der Hisbollah.
Israel reagierte prompt mit Luftangriffen auf Wohngebiete im südlichen Beirut. Mehr als zehnmal wurden die Stadtviertel Haret Hreik, Dschamus und Burdsch Al-Baradschna beschossen. 20 Personen wurden getötet und 91 verletzt, darunter nach israelischen Militärangaben Hussein Mukalled, der Geheimdienstchef der Hisbollah. Bei weiteren Angriffen auf Orte im südlichen Libanon wurden elf Menschen getötet und 58 verletzt. Die Zahlen könnten steigen, teilte das libanesische Gesundheitsministerium Montag morgen mit.
Die israelische Armeeführung forderte die Bewohner von mehr als 50 Orten im Südlibanon auf, diese zu verlassen und sich mindestens einen Kilometer wegzubewegen. Es folgte eine Liste von Zielen, die Israel bombardieren werde. Angestellte eines Krankenhauses im Bezirk Mais Al-Dschabal wurden per Handy gewarnt, ihre Klinik werde angegriffen. Sicherheitskräfte evakuierten das Krankenhaus und Polizeistationen in mehreren Orten.
Die Menschen flohen zu Tausenden. Auf den Straßen bildeten sich schon in der Nacht lange Autoschlangen. Wie im Krieg 2024 suchten die Menschen erneut Schutz in anderen Orten des Landes oder bei Verwandten in der Hauptstadt. Schulen und Universitäten blieben geschlossen, einige Schulen sollen Inlandsvertriebene aufnehmen. Die Regierung kam zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen, die mit einer Schweigeminute für die Toten begann.
Wegen der anhaltenden Verletzung libanesischer Souveränität und Angriffe der israelischen Streitkräfte hatte Libanon im Januar eine Klage gegen Israel bei der UNO eingereicht. Darin wurden allein für Oktober, November und Dezember des vergangenen Jahres 2.036 solcher Vorfälle dokumentiert, die den Waffenstillstand von November 2024 verletzten. Der UN-Sicherheitsrat wurde aufgefordert, Druck auf Israel auszuüben, seine Angriffe einzustellen und sich aus dem Libanon zurückzuziehen. Israel verletze anhaltend die UN-Sicherheitsratsresolution 1701, die den Krieg zwischen Libanon und Israel 2006 beendet hatte. Eine Reaktion auf die Klage gab es bisher nicht.
Wie in der gesamten Region blieb auch im Libanon der Luftraum geschlossen. Zivile Flugzeuge dürfen seit Sonnabend weder starten noch landen, Schiffe liegen in den Häfen vor Anker. Die israelischen, US-amerikanischen und britischen Kampfjets – letztere starten von Zypern aus – haben dagegen freie Flugbahn. Offiziell soll die Bevölkerung geschützt werden, die von Drohnen und Raketen aus Iran und von dessen Verbündeten bedroht werde.
In Syrien war die Tötung des iranischen »Revolutionsführers« Ali Khamenei am Sonnabend gefeiert worden, während Damaskus offiziell für seine Gegenwehr verurteilte. Schließlich hatte Iran die Regierung des gestürzten Präsidenten Baschar Al-Assad unterstützt. In Homs und im Damaszener Stadtteil Midan gingen Menschen auf die Straßen. In Hama wurde die Nachricht während eines Fußballspiels unter dem Jubel der Fans auf der großen Anzeigetafel eingeblendet. Doch auch die Syrer bekamen den »schwarzen Tag für den Nahen Osten« leidvoll zu spüren, wie der Autor eines regelmäßigen Sicherheitsberichtes aus Damaskus schreibt. Israels Luftwaffe nutze den Luftraum im Süden Syriens, um Iran zu erreichen, auch Auftankmanöver fänden über syrischem Territorium statt, Raketen in beide Richtungen kreuzten den Himmel.
Eine Rakete, die am Sonnabend, aus dem Iran kommend, Richtung Israel flog, sei von der israelischen Luftabwehr über der Stadt Suweida im Süden Syriens abgeschossen worden, heißt es in dem Bericht. Vier Personen wurden von herabfallenden Raketenteilen getötet und viele verletzt, ein Wohnhaus wurde weitgehend zerstört. Am selben Tag seien auch iranische Raketen unweit von Homs sowie bei Ain Dhakar nahe der Grenze zu Israel abgefangen worden. Am Sonntag war der Absturz von iranischen Raketenteilen über der Ortschaft Inkhil und in Ein Tarma, einem Vorort von Damaskus, gemeldet worden. Dabei gab es vier Verletzte, darunter drei Kinder.
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