Geiseln des Tages: Strausberger Wahlbriefe
Von Max Ongsiek
Bei Verbrechen in Brandenburg ermittelt im Fernsehen oft ein knurriger Dorfpolizist à la Horst Krause, der am Ende seinen Trumpf aus der Tasche zieht: Er kennt jeden. Nachdem Krause nicht mehr unter uns weilt, müssen andere Spürnasen den jüngsten Fall im märkischen Strausberg aufklären. Das Städtchen mit verträumten Altbauhäuschen, idyllisch an einem See im Landkreis Märkisch-Oderland gelegen, machte wegen der dort am 15. Februar im ersten Wahlgang abgehaltenen Bürgermeisterwahl Schlagzeilen. Diese ist jetzt – laut einem Bericht des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) vom Montag abend – vom Landrat Gernot Schmidt (SPD) für ungültig erklärt worden. Sein Verdacht: Wahlmanipulation. Schmidt hatte Anzeige gegen Unbekannt erstattet.
Was bisher geschah: Die parteilosen Kandidaten Annette Binder und Patrick Hübner hatten bei der Wahl die meisten Stimmen erzielt und sollten am 15. März in der Stichwahl gegeneinander antreten. Allerdings sollen von den mehr als 4.000 versandten Briefwahlunterlagen laut einer Sprecherin des Kreises nur 2.835 die Wahlbehörde erreicht haben. Entschwunden seien rund 1.200, also 30 Prozent der Wahlbriefe.
Zunächst musste von einer Geiselnahme der Wahlbriefe ausgegangen werden. Aber ein Bekennerschreiben oder Forderungskatalog der Entführer tauchte nie auf. Die Spurensuche führte in eine örtliche Postfiliale, wie diverse Medien zu berichten wussten. Diese befindet sich demnach im Gebäude der Kaffeerösterei Hübners. Die Stimmen des Volkes seien dort liegengeblieben, ohne je ausgewertet worden zu sein. Der Landrat zog daraufhin die Reißleine. Denn: In dieser Demokratie soll jede Stimme zumindest gezählt werden. Die Konkurrenz freut sich derweil. Binder kündigte schon an, gegen die Aufhebung der Wahl keinen Widerspruch einzulegen.
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