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Aus: Ausgabe vom 07.02.2026, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
FDGB

»Da wurde ohne Schönfärberei Klartext geredet«

Über die Stimmung der Arbeiter in den letzten Jahren der DDR, die Arbeit im FDGB und die Kampagne gegen die Gewerkschaften im Herbst 1989. Ein Gespräch mit Gerhard Nennstiel
Interview: Nico Popp
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Gewerkschafter demonstrieren am Rande der ersten Sitzung des sogenannten Runden Tischs (Berlin, 7.12.1989)

Sie waren von 1988 bis 1989 Vorsitzender der IG Metall, der mit zuletzt 1,8 Millionen Mitgliedern größten Industriegewerkschaft im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund in der DDR. Was ist für Sie in der Rückschau auf das Jahr 1989 der größte Fehler oder das größte Versäumnis des FDGB?

Die größten Unterlassungsfehler des FDGB am unmittelbaren Vorabend der Krise waren dieselben Fehler, die auch die Partei gemacht hat, nämlich Sprachlosigkeit und Passivität. Der FDGB war auf der Ebene der Betriebe ein Faktor, aber darüber hinaus nicht. Und in den Betrieben haben wir Positionen verteidigt, die längst hätten korrigiert werden müssen. Probleme, die den Kolleginnen und Kollegen auf den Nägeln brannten, wurden über Jahre nicht systematisch angegangen.

Was war das zum Beispiel?

Mir geht es da vor allem um den Alltag in den Betrieben. Die Arbeiterklasse in der DDR war, anders als das nach 1990 behauptet worden ist, in hohem Maße leistungsbereit. Und sie sah immer häufiger, dass diese Einsatzbereitschaft bis zu einem gewissen Grad entwertet wurde, weil Probleme nicht gelöst wurden. Nehmen wir mal die Arbeitsteilung im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe. Dass die nicht oder nicht mehr funktionierte, sahen die Arbeiter jeden Tag. Es gab überall Probleme mit Zulieferungen. Ein ständiges Ärgernis waren die innerbetrieblichen leichten Transportmittel, die nicht im nötigen Umfang zur Verfügung standen, weil immerzu irgendein Bau- oder Ersatzteil fehlte. Die Arbeiter beim Kombinat Umformtechnik in Erfurt, wo gute und im Ausland sehr gefragte Pressen und Scheren hergestellt wurden, sahen, dass Siemens damit mehr verdiente als ihr Kombinat, weil die Steuerungstechnik von Siemens kam und nicht mehr aus der DDR. Im Edelstahlwerk Freital mussten die Leute über Jahre darauf hinweisen, dass die Abluft nicht funktionierte. Im Automobilwerk Eisenach rollten von dem auf 50.000 Fahrzeuge pro Jahr ausgelegten Band zum Schluss 70.000 Fahrzeuge, um nicht völlig den Anschluss an die Nachfrage zu verlieren. Da sind die Karosseriebauer mit der Schweißzange hinterhergelaufen, um die Takte einzuhalten, was natürlich auf Kosten der Qualität ging. Solche Beispiele ließen sich beliebig fortführen. Das waren alles keine großen Katastrophen, aber in Summe haben solche Zustände die Anziehungskraft des Sozialismus untergraben. Es gab keine handfeste antisozialistische Stimmung, aber all das hat unsere Position geschwächt.

Warum konnten die Dinge denn über Jahre so laufen?

Die Stimmung war trotz allem bis zuletzt so, dass die Kolleginnen und Kollegen einsatzbereit waren. Ich war als Gast bei vielen Vertrauensleutevollversammlungen. Das waren kleine Parlamente der Arbeit, die mindestens zweimal im Jahr stattfanden, und da wurde ohne jede Schönfärberei oder Rücksicht Klartext geredet. Und zwar so gut wie nie negativ oder gar feindselig, sondern vorwärtsdrängend – hier ist ein Problem, dort ist ein Problem, das gelöst werden muss. Ich habe bis heute den größten Respekt davor, wie selbstbewusst und engagiert diese Arbeiter waren. Aber viele an sich lösbare Probleme wurden eben nicht gelöst. Ein Grund dafür war, dass die entsprechenden Berichte immer stärker gefiltert wurden, je weiter »nach oben« sie gelangten, so dass dort der Eindruck entstehen konnte, es sei alles in bester Ordnung. Aber man kann nicht behaupten, dass solche Berichte nicht geschrieben oder Probleme nicht gesehen wurden. Verzögerungen entstanden hier, weil es eine verbreitete »Warten wir mal bis zur nächsten Versammlung«-Haltung gab, nachdem ein Problem angesprochen worden war.

Der Ansicht, dass die Arbeitsproduktivität auch deshalb zurückblieb, weil den Arbeitern bewusst war, dass es für sie persönlich keine Folgen hat, wenn Pläne nicht erfüllt werden oder die Arbeitsdisziplin mangelhaft ist, würden sie demnach nicht zustimmen?

Nein. Allenfalls gab es Ermüdungserscheinungen, die daraus resultierten, dass große und kleine Probleme immer wieder angesprochen wurden und es trotzdem keine Lösung gab. Dann wurde mitunter der Schluss gezogen: Es hat keinen Sinn, sich hier noch zu verausgaben. Aber das waren meiner Ansicht nach Ausnahmen.

Welche Einwirkungsmöglichkeiten hatte mit Blick auf die genannten Probleme ein Gewerkschaftsvorsitzender in der Spätphase der DDR?

Es gab, angefangen bei den Betrieben, erhebliche Mitgestaltungsmöglichkeiten für die Gewerkschaft. Aber ob diese Möglichkeiten genutzt wurden, hing, wie in vielen Bereichen der DDR-Gesellschaft, davon ab, ob die jeweils verantwortlichen Funktionäre die ihnen zur Verfügung stehenden Hebel auch betätigten. Was mich betrifft, will ich einen Fall schildern. Wenn ein neuer Plan ausgearbeitet wurde, musste die Gewerkschaft dazu angehört werden. Ich hatte fünf »Partnerminister«. Das waren die Chefs von Ministerien, die für Industriezweige verantwortlich waren, die die IG Metall organisierte. Dem für das Freitaler Werk zuständigen Minister habe ich gesagt, dass ich den Planentwurf nicht mittragen werde, solange das Problem mit der Abluft nicht behoben ist. Das hat dann Wellen geschlagen. Was bildet der sich ein, das gab es ja noch nie und so weiter. Aber das Problem wurde dann behoben. Kaum Einwirkungsmöglichkeiten hatte der FDGB dagegen beim Thema Versorgung, obwohl gerade wir in den 80er Jahren mit der Frage konfrontiert wurden, wie es sein konnte, dass Arbeiter, die von der Frühschicht kamen, beim Einkauf mitunter eine leere Wursttheke vorfanden. Oder dass sie große Schwierigkeiten hatten, an Ersatzteile für ihre Autos zu kommen. Das waren Dinge, die die ganze Erfolgspropaganda unterminierten.

Wie stand es um das Gewicht des FDGB in der Parteispitze? Harry Tisch war Mitglied des Politbüros, aber ein nennenswertes Profil hat er auf dieser Ebene nicht entwickelt.

Der Eindruck ist nicht falsch. Das war aber nicht in erster Linie ein persönliches Versagen von Tisch, sondern ein Problem der politischen Konstruktion. An sich war es eine gute Idee, den Gewerkschaftschef im Politbüro zu haben. Das war in den anderen sozialistischen Ländern nicht selbstverständlich. Günter Mittag war aber als ZK-Sekretär für Wirtschaft formell auch für die Gewerkschaften zuständig. Er war Tisch also gewissermaßen vorgesetzt, obwohl sie zusammen im Politbüro saßen. Und da Mittag noch dazu eine absolut dominante Persönlichkeit war und es nicht duldete, dass jemand aus seinem Zuständigkeitsbereich dem Generalsekretär andere Dinge erzählte als die, die er als Wirtschaftslenker für gut befand, konnte sich die gewerkschaftliche Perspektive auf dieser Ebene so gut wie nicht entfalten. Tisch hat vieles nicht gepasst, aber gegen Mittag kam er nicht an. Er musste sich ja sogar Dienstreisen von ihm genehmigen lassen.

Hinsichtlich der betrieblichen Ebene wird mitunter behauptet, dass die Betriebsgewerkschaftsleitungen in erster Linie als Helfer der Betriebsleitung aufgetreten sind. Ist das zutreffend?

Nein. Natürlich hat die Gewerkschaft den Leiter eines volkseigenen Betriebes nicht als Gegner betrachtet. Aber sie hatte die Aufgabe, in jeglicher Hinsicht die Interessen und Anliegen der Belegschaft zu vertreten. Die Mehrzahl der BGL-Vorsitzenden ist dieser Aufgabe gerecht geworden. Manche sind es nicht, und dann ist die BGL von der Betriebsleitung nicht ernst genommen worden. Es gab aber auch Fälle, wo die BGL die Betriebsleitung vor sich hergetrieben hat. Das Arbeitsgesetzbuch gab den Gewerkschaften im Betrieb umfangreiche Mitbestimmungsrechte, von denen Gewerkschaften heute nur träumen können. Das betraf die Arbeitsordnung, den Arbeitsschutz, Kündigungen, Arbeitsnormen, die Festlegung von Prämien, Überstunden und Nachtarbeit und so weiter. Der BGL-Vorsitzende konnte an den Besprechungen der Betriebsleitung teilnehmen, ohne darum bitten zu müssen. Da der gewerkschaftliche Organisationsgrad zumindest in der Metallindustrie durchweg über 90 Prozent lag, hatte dessen Stimme an und für sich Gewicht. Ob dieses Gewicht zur Geltung kam, hing dann wieder sehr davon ab, wie der BGL-Vorsitzende seine Rolle ausfüllen konnte oder ausfüllen wollte.

Wie war der FDGB aufgebaut?

Das grundlegende Prinzip des FDGB war »ein Betrieb, eine Gewerkschaft«. Die betriebliche Organisation war Bestandteil einer Industriegewerkschaft. Vertikal war die Gliederung Betrieb, Kreisvorstand, Bezirksvorstand. Die IG Metall hatte einen Zentralvorstand und ein Sekretariat mit folgenden Arbeitsbereichen: Vorsitzender, Stellvertreter, Sozialpolitik, Propaganda, internationale Arbeit, Kultur. Als Vorsitzender der IG Metall war ich wiederum Mitglied des Präsidiums des FDGB-Bundesvorstandes. Das war das für die wesentlichen Fragen entscheidende Gremium.

Auf welchen Ebenen des FDGB haben Sie gearbeitet?

Eingetreten bin ich 1964 im Automobilwerk Eisenach. Eine Funktion hatte ich damals nicht. Die erste hauptamtliche Leitungsfunktion hatte ich in Erfurt, wo ich ab 1982 FDGB-Bezirksvorsitzender war. Mit 36 war ich damals der jüngste Funktionär in so einem Amt in der gesamten Republik. Mein Vorgänger hatte die Altersgrenze erreicht. Es gab im FDGB den Grundsatz, dass Funktionäre mit Erreichen des Rentenalters oder bald danach ausscheiden. Das war in der Partei, aus deren Apparat ich damals zum FDGB gekommen bin, bekanntlich nicht so.

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Gerhard Nennstiel

Wie stand es im Bezirk Erfurt um das Arbeitsverhältnis von SED und FDGB?

Gerhard Müller, der damalige 1. Sekretär in Erfurt, legte großen Wert darauf, die Meinung der Gewerkschaft zur Stimmung in den Betrieben, zu Fragen der Planerfüllung und anderem zu hören. Bei Beratungen im Bezirkssekretariat der Partei oft sogar zuerst. Das Verhältnis war allerdings nicht überall so gut. Eine Anekdote dazu: Bei einem FDGB-Kongress waren wir im Gästehaus des ZK untergebracht. Wir waren beim Frühstück, da kam Müller herein und fragte, ob er sich zu uns setzen könne. Dann kam der SED-Bezirkschef von Schwerin, Heinz Ziegner, mit ein paar Mitarbeitern. Er setzte sich an einen anderen Tisch. Nach einiger Zeit kam einer aus der Gruppe zu uns und forderte den Schweriner FDGB-Chef auf, zu Ziegner zu kommen. Da gab es einen kleinen Wortwechsel, weil der Kollege noch beim Essen war, und Ziegners Bote zog wieder ab. Müller lachte. Diese kleine Szene zeigt, wie überfällig ein neues Verständnis von der führenden Rolle der Partei war. Diese Mentalität des Kommandierens und des Antretenlassens war in einer reifen sozialistischen Gesellschaft einfach nicht mehr zeitgemäß. Das war mir klar, als ich 1988 den Vorsitz der IG Metall übernahm.

Wie arbeiteten Sie als Vorsitzender der Gewerkschaft?

Das Sitzungswesen war recht ausgeprägt. Dafür wurden ein bis zwei Tage pro Woche aufgewendet. Zusätzlich standen Besprechungen unterschiedlichen Zuschnitts auf Sekretariats- und Vorstandsebene an, die die verschiedenen Arbeits- und Verantwortungsbereiche betrafen. Ein bis zwei Tage pro Woche hatte ich reserviert, um rauszufahren in die Betriebe. Ich habe auch sehr genau darauf geachtet, dass die anderen Mitglieder des Sekretariats regelmäßig vor die Tür gehen. Die erste Frage in den Sekretariatssitzungen war immer die nach der Stimmung und Lage im jeweiligen Arbeitsbereich. Die konnte man nicht kennen, wenn man nur am Schreibtisch saß. Dazu angehalten, regelmäßig in die Betriebe zu gehen, waren leitende FDGB-Funktionäre grundsätzlich. Das wurde aber nicht überall durchgesetzt.

Wie liefen diese Betriebsbesuche ab?

Ich habe das, um einen möglichst realitätsnahen Eindruck zu erhalten, immer recht kurzfristig angekündigt. Also den Betriebsfunktionären gesagt, dass ich morgen oder übermorgen bei ihnen bin. Und ich habe meistens nicht gesagt, was ich mir anschauen möchte.

Haben Sie bei diesen Besuchen 1988/89 den Eindruck erhalten, dass sich eine Krise entwickelt?

Für die Dynamik, wie sie sich dann im Herbst 89 entwickelt hat, habe ich in meinem Arbeitsbereich keine Anzeichen erkannt. Ich war kurz vor dem 40. Jahrestag der DDR im VEB Weimar-Werk bei einer großen Belegschaftsversammlung und habe dort in meiner Rede angesprochen, dass uns Menschen den Rücken kehren. Ich habe gefordert, über die Ursachen zu reden und diese Ursachen zu beseitigen. Da gab es viel Beifall. Im Präsidium des FDGB habe ich mich in diesen Wochen ähnlich geäußert. In einer Notiz, die ich Jahre später zu Gesicht bekam, hatte Tisch damals vermerkt: »Der Kollege Nennstiel hat vollkommen recht.« Darüber sind die Ereignisse hinweggegangen. Schon im Oktober hat sich der westdeutsche IG-Metall-Chef Franz Steinkühler bei mir gemeldet. Mit dem Vorschlag, eine Art Annäherung der beiden Gewerkschaften unter gesamtdeutschen Vorzeichen einzuleiten. Das hat der Vorstand auf meine Initiative hin abgelehnt.

Wie lief das mit der Kontaktaufnahme?

Wir hatten einen Kanal zur IG Metall in der BRD. Als ich den Vorsitz übernahm, hatte ich mich mit Steinkühler getroffen. Bei VW in Braunschweig. Das war ein kurzes Gespräch, weil er zu seinem Flieger musste, aber das reichte, um festzustellen, dass unser Verhältnis nicht sehr herzlich sein würde.

Die Ablehnung dieses Vorschlags aus dem Westen war beinahe Ihre letzte Amtshandlung.

Ja. Im November brach diese Kampagne los gegen angebliche Privilegienwirtschaft. Die richtete sich nicht nur gegen das alte Politbüro, sondern insbesondere auch gegen den FDGB. Die stellvertretende FDGB-Vorsitzende Johanna Töpfer ist in den Suizid getrieben worden. Auf einmal stand ein Artikel in der Berliner Zeitung, in dem der Bau meines Hauses als anrüchig dargestellt wurde. Heute weiß ich, dass dahinter eine Intrige stand. Aber damals hat mich das überrollt. Die Vorwürfe waren konstruiert. Ich hatte einen ordentlichen Vertrag mit dem Wohnungsbaukombinat, und verwendet wurden Platten, die beim Wohnungsbau ausrangiert worden waren. Es gab für alles Quittungen und Rechnungen, aber das hat erst einmal niemanden interessiert. In der damaligen Hysterie wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, das im März 1990, kurz nach der Volkskammerwahl, still und leise eingestellt wurde, nachdem sich die Vorwürfe in Luft aufgelöst hatten. Aber da war der Schaden angerichtet. Ich habe Anfang November 1989 meine Ämter und Funktionen niedergelegt. Das war ein Fehler, aber damals glaubte ich, keine andere Wahl zu haben. Wir haben immer sehr viel über Solidarität gesprochen, aber die habe ich in diesen Wochen nicht gespürt. Gefreut hat mich, dass sich ausländische Metallgewerkschafter aus Mitgliedsorganisationen des Weltgewerkschaftsbunds nach mir erkundigt und gefragt haben, ob sie irgendwie helfen können.

Ende 1989 wurde zwischen den Metallgewerkschaften der DDR und der BRD ein Kooperationsvertrag unterzeichnet, bald gab es einen gemeinsamen Arbeitsausschuss. Ab Mai 1990 hat die westdeutsche IG Metall dann nicht mehr auf eine Vereinigung, sondern auf die Vereinnahmung der Mitglieder der DDR-IG Metall hingearbeitet.

Alle im Apparat des FDGB, die sich in diesen Wochen und Monaten zu Helfern machten, weil sie dachten, es würde für sie persönlich eine Perspektive geben, mussten bald feststellen, dass sie sich geirrt hatten. Die westdeutschen Gewerkschaften hatten schnell ihre eigenen Leute vor Ort. Vom Apparat des FDGB sollte nichts übrigbleiben. Aber durch dessen Zerstörung wurden auch zahllose Mitglieder aus der Gewerkschaftsbewegung »entlassen«. Man sieht das an den Mitgliederzahlen des DGB. Die gingen damals von knapp 8 Millionen auf nicht ganz 12 Millionen hoch. Das heißt, von den rund neun Millionen Mitgliedern des FDGB wurden fünf Millionen gar nicht erst in eine DGB-Gewerkschaft übernommen. Eine katastrophale Bilanz. Dabei hatten die westdeutschen Gewerkschaften durchaus ein Interesse an den Mitgliedern. Allerdings sollte die Übernahme – offensichtlich, um ein »Einsickern« von unerwünschten FDGB-Strukturen auszuschließen – so durchgeführt werden, dass die Mitglieder des FDGB einzeln einer DGB-Gewerkschaft beitraten. Das damit absehbar verbundene Absinken des gewerkschaftlichen Organisationsgrades nahm man in Kauf. So ein Szenario wurde natürlich erst dann überhaupt vorstellbar, nachdem gewisse Fakten geschaffen worden waren.

Was erfolgte planvoll und was ergab sich einfach aus der Dynamik der Ereignisse?

Es liegt auf der Hand, dass bestimmte Entwicklungen nicht einfach so in Gang gekommen sind. Ich bin mir, was die Rolle der Gewerkschaften in dieser politischen und gesellschaftlichen Transformationsphase angeht, sehr sicher, dass diese Stimmungsmache gegen den FDGB, die sehr früh und sehr zielgerichtet einsetzte, kein Zufall war. Der FDGB war die größte Massenorganisation des Landes, und natürlich musste, wer in der DDR die Dinge ins Rutschen bringen wollte, sicherstellen, dass von dort aus keine Schwierigkeiten gemacht werden würden.

So oder so war der FDGB schon Ende 1989 kein Akteur mehr, mit dem Freund oder Feind zu rechnen hatten.

Das Ziel, den FDGB zu schwächen und zu paralysieren, ist erreicht worden. Da muss man in der Tat nichts schönreden.

Vor 80 Jahren, vom 9. bis zum 11. Februar 1946, fand in Berlin die erste Delegiertenkonferenz des Freien Deutschen Gewerkschafsbundes statt. In den kommenden Monaten bringt jW in loser Folge Interviews mit Gewerkschaftern, die an unterschiedlichen Stellen im FDGB tätig waren.

Gerhard Nennstiel wurde am 27. Juni 1946 in Krauthausen bei Eisenach geboren. Im Automobilwerk Eisenach erlernte er den Beruf des Zerspanungsfacharbeiters. Studium in Merseburg und Moskau. Bis 1981 Mitarbeiter der SED-Bezirksleitung Erfurt, dann stellvertretender und ab 1982 Vorsitzender der FDGB-Bezirksleitung Erfurt sowie Mitglied des FDGB-Bundesvorstandes. Ab 1986 Abgeordneter der Volkskammer, von Oktober 1988 bis November 1989 Vorsitzender der IG Metall. Er lebt in Berlin.

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