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Aus: Ausgabe vom 07.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Kunst

In Einfachheit groß werden

Über das Weiterwirken der Kunst von Paula Modersohn-Becker in der DDR. Aus Anlass ihres 150. Geburtstages
Von Peter Michel
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Gudrun Brüne: Malerinnen. 2009, Mischtechnik auf Hartfaser (70 × 130 cm)

Ihr Leben war kurz. Zwischen dem 8. Februar 1876, als sie in Dresden geboren wurde, und ihrem Sterben einige Tage nach der schwierigen Geburt ihrer Tochter in Worpswede am 20. November 1907 lagen nur 31 Jahre. Ihre Schaffenszeit war begrenzt: ein Kampf gegen Widerstände und Unverständnis. Heute gehört sie zu den berühmtesten Malerinnen. Dass sie eine »große Vorläuferin« des Expressionismus war, glaube ich nicht. Sie passt nicht in diese Schublade. Es ist schwer, sie irgendwo einzuordnen, denn sie ging ihren ganz eigenen Weg. Das ist es, was später lebende Künstlerinnen so faszinierte.

Erst vor einem Jahr, am 25. Januar 2025, starb die Malerin Gudrun Brüne, die in drei Bildern ihre Verehrung für Paula Modersohn-Becker festhielt. Von ihrem Gemälde »Selbst mit Vorbildern« (1982) gibt es zwei Fassungen, beide mit Brünes nachdenklichem Selbstporträt im Zentrum, jeweils flankiert mit Bildnissen Rosa Luxemburgs und Paula Modersohn-Beckers. Während in einer Fassung ein Selbstakt Modersohn-Beckers erscheint, stellte Brüne in der anderen Fassung vor diesen Selbstakt noch die malerische Interpretation eines Porträtfotos der Worpswederin. Symbolhafte Details (Blumen, eine Kerze u. ä.) ergänzen die künstlerische Huldigung ihrer Vorbilder. Auf dem ersten dieser Gemälde erscheint am oberen Rand ein Detail aus Albrecht Altdorfers »Alexanderschlacht« und auf dem anderen ein Ausschnitt aus einer der Antikriegsdarstellungen von Bernhard Heisig, mit dem Brüne verheiratet war. Auf diese Weise holt sie die Aussage aus dem Privaten ins Gesellschaftliche. Auf einem dritten Gemälde – »Malerinnen« (2009) – konfrontiert sie ihr eigenes Porträt mit Selbstbildnissen von Artemisia Gentileschi, Frida Kahlo und dem Selbstakt als Schwangere von Paula Modersohn-Becker.

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Susanne Kandt-Horn: Im Wind. o. J., Öl auf Hartfaser (71 × 74 cm)

Für die Ückeritzer Malerin Susanne Kandt-Horn (1914–1996) war Modersohn-Becker immer die große Liebe. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hatte sie in der Kunsthalle Hannover deren Bild »Stillende Mutter« gesehen. Dieses dunkle, in der Oberfläche »krause« Bild war für sie der Anstoß für ihren eigenen künstlerischen Werdegang, weil sich hier großer Realismus dokumentierte. Das Bild strahlte unerschütterliche menschliche Stärke, tiefe Phantasie und Lebenskraft aus. Kandt-Horn schätzte das »Fest des Lebens« in Modersohn-Beckers Kunst und ihr Ziel, »in Einfachheit groß zu werden«. In einem Text von 1976 für die DDR-Zeitschrift Bildende Kunst schrieb sie: »Was sie an den in Worpswede wohnenden Menschen anzog, war deren ›große biblische Einfachheit‹. Sie sah in den Armenhäuslern, den einfachen Leuten Vorbilder, denen sie auf ihre Weise und in ihrem Beruf nacheifern wollte – da zeigt sich ihre geheime Verwandtschaft zur Kollwitz. (…) Die Bilder entsprechen ganz und gar nicht der Allgemeinheit. Sie stammen aus seelischen Tiefen, die bei den meisten Menschen durch die Zivilisation verdeckt und verschüttet sind. Sie stand nicht vor der Natur, sondern in ihr. (…) Auch mit den grellen, lauten Gefühlsausbrüchen der Expressionisten verbindet sie nichts. Sie trägt in Stille ihr Werk aus.«

Das schrieb Susanne Kandt-Horn zum 100. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker. Auf uns wirken ihre Bilder 50 Jahre später noch immer als Zeugnis tiefer Einfühlung. Weder Kandt-Horn noch Brüne übernahmen formale Anleihen aus dem Werk ­Paula Modersohn-Beckers. Gudrun Brüne blieb bei ihrem eigenständigen malerischen Stil, und Susanne Kandt-Horns Gemälde erscheinen in ihrer prachtvollen Plastizität als eine andere Form der Feier des Lebens. Doch im Inneren wirkt das geistige Erbe Paula Modersohn-Beckers weiter. Es enthält etwas Einfaches, das schwer zu machen ist: Menschenliebe im Denken und Handeln ist heute überlebenswichtig.

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