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Aus: Ausgabe vom 07.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Olympia

Pulver

Schnee
Von Jürgen Roth
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Ich eigne diese Kolumne dem fintenreichen Heerführer aus Kiew zu, diesem lauteren, strahlenden Gönner des Volkes, dem Schutzherrn der Antifaschisten der Welt, der uns mit seinen blitzgescheiten Augen – nein, äh, da hat’s in meinem Kopfe offenbar eine Fehlschaltung gegeben, man kommt bei all dem Mediengedöns ja leicht durcheinander. Wer soll zum Beispiel noch verstehen, in welchen Villen an welchen südeuropäischen Küsten welche Geldkoffer und Pulverpakete welche Inhaber wechseln, dadadaada, ­dadaadamm.

Von den meisten unbemerkt, begannen die Olympischen Winterspiele in Mailand, Cortina und weiß der Geier in welch anderen schneegepuderten Örtlichkeiten schon am Donnerstag. Vormittags liefen Livestreams vom Curling, dem nach Handball besten Sport, ohne Kommentar, einfach Ton, der Stein kratzte wirbelnd übers Eis, während in dubiosen Sprachen, etwa auf estnisch, Kommandos geplärrt wurden.

Für mich hätte das so weiterschnurren dürfen, aber um zwölf ging das lineare ZDF-Fernsehen auf Sendung, und die rätselhaft kluge Katrin Müller-Hohenstein, die aussah, als sei sie gerade aus einer Bar gehüpft, sülzte einen derart aufgekratzt voll, dass man den Kanal bereits neuerlich voll hatte. »Wir haben ganz viel Lust und Vorfreude«, schmolz sie vor Selbstanbetung dahin, alles sei »sehr bunt, sehr schrill, sehr leicht«, und sie gab ab an den Kreischkopp Konstantin »Wir sind heiß« Klostermann, der zusammen mit einer ähnlich haltlosen »Expertin« namens Ronja Jenike das Fraueneishockeymatch Schweden – Deutschland kommentierte (»viel mehr Duelle im direkten Duell«).

Diese ganze Sportjournalistenbrut gehört zur Zuckerrohrernte geschickt, und ich erinnerte mich an Günter-Peter Ploog, der Franz Beckenbauer auf die Palme gebracht hatte und ein nobler, seriöser, intellektueller Mann am Mikrophon gewesen ist. Die Zeitungslegende Oskar Beck pries Ploog nach dessen Tod 2016 als »journalistischen Anarchisten« und als jemanden, der die »Sonderschule des Interviews« und die »teuflischen Standardfragen« verabscheut hatte.

2014 in Sotschi war Ploog ein letztes Mal fürs ZDF tätig und zum Dameneishockey abkommandiert. Ploog, jahrzehntelang der Eishockeykommentator schlechthin, ließ seinem Unmut freien Lauf: Er könne den Zuschauern auch nicht erklären, warum man sich diesen absurden Quatsch angucken solle. Für ihn jedenfalls sei das eine Tortur. Ich werde auf den passionierten Raucher Günter-Peter Ploog zurückkommen.

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