Keine Kompromisse bei Zalando
Von Sebastian Edinger
Mehr als 1.500 Beschäftigte kamen am Donnerstag zur Betriebsversammlung des Zalando-Logistikzentrums in Erfurt zusammen. Anfang Januar hatte die Konzernführung überraschend verkündet, den Standort im September zu schließen. Dafür wird im hessischen Gießen ein hochautomatisiertes Lager aufgebaut, das mit deutlich weniger Personal auskommt. Der Betriebsrat will die Schließung nicht akzeptieren und so lange wie möglich hinauszögern, betonte der Vorsitzende, Tony Krause, vor der Versammlung gegenüber MDR Thüringen. Statt Angestellte auszuzahlen, sollten die Mittel lieber in den Weiterbetrieb investiert werden.
Allerdings lässt die Konzernführung keinen Zweifel daran, am Zeitplan festhalten zu wollen. Schon bei einem Krisentreffen mit Vertretern der Stadt- und Landespolitik wurden Fragen, ob die Entscheidung überdacht werden könne, zurückgewiesen. Der Betriebsrat soll ohnehin kleingehalten werden. So wurde den Belegschaftsvertretern selbst das gesetzlich verbriefte Recht verweigert, bei weitreichenden Entscheidungen frühzeitig informiert und angehört zu werden. Statt dessen nahm Zalando noch das profitträchtige Weihnachtsgeschäft mit, das motivierte Mitarbeiter mit hoher Überstundenbereitschaft erfordert, und stellte die knapp 2.700 Beschäftigten kurz nach dem Jahreswechsel vor vollendete Tatsachen.
»Der Arbeitgeber muss mit uns ins Gespräch gehen, warum unser Betrieb geschlossen werden soll«, sagt Krause. Für kommende Woche ist ein weiteres Gespräch zwischen Management und Betriebsrat anberaumt. Während der Betriebsrat weiter auf eine Kehrtwende hofft, will der Vorstand den Termin nutzen, »um einen Interessenausgleich und einen Sozialplan zu besprechen«, sagt Personalchefin Astrid Arndt. Dass das größte Unternehmen der Region wie geplant die Segel streicht, daran soll es keinen Zweifel geben. Und auch nicht daran, dass die Entlassenen seitens des Konzerns kaum mehr Unterstützung als gesetzlich vorgeschrieben erwarten dürfen.
Betroffen sind neben den 2.700 Zalando-Beschäftigten und ihren Familien auch zahlreiche Angestellte von Subunternehmern, etwa Reinigungsfirmen oder Wachdiensten. Die Arbeitsagentur erfasst derzeit die Qualifikationsprofile der Betroffenen, um möglichst viele an andere Firmen in der Region zu vermitteln. Noch im Februar soll zudem eine schichtübergreifende Jobbörse am Standort stattfinden, zu der laut dem Thüringer Sozial- und Arbeitsministerium bereits über 60 Unternehmen ihre Teilnahme zugesagt haben.
Auf Antrag der BSW-Fraktion wurde am Mittwoch auch im Landtag über die Zalando-Schließung diskutiert. Matthias Herzog, der wirtschaftspolitische Sprecher des BSW, wies auf die großen Herausforderungen hin, für alle Beschäftigten gute Lösungen zu finden. Es gebe 400 Zalando-Angestellte älter als 58 Jahre, zahlreiche Menschen mit Behinderung, viele Einwanderer, deren Aufenthaltstitel am Arbeitsvertrag hängt, und 500 befristet Beschäftigte, die ihren Job weit vor September verlieren. Das Vorgehen der Konzernführung bezeichnete Herzog als »nicht nur sozial ungerecht, sondern moralisch verwerflich«.
Die Förderpolitik Thüringens müsse künftig stärker auf regional verwurzelte Unternehmen ausgerichtet werden, forderte Herzog. Bei der Gründung des Standorts 2012 hatte Zalando 22 Millionen Euro aus Bundes- und Landesmitteln erhalten. »Fördermittel gehören vorrangig dorthin, wo Unternehmen regional verwurzelt sind.«
Auch die Linksfraktion im Landtag will eine Reform der Förderpolitik, »um dem Fördermitteltourismus von Großkonzernen entgegenzuwirken«. Die Gelder sollen demnach stärker und länger an die Wahrnehmung sozialer Verantwortung gebunden werden. Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linken, Lena Saniye Güngör, kritisierte in der aktuellen Stunde die Landesregierung, weil diese in einer Unterrichtung der Abgeordneten argumentiert hatte, eine längere Bindung der Fördermittel an den Erhalt von Arbeitsplätzen sei in einem marktwirtschaftlichen System nicht wünschenswert.
Unklar ist derweil auch, wie es mit dem Standort im Industriegebiet Erfurter Kreuz selbst weitergeht. Die 130.000 Quadratmeter große Halle wurde eigens für Zalando gebaut und an die spezifischen Bedürfnisse des Konzerns angepasst. Eigentümer ist die Goodman Group, ein internationaler Immobilieninvestor. Zalando tritt lediglich als Mieter auf, der Mietvertrag läuft laut Berichten noch bis Ende 2027. Die Landesregierung geht von einer komplizierten Nachfolgelösungssuche aus, die sich bis ins kommende Jahr ziehen kann.
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