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Aus: Ausgabe vom 03.02.2026, Seite 2 / Ausland
Krieg im Sudan

Wie wirkt sich die Bildungskrise aus?

Krieg im Sudan: Schulen sollten Kindern Schutz bieten, werden aber gezielt angegriffen, erklärt Susanne Sawadogo
Interview: Gitta Düperthal
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Kinder im Geflüchtetenlager Tiné im Tschad an der Grenze zum Sudan (21.11.2025)

Seit April 2023 bekämpfen sich im Sudan die Sudanesischen Streitkräfte, SAF, unter Staatschef Abdel Fattah Burhan und die Rapid Support Forces, RSF, unter Burhans früherem Stellvertreter Mohammed Hamdan Daglo. Kinder dort leiden seither unter einer Bildungskrise – in welchem Ausmaß?

Nach Berechnung von Save the Children haben acht Millionen Kinder wegen des Krieges den Unterricht verpasst, seit Kriegsbeginn fielen rund 500 Unterrichtstage aus. Insgesamt sind im Sudan drei Viertel der 17 Millionen Kinder in dieser misslichen Lage, denn viele haben noch nie eine Schule besucht. Im Sudan haben die meisten mehr Unterricht verpasst als irgendein Kind auf der Welt während der Coronapandemie. Schulen wurden während des Krieges beschädigt, zerstört oder als Notunterkünfte genutzt. Im Bundesstaat Norddarfur sind von ehemals 1.100 Schulen nur noch drei Prozent geöffnet; in Süddarfur nur 13 Prozent, Westkordofan folgt mit 15 Prozent und Westdarfur mit 27 Prozent. In besonders umkämpften Gebieten ist das Problem am größten.

Wie wirkt es sich auf die Lebensrealität und die Zukunftsperspektiven der Kinder aus, wenn Schulen schließen und Unterricht ausfällt?

Wenn Kinder nicht lernen können, haben sie weniger Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben. Schulen sind nicht nur Bildungsstätten, sondern geben Kindern im Alltag eine Struktur. Sie können das Leben in der Gemeinschaft erlernen, mit Gleichaltrigen reden und spielen. Fünf Millionen Kinder leiden im Sudan an Mangelernährung. Deshalb legen wir viel Wert auf Schulmahlzeiten. Zudem finanziert Save the Children eine psychosoziale Betreuung an Schulen, damit Kinder die schlimmen Kriegserlebnisse verarbeiten können. Schulen sollten Kindern Schutz und Sicherheit geben. Doch mitunter werden sie im Krieg gezielt angegriffen.

Die Geschäftsführerin von Save the Children, Inger Ashing, war im Januar im Sudan. Was hat sie berichtet?

Sie hatte dort Kontakt zur neunjährigen Amina, die in der Nähe von Port Sudan eine von Save the Children unterstützte Schule besucht. Sie wurde vertrieben, konnte fast ein Jahr lang in keine Schule gehen. Nun muss sie zwar einen weiten Schulweg ganz allein zu Fuß zurücklegen und hat manchmal Angst davor; doch sie nimmt es auf sich, freut sich, dort ihre Freundinnen zu treffen, liebt es, die englische Sprache zu lernen, und bekommt eine tägliche Mahlzeit.

Ihre Organisation betreibt dort Bildungsprojekte und unterstützt die Ausbildung und Bezahlung von Lehrkräften. Wie wirken Sie noch vor Ort?

Der elfjährige Malik besucht eine Schule, die von Save the Children in einen schöneren Lernort umgewandelt wurde. Zuvor hatten die Klassenräume keine Wände, Ziegen oder bellende Hunde störten im Unterricht. Die Kinder konnten sich kaum konzentrieren. Wir haben die Schule ausgebaut, Toiletten eingerichtet, Lernmaterialien besorgt und finanzieren auch hier Schulmahlzeiten. Bei der humanitären Hilfe wird Bildung oft vergessen oder als nachrangig eingestuft. Bildung ist aber der Schlüssel dazu, dass Kinder einen Beruf lernen und ihr Land mit aufbauen können, wenn der Krieg vorbei ist.

Erschwert es Ihre Arbeit, dass die deutsche Bundesregierung Entwicklungsgelder kürzt?

Vermutlich werden wir dies bei künftigen Projektanträgen spüren. Zu merken ist schon jetzt, dass international umfassend Hilfsgelder gestrichen wurden. Als regierungsunabhängige Organisation finanzieren wir Projekte zwar zum Teil aus Spenden, aber nur zusammen mit staatlichen Mitteln kann der große Bedarf an Hilfe gedeckt werden. Wir appellieren an die Bundesregierung, die Gelder für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe wieder aufzustocken und sich für Frieden einzusetzen. Nur so können Kinderrechte eingehalten werden. Mitunter müssen wir Projekte unterbrechen, weil es für unsere Mitarbeitenden zu gefährlich wird, wenn Kampfhandlungen stattfinden. Oft wird der Zugang zu humanitärer Hilfe erschwert oder verhindert. Deshalb wünschen sich Kinder in Konflikten vor allem eins: Frieden.

Susanne Sawadogo ist Medienreferentin der Kinderhilfsorganisation Save the Children

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