Grenzen der Macht
Von Jörg Kronauer
Man kann aus den Epstein Files so manches lernen über die herrschende Klasse des Kapitalismus in der Zeit der Monster. Die jüngsten Veröffentlichungen haben neue Details über ihre globalen Netzwerke enthalten. So weiß man jetzt zum Beispiel, dass bei Jeffrey Epstein nicht nur Israels Expremierminister Ehud Barak ein und aus ging, sondern auch der Milliardär Sultan Ahmed bin Sulayem, Chef des mächtigen Hafen- und Logistikkonzerns DP World aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Und man weiß, dass das keine Nebensächlichkeit aus dem Privatleben zweier einflussreicher Personen ist: Sulayem suchte über Epsteins Netze einen Deal in Israel anzubahnen, der über offizielle Kanäle damals noch nicht möglich war. Solche Geschäfte mussten und müssen immer irgendwo in die Wege geleitet werden; Epstein bot dafür seine Beziehungen an. Zugleich kompromittierte er seine Gäste, was ihm zusätzlich Macht verschaffte. Dass Geheimdienste, die die Möglichkeit besaßen, sich hinter ihn klemmten, liegt auf der Hand.
Epstein kompromittierte und vernetzte fleißig; und doch: Einige der Dokumente, die Ende vergangener Woche bekannt wurden, zeigen auch die klaren Grenzen seiner Macht. Sulayem etwa kam mit dem ersehnten Deal in Israel über den Milliardär aus New York nicht weiter. Den Grund nannte damals, im Jahr 2013, Barak: Es sei »noch ein bisschen zu früh«, schrieb er Epstein; da müsse sich im Nahen und Mittleren Osten erst noch so manches bewegen. Wo der politische Rahmen es nicht hergibt – das zeigt dieses Beispiel –, da helfen auch noch so gute Netzwerke nicht. Das war auch der Fall, als Epstein im Jahr 2009 bei einem seiner desavouierten Gäste, bei Großbritanniens Wirtschaftsminister Peter Mandelson, nachhakte, ob London wirklich in Reaktion auf die Weltfinanzkrise eine neue Steuer auf die Boni von Bankern einführen müsse. Mandelson schrieb zurück, er tue bereits sein Bestes, beiße aber leider auf Granit. Und überhaupt – die gesamte Finanzbranche liege ihm längst in den Ohren. Nachhilfe von Epstein benötige er nicht.
In den Epstein-Files erfährt man einiges über die Netzwerke der Mächtigen. Anders sieht es mit Struktur und Funktion bürgerlicher Staaten oder gar des Kapitalismus aus: Die – und auf sie kommt es ja eigentlich an – haben auch die Mächtigen nicht wirklich im Griff. Letztlich reduzieren sich die Erkenntnisse also auf allerlei operative Details und vor allem auf einen satten Beitrag zur Sozialgeschichte des verrottenden Kapitalismus. Dass dessen Hauptmacht sich einen Präsidenten leistet, dem Epstein einst eines seiner Opfer, eine junge Frau, in Mar-a-Lago mit den Worten übergab: »Das ist ›ne gute, ne?« – das spricht für sich. Wobei es auch in Europa Vergleichbares gab und vielleicht auch noch gibt; man denke etwa nur an Bunga-Bunga-Berlusconi. Dass die Dimensionen der Gewalt gegen Frauen bei Epstein wohl größer waren, hat auch damit zu tun, dass New York eins der Zentren des westlichen Kapitalismus ist, Sardinien aber eher nicht.
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