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Aus: Ausgabe vom 28.01.2026, Seite 4 / Inland
Dobrindts »Kopfgeld«

Prämie fürs Anschwärzen

Anschlag auf Berliner Stromnetz: BKA lobt eine Million Euro Belohnung aus. Dobrindt verkündet »Aufrüstung« für »Kampf gegen Linksextremismus«
Von Kristian Stemmler
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Fahndungsaufruf von BKA und Generalbundesanwalt in Berlin (27.1.2026)

Für Hinweise, die zur Aufklärung von Straftaten führen, setzen Polizei oder Justiz für gewöhnlich 5.000 Euro aus, in manchen Fällen auch schon mal 10.000 oder 15.000 Euro. Wenn es gegen links geht, greift der Staat tiefer in die Tasche. Generalbundesanwalt und Bundeskriminalamt (BKA) haben ein rekordverdächtiges Kopfgeld von einer Million Euro ausgelobt, um die Verantwortlichen für den Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz am 3. Januar zu fassen. Die Tat wird einer »Vulkangruppe« zugeschrieben, die von den Ermittlern als »linksextremistisch« verortet wird.

Die hohe Belohnung solle »die Bevölkerung zur Mitwirkung animieren«, erläuterte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) am Dienstag in Berlin. Er fände es »angemessen, dass man mit einer Belohnung in dieser Größenordnung deutlich macht, wie ernsthaft die Lage ist«. Wie das BKA auf seiner Homepage mitteilt, müssen die Hinweise bis zum 24. Februar 2026 eingehen und zur Ermittlung »des oder der Täter« führen, um sich das Geld zu erhalten. Man kann davon ausgehen, dass die Belohnung auch deshalb so hoch ausfällt, weil Personen aus dem Umfeld der Täter zur Denunziation bewegt werden sollen.

Die Berliner Innensenatorin Iris Spranger (SPD) hatte die Millionenprämie fürs Anschwärzen bereits am Montag im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses erwähnt und von einem »einmaligen Vorgang« gesprochen. Sie könne sich nicht erinnern, dass der Bund einen Zeugenaufruf »in so einer Größenordnung und in so einer Situation« schon mal gemacht habe. Tatsächlich lag die höchste Belohnung in der BRD bisher bei 500.000 Euro für Hinweise zum Juwelenraub im Grünen Gewölbe in Dresden. Für den Tip, der zur Verhaftung des mutmaßlichen Ex-RAF-Mitglieds Daniela Klette führte, gab’s vom BKA 25.564,60 Euro. Die krumme Summe entspricht den 50.000 D-Mark, die 1993 für ihre Ergreifung ausgesetzt worden waren.

Dobrindt kündigte mit Blick auf den Anschlag vom 3. Januar und die Belohnung eine »breit angelegte Informationskampagne« in Berlin und Brandenburg an. Das BKA werde sein Personal verstärken, um rund um die Uhr Hinweise entgegennehmen zu können. Die Höhe der Belohnung begründete der Minister auch mit der hohen Anzahl der Betroffenen. Mehr als 100.000 Menschen hätten unter dem Stromausfall zu leiden gehabt, sagte er.

Erneut kündigte Dobrindt auch, wie bereits am Wochenende in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (SZ), ein verstärktes Vorgehen gegen Linke an: »Wir rüsten auf für den Kampf gegen den Linksextremismus.« Dazu werde der Verfassungsschutz personell aufgestockt und mit neuen Befugnissen ausgestattet – etwa bei der digitalen Datenanalyse, der automatischen Gesichtserkennung und der Speicherung von IT-Adressen. Der CSU-Politiker zeigte sich variabel in der Wortwahl. Man wolle Personen aus dem Spektrum »auf den Leib rücken«, tönte er am Dienstag. Im SZ-Interview hatte er erklärt, er wolle Linken »auf den Zahn fühlen«, bei einem Besuch in Israel vor zwei Wochen drohte er, linken Gruppen »auf den Pelz zu rücken«.

Scharfe Kritik an den Plänen des Ministers kam von der Fraktion Die Linke. »Dobrindts Ankündigungen lassen Schlimmes erwarten«, erklärte Clara Bünger, innenpolitische Sprecherin, am Dienstag gegenüber jW. Mit der Aufrüstung des Verfassungsschutzes drohe eine »weitere Aushöhlung von Grundrechten, was dem autoritären Umbau des Staates Vorschub leistet«. Um das zu rechtfertigen, konstruiere der Innenminister »eine Drohkulisse durch einen angeblich erstarkten ›Linksextremismus‹, der mit geheimdienstlichen Mitteln bekämpft werden soll«.

Als »irrsinnig« bezeichnete Bünger die hohe Belohnung für Hinweise zum Brandanschlag vom 3. Januar. Da werde eine Million Euro ausgelobt, während in Berlin die öffentliche Infrastruktur verfalle und bei der sozialen Daseinsvorsorge rigoros gespart werde. Offensichtlich sei genug Geld da. Es komme aber nicht der armen und arbeitenden Bevölkerung zugute, »sondern wird von Dobrindt aus dem Fenster geworfen, um seine rechte Innenpolitik durchzuziehen«, so die Linke-Politikerin.

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  • Leserbrief von Peter (29. Januar 2026 um 09:30 Uhr)
    Eine Million Euro fürs Anschwärzen – ganz schön fett. Bei der Stasi gab's fürs anschwärzen ein Sachgeschenk »Obstschale« und wer »Gundermann« gesehen hat, lacht mit mir.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinz-Joachim R. aus Berlin (29. Januar 2026 um 17:47 Uhr)
      Ich wundere mich, mal ganz unabhängig vom Vorfall, wer hier diese linksorientierte Zeitung liest und dann noch mit seinem klassenübersehend diffamierenden Geschichtsvergleich veröffentlicht wird. Da sei mir wenigstens ein orthographisches Anschwärzen gestattet.
    • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (29. Januar 2026 um 12:29 Uhr)
      Man beachte, welche Viertel von besagtem Stromausfall betroffen waren. Wären das stattdessen Marzahn, Hellersdorf oder Neukölln gewesen, wäre das Kopfgeld ganz bestimmt wesentlich bescheidener ausgefallen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (28. Januar 2026 um 19:27 Uhr)
    Sehr geehrte Clara Bünger, der Wahnsinn hat Methode! Meine einschlägige Lektüreempfehlung, nicht nur für Sie: https://oll.libertyfund.org/pages/marx-manifest (gut leserliche Version) und Kopie des Orignals mit OCR-Umschrift: https://www.deutschestextarchiv.de/book/view/marx_manifestws_1848?p=1 . Dobrindt hält sich halt für einen Gespensterbeschwörer, bei gespenstischen Gestalten ist das keine Seltenheit.
  • Leserbrief von Ecki_C (28. Januar 2026 um 17:17 Uhr)
    Was soll denn das? Egal, wer einen Anschlag verübt, insbesondere in der Größenordnung wie auf die Kabelbrücke, gehört verurteilt. Ob das nun Linke (Linksextreme), Rechte (Rechtsextreme) oder der »Bürger von nebenan« war, ist egal. Oder ist es in Ordnung, wenn 100.000 Bürger im Dunkeln und im Kalten sitzen, weil es Linke und nicht Rechte waren? Dass so viele äußerst sensible und wichtige Infrastrukturprojekte ziemlich ungesichert sind und auch noch auf öffentlich zugänglichen Informationsplattformen zu finden sind, ist ein Skandal. Frontal (ZDF) brachte gestern einen relativ langen Beitrag dazu.

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