Pakt für Industriepark Nordsee
Von Burkhard Ilschner
Regierungschefs und Energieminister von zehn Staaten der Nordseeregion haben am Montag gemeinsam mit EU-Kommission und NATO in Hamburg den Weg freigemacht, die Nordsee endgültig zu einem weiteren Industriepark umzugestalten: Gemeinsam mit mehr als 100 Industrievertretern traf man sich zwischen Rathaus und Handelskammer der Hansestadt zum mittlerweile dritten »Nordseegipfel« über den Ausbau von Offshorewindkraft.
Im Frühjahr 2023 hatte der zweite »Nordseegipfel« im belgischen Ostende beschlossen, bis 2050 auf dem Randmeer Offshorewindkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 300 Gigawatt zu errichten. Das liefe, so hieß es damals, ungefähr auf eine Stromproduktion in der Größenordnung von 900 TWh hinaus – weit mehr als der reale Bedarf aller Staaten rund um die Nordsee. In Hamburg nun wurde diese Zielsetzung bekräftigt und ein gemeinsamer Investitionspakt der beteiligten Nordseestaaten, der Offshorewindindustrie und der Übertragungsnetzbetreiber unterzeichnet. Der Branche werden unter anderem geänderte Ausschreibungsverfahren, Abnahmegarantien und damit über 2030 hinaus Investitionssicherheit sowie Abfederung von Risiken zugesichert. Grenzüberschreitende Projektierung von Windparks und Stromnetzen sowie staatliche Garantien für den Schutz kritischer Infrastruktur sollen dabei helfen. Die Branche verspricht neben Investitionen in neue Produktionskapazitäten in Höhe von 9,5 Milliarden Euro und der Schaffung von 91.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen auch die Verbilligung der Stromerzeugung um 30 Prozent – das klingt fast wie ein Geschenk der Industrie an Staaten und Bürger: Man darf gespannt sein auf derzeit noch fehlende Details.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche und Bundeskanzler Friedrich Merz (beide CDU) als Veranstalter schwärmten erneut davon, die Nordsee zum »größten Reservoir für saubere Energie weltweit« zu machen – der Nabu-Meeresschutzexperte Kim Detloff nennt das angesichts der biologischen Vielfalt des Meeres und deren Bedeutung ein völlig abseitiges Narrativ. Europa solle mit den Gipfelbeschlüssen »unabhängiger, widerstandsfähiger und wettbewerbsfähiger« werden, postulierte unter anderem der Kanzler. Absurd: Da wird für massive Windkraftinvestitionen bis 2050 (!) der Weg frei gemacht, zugleich bezeichnet Merz eben diese Technik als Übergangslösung für bis zu 30 (!) Jahre – und setzt ausdrücklich auf Fusionsreaktoren als Zukunftsoption, die keine andere Energieerzeugung mehr benötige. Die Nutzung von Windkraftstrom für die Produktion »grünen« Wasserstoffs als »Energieträger der Zukunft«, ebenfalls Konferenzthema, wäre damit auch erledigt. Woher übrigens Zigtausende neuer Windrotoren samt benötigter Supra- und Infrastruktur ihre Rohstoffe, Bauteile oder ihr Versorgungszubehör beziehen sollen, blieb im Kontext von »unabhängig« völlig offen.
Abhängig machen solche Ausbau- und Vernetzungs-Vorhaben indes von massiven Sicherheitsüberlegungen – und damit sind nicht eventuelle Risiken durch benachbarte unterseeische CO2-Speicher gemeint: »Nicht erst seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine« konstatierte Reiche »zunehmende Angriffe auf unsere kritische Infrastruktur« und begrüßte ausdrücklich auch NATO-Vertreter beim Gipfel. Stromnetze, Pipelines, Datenkabel und was sonst noch die »digitale Souveränität des Kontinents« gewährleiste, seien besonders gefährdet, hieß es von verschiedenen Seiten unter Verweis auf angebliche hybride Angriffe von mutmaßlich russischer Seite.
Passgenau wurde am Montag abseits des Gipfels ein gemeinsamer Appell der Küstenstaaten von Nord- und Ostsee bekannt, der von der internationalen maritimen Wirtschaft und Verwaltung mehr Schutz für schiffahrtsrelevante globale Satellitennavigationssysteme fordert. Explizit sei in diesem Zusammenhang von Störungen die Rede, »die ihren Ursprung in der Russischen Föderation haben«, berichtete das maritime Portal Hansa.
Industriepark Nordsee? – Die Debatte offenbart allerdings auch ein Dilemma der großen Umweltverbände. Während ihre Erklärung zum Gipfel ausdrücklich den »ambitionierten Ausbau der Erneuerbaren« begrüßt, fordern sie indes mit Blick auf die stark gefährdete Biodiversität eine Begrenzung der Ausbauziele entsprechend der »Belastungsgrenzen des marinen Ökosystems«. Das klingt, mit Verlaub, etwas hilflos und erinnert an den Spruch »Wasch’ mir den Pelz, aber mach’ mich nicht nass«. Auf Fragen des Meeresumweltschutzes fokussierte Nordseekonferenzen früherer Jahrzehnte hatten sich da viel energischer engagiert. »Zeitenwende« eben.
Probeabo
Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
-
Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (28. Januar 2026 um 17:45 Uhr)War denn bei dieser aufgeblähten »Zukunftskonferenz« niemand mit physikalischen Grundkenntnissen zugegen? Dem weiteren Ausbau der Offshore-Windenergie – hier der Nordsee – sind nicht nur meeresbiologische, ökologische sowie meteorologische Begrenzungen gesetzt, sondern schlicht auch physikalische mit entsprechenden ökonomischen Konsequenzen. Kurzum: Das Energieerhaltungsgesetz gilt auch auf hoher See. Das bedeutet praktisch: Je dichter und je weiter die Installation von Windkraftparks in die offene See hinausgetrieben wird, desto weniger Wind kommt noch bei den nachgeordneten landnäheren Windanlagen an. Die Umwandlung erheblicher Anteile der Strömungsenergie (Wind) in kinetische Energie (Rotation der Windräder bzw. Turbinen) in den vorderen Reihen führt zu einer exponentiellen Reduktion der von den nachfolgenden Anlagen jeweils noch nutzbaren Windenergie und damit notwendigerweise zur system- bzw. größenbedingten Absenkung des Gesamtwirkungsgrades. Dieser sowie die überproportionalen Kosten für Planung, Genehmigung, Konstruktion, Installation, Inbetriebnahme, Betrieb, Überwachung, Instandhaltung, Reparatur sowie Rückbau bestimmen die ökonomisch (gerade) noch vertretbaren Größenordnungen von Offshore-Windparks und nicht etwa die dilettantischen Phantasien und populistischen Phrasen von Politikern*innen.
-
Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (28. Januar 2026 um 13:45 Uhr)»Jedes zusätzliche Kilogramm Menschheit bedeutet mit absoluter Zwangsläufigkeit ein Kilogramm nicht-menschlichen tierischen Lebens weniger«, so Asimow in »Die gute Erde stirbt« im Spiegel 21/1971. An dieser Aussage ist nichts zu deuteln (von einem Gegenbeweis lasse ich mich gerne überzeugen). Ein Kilogramm Menschheit kann natürlich wesentlich mehr als ein Kilogramm nicht-menschlichen tierischen Lebens verdrängen, muss aber nicht. In einigen Gegenden der Welt sind Tierschützer derzeit damit beschäftigt, durch Beseitigung etlicher Kilogramme Menschheit der nicht-menschlichen Biomasse wieder bessere Möglichkeiten zu verschaffen. Diese Tendenz könnte sich zu exponetiellem Wachstum steigern, ein paar überleben ja immer (Edward Teller). Damit ein Verhältnis von 1kgM:-1kgT erreicht wird, müsste sich die Menschheit eigentlich rational mit ihren Existenzproblemen auseinandersetzen und kooperieren. Dieser Pakt stellt aber genau das Gegenteil dar, er zielt auf Konkurrenz und Konfrontation, ein militärisch-industrieller Komplex soll in der Nordsee hochgezogen werden. An Land haben wir schon riesige Mengen an Dual-use-Gütern, gerne auch als kritische Infrastruktur benannt. Die leichte Verletzlichkeit dieser Strukturen erzwingt die Unterordnung von allem und jedem. Was das bedeutet sehen wir derzeit. Viel Zeit, von der Klasse an sich zur Klasse für sich zu werden, hat sie nicht mehr.
-
Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (28. Januar 2026 um 09:34 Uhr)Vermutlich, weil keine Kosten-Nutzen-Analysen inklusive der späteren Entsorgung der Anlagen vorliegen, werden durch Herstellung, Lieferung, Bau und Wartung bereits im Vorfeld deutlich mehr CO₂ ausgestoßen, als die Anlage in den kommenden Jahren einsparen kann – ganz zu schweigen von den zukünftigen Entsorgungskosten. Die stabilen Fundamente und die Stromverkabelung werden den Meeresboden der Nordsee regelrecht »zubetonieren«, und die Kosten für deren spätere Entsorgung werden in den Bilanzen vermutlich nicht berücksichtigt. Welchen Sinn soll das ergeben? Enorme Naturschäden und ein hoher CO₂-Ausstoß von vornherein, ohne die Entsorgungskosten einzubeziehen – was soll das?
-
Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (28. Januar 2026 um 13:00 Uhr)Stimmt, wegen des steigenden Meerespiegels sollte man Kernkraftwerke außerhalb der AWZ in der Nordsee bauen. Die Entsorgung wird dann billig, einfach absaufen lassen.
-
Ähnliche:
Anadolu Hristo Vladev/IMAGO/Anadolu Agency26.01.2026Die bulgarische Misere
Susana Vera/REUTERS27.10.2022Kein Hamburger für Milanovic
Georg Wendt/dpa04.02.2014Fluchtgrund NATO
Mehr aus: Inland
-
Prämie fürs Anschwärzen
vom 28.01.2026 -
Politische Spätfolgen
vom 28.01.2026 -
Erstmals Totalausfall der BVG-Straßenbahnen
vom 28.01.2026