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Aus: Ausgabe vom 23.01.2026, Seite 3 / Ansichten

In den Startlöchern

Merz’ Davos-Rede
Von Felix Bartels
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Das Nolens volens des Merz: Schweren Herzens tun, worauf man ohnehin Bock hat

Der Buddelkasten ist kein Idyll. Scheinbar fröhlich spielende Kinder werden Feinde, sobald einer hat, was der andere will. Freundschaften gekündigt, Allianzen nach Bedarf, ist die Schippe in den falschen Händen, wird nicht lange rumlamentiert, es gibt auf die Fresse. Im Grunde geht es im Buddelkasten um nichts anderes als Schürfrechte, und auch wenn Dreijährige sehr moralisch werden können, käme niemand auf die Idee, das als regelbasierte Buddelordnung zu bezeichnen.

Anders im Weltgeschehen. Über dem Kalkül imperialistischer Staaten lag stets eine Patina: Wo das Narrativ der Regelbasiertheit nicht mehr griff, exkulpierte man sich damit, dass man wertegeleitet handele. Der Soldat als Sozialarbeiter in Uniform.

Bis jetzt, bis Kanzlers Erwachen. Ein neuer Realismus macht die Runde. Nachdem Kanadas Premier Carney am Mittwoch in Davos das Ende der »regelbasierten Weltordnung« konstatiert hatte, legte Friedrich Merz dortselbst am Donnerstag nach. Mit seiner Version einer Zeitenwenderede: »Die neue Welt der großen Mächte ist auf Macht, Stärke und – wenn nötig – auch Gewalt gegründet.« EU-Staaten sollen ihre Zusammenarbeit ausbauen. Kaum verhohlen der Ruf an die Mittelmächte, zwischen Russland und den USA als dritter Player aktiv zu werden. Schuld an der Misere hat natürlich Russland, der Angriff auf die Ukraine habe die neue Ära eingeleitet, sprach Merz, als hätte es Jahrzehnte militärischer US-Aggression nie gegeben. »Mit klarem Realismus« sei auf die neue Weltlage zu reagieren. Tatsächlich ist sie bloß insofern neu, als mittlerweile ein paar weitere Mächte den Ton mit angeben.

Die Neubesetzung der Rollen ändert am Setting nichts, doch sie hat große Wirkung auf die Dynamik der globalen Konflikte. Multipolarität bedeutet mehr Chaos, Kriege, Konflikte. Überall auf der Welt brennt es, als Zeichen durchgreifender Umordnung. Die den USA 1990 in den Schoß gefallene Hegemonie war nicht konservierbar. Sie bleiben die stärkste Wirtschaftsmacht, das Wachstum ihrer Konkurrenten allerdings hat die Übermacht zur Vormacht schrumpfen lassen – BRICS vernetzt, EU protegiert sich, der Weltmarkt divergiert. China agiert als bestimmende Macht auf diplomatischer Ebene. Russland kann offensiv agieren, was zuvor den USA und einigen Staaten der NATO vorbehalten schien. Auch militärtechnisch ist der Umbruch messbar. Die US-Streitkräfte sind weiterhin die weltstärksten, im Bereich der Luftaufklärung (Schlüssel militärischer Überlegenheit) besitzen sie nicht mehr alleinige Hoheit.

Der neue Realismus tritt nicht um seiner selbst willen in Erscheinung. Das Agieren der Großmächte, sich salopp zu nehmen, was man braucht, gerät den Mittelmächten zur Erlaubnis, ideologischen Ballast abzuwerfen. Man hätte so gern die regelbasierte Ordnung wieder, allein die Wirklichkeit macht das unmöglich. Nicht weil wir es wollen, weil wir müssen, haben wir künftig Großmacht zu spielen.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (23. Januar 2026 um 10:10 Uhr)
    Merz, der philosophierende Zaungast: Was Merz in Davos betreibt, ist kein Realismus, sondern resignierte Kommentierung der Weltlage. Er beschreibt Macht, Gewalt und Großmachtkonkurrenz, als handle es sich um Naturereignisse – und erklärt daraus die eigene politische Untätigkeit zur Notwendigkeit. Das ist bequem, aber verantwortungslos. Der Artikel trifft zwar richtig, dass die »regelbasierte Weltordnung« stets Fassade war. Doch Merz zieht daraus den falschen Schluss: Statt politische Gestaltungsmacht zu entwickeln, begnügt er sich mit wohlklingenden Diagnosen. Warnen ersetzt kein Handeln, und philosophische Rahmungen ersetzen keine Strategie. Gerade wenn die Welt multipolarer, chaotischer und gefährlicher wird, braucht es politische Akteure, die Interessen formulieren, Prioritäten setzen und Spielräume nutzen – nicht Kanzler, die erklären, warum man angeblich nicht anders könne, als Großmacht zu spielen. Wer Politik nur noch als Reaktion auf Zwänge versteht, hat bereits verloren. Die deutsche Politklasse hat das aktive Gestalten verlernt. Merz ist dafür kein Gegenentwurf, sondern ein Paradebeispiel: viel Deutung, wenig Tatkraft. Ein Kanzler, der die Welt vor allem beschreibt, statt sie im Sinne der eigenen Gesellschaft zu verändern, ist in genau den Zeiten, die er selbst beschwört, fehl am Platz.

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