Alarm in der Gummizelle
Politik lässt sich nicht über Psychologie erklären, denn das hieße, einen komplexen gesellschaftlichen Vorgang, bei dem Interessengegensätze je nach Kräfteverhältnis immer wieder neu austariert werden, auf das mal erschreckende, mal belustigende, mal ärgerliche Betragen Einzelner zu reduzieren. Bezieht aber eine Person mit einem veritablen Dachschaden den Sitz des mächtigsten Amtes der Welt, kommt die Psychologie zu ihrem Recht. Donald Trumps Selbstbezüglichkeit und Selbstverliebtheit ist total. Verletzte Eitelkeit erklärt einen guten Teil seines Auftretens. Aber selbst in seinem Fall steht ausgewachsener Irrsinn im Wechselspiel mit realistischer Machtpolitik im Weltmaßstab. Grönland ist da nicht einfach nur der Besitzwunsch eines gestörten Geistes.
Das Handelsblatt teilt in seinem »Morning Briefing« die Eindrücke von Trumps Rede in Davos mit: »Wir erlebten den Monolog eines 79jährigen, dessen Gedanken um die immer gleichen Kränkungen und Konflikte der Vergangenheit kreisen. (…) Leider ist dieser eitle, alte Mann zugleich der mächtigste der Welt.« Doch das reicht noch nicht. An gleicher Stelle wird ein Satz »vom Topmanager eines europäischen Unternehmens« zitiert: »Jeder andere würde für so eine Rede in einer Gummizelle landen.« Noch nicht lange her, da wäre undenkbar gewesen, dass ein Blatt wie das in Düsseldorf erscheinende die mentale Gesundheit eines US-Präsidenten in Frage gestellt hätte. Davon abgeleitet werden ganz pragmatisch drei Lehren für die Welt und selbstredend Deutschland gezogen: »1. Die USA haben eine Strategie – und dann gibt es noch den Trump-Faktor«; »2. Am Ende reagiert Trump auf die Märkte«; »3. Deutschland muss im Umgang mit Trump auf die USA setzen.«
Das kann die grundlegende Furcht vor der Amtsführung dieses Mannes nicht trüben, auch wenn der jetzt einem Kompromiss in der Grönlandfrage zugestimmt zu haben scheint. Denn noch immer herrscht mindestens »Alarmstufe gelb«, findet jedenfalls Berthold Kohler in der FAZ: »Ende gut, alles gut? Das können nicht einmal jene sagen, denen nach Trumps Kehrtwende ein ganzer Eisberg vom Herzen fiel. (…) Jeder weiß: Die Halbwertszeit der Gültigkeit von Trumps Äußerungen kann nur Stunden betragen.« So oder so, das Auftreten des US-Präsidenten hat »die NATO schwerer erschüttert und beschädigt, als es jeder Angriff von außen könnte«. Das muss einen wie Kohler, der unter Amerikas Schutzschirm aufgewachsen ist, schwer erschüttern.
Und nicht nur ihn: Die Süddeutsche Zeitung entdeckt den Imperialismus neu, freilich nicht als Weltverhältnis, sondern als persönliche Schrulle des Mannes im Weißen Haus, und legt sich fest: »Davos 2026 ist eine Zäsur. Die alte Weltordnung ist Geschichte.« Und mag wenigstens damit recht haben. (brat)
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