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Aus: Ausgabe vom 22.01.2026, Seite 7 / Ausland
Ukraine-Krieg

Ohne Strom und Wasser

Ukraine-Krieg: Mindestens die Hälfte der Wohnblocks in Kiew laut Selenskij unbeheizbar
Von Reinhard Lauterbach
Viele Menschen in Kiew müssen auf öffentliche Wärmezelte ausweichen (20.1.2026)
Eine App zeigt an, an welchen Orten in Kiew der Strom ausgefallen ist

Angesichts praktisch täglicher russischer Angriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine kommt das Land mit der Instandsetzung nicht nach. Wolodimir Selenskij bestätigte in seiner abendlichen Videobotschaft am Dienstag, dass weiterhin 70 Prozent der Wohnblocks in Kiew ohne Strom und damit auch unbeheizbar sind. Ukraines Präsident forderte die Energieversorger auf, »pausenlos« an der Wiederherstellung der Leitungen und Transformatoren zu arbeiten.

Nach Angaben des Kiewer Bürgermeisters Witali Klitschko haben inzwischen etwa 600.000 Menschen die Hauptstadt verlassen. Wer das nicht tun kann oder will, ist auf »Wärmezelte« angewiesen, wo es warmes Essen, Heißgetränke und Auflademöglichkeiten für elektronische Geräte gibt. In dieser Situation sorgte ein Durchhaltevideo einer ukrainischen Popsängerin für Entrüstung. Tina Karol hatte in dem am Montag veröffentlichten Lied geträllert: »Auch wenn es keine Heizung gibt, haben wir es warm. Denn wir sind zusammen und kämpfen für das Gute.« Internetnutzer posteten darunter Videos von sich in maximaler Vermummung und mit bösen Kommentaren im Sinne von man könne nicht mehr aufs Klo gehen, weil das Wasser gefroren ist, und sie erzählt was vom Kampf für das Gute. Karol hatte zuvor geschrieben, wer jetzt friere, hätte sich im Sommer beizeiten ein Haus in den Karpaten kaufen sollen.

Der Wasser- und Strommangel betrifft nicht nur gewöhnliche Bürger von Kiew, sondern auch das Parlament. Mehrere Abgeordnete posteten Fotos von dunklen Korridoren und wasserlosen Toiletten im Parlamentsgebäude. Schwere Schäden richtete russischer Beschuss auch in Charkow an. Die zweitgrößte Stadt des Landes war bisher relativ glimpflich davongekommen – unter anderem, weil in den noch zu sowjetischen Zeiten luftschutzsicher ausgebauten Kellern von Industriebetrieben behelfsmäßige Kleinkraftwerke eingerichtet worden waren. Jetzt schrieb der Charkower Bürgermeister Igor Terechow, dass 90 Prozent der Stadt ohne Strom seien.

In der entstandenen Situation sagte Präsident Selenskij seine geplante Reise zum Weltwirtschaftsforum in Davos ab. Der aus seiner Sicht entscheidende Anlass – die Unterzeichnung eines »Wiederaufbauabkommens« mit den USA – fiel in der Programmplanung ohnehin den Diskussionen über die Zukunft Grönlands und der geplanten Bekanntmachung von Donald Trumps »Friedensrat« zum Opfer. Selenskij lehnte die vom US-Präsidenten angebotene Mitgliedschaft in dem Gremium ab, weil auch die Staatschefs von Russland und Belarus – Wladimir Putin und Alexander Lukaschenko – eingeladen wurden. Während seiner Rede am Mittwoch nachmittag sprach Trump dann jedoch davon, mit Selenskij am Rande des Forums sprechen zu wollen.

Ukraines Präsident forderte die EU auf, innerhalb der nächsten Jahre die Armeen der Mitgliedstaaten auf eine Gesamtstärke von drei Millionen Soldaten zu bringen. Ein Beamter der Kiewer Präsidialverwaltung sagte in Davos, die Ukraine brauche über die nächsten zehn Jahre militärische Hilfe im Umfang von 600 Milliarden Euro über die bereits zugesagten 90 Milliarden hinaus. Der neue Verteidigungsminister Michailo Fedorow sagte am Dienstag, seine Aufgabe sei das »Management« des Krieges. Als »Manager« gab er seinen Truppen das Ziel vor, monatlich 50.000 Russen zu töten. Zuvor hatte sich Präsident Selenskij beschwert, dass das Land keine Munition mehr für seine »Patriot«-Systeme habe und die Luftwaffe bei der Abwehr russischer Drohnen und Raketen »ineffizient« arbeite.

Dafür sind offenbar auch technische Innovationen auf russischer Seite verantwortlich. Ukrainische Kommentatoren beschrieben, dass Russland jetzt vor allem Drohnen mit Düsenantrieb einsetze. Diese seien schneller als konventionelle unbemannte Flugkörper und könnten überdies noch während des Flugs gesteuert werden. Wegen der Knappheit an Abwehrraketen sei Kiew überdies gegen die ballistischen Raketen etwa des Typs »Iskander« machtlos, die Moskau als zweite Angriffswelle einsetze.

Größere Kämpfe am Boden gab es – offenbar wegen der Kälte – in den vergangenen Tagen nicht. Die Ukraine meldete Angriffe auf russische Indus­triebetriebe in der Republik Adigeja im Nordkaukasus sowie in den frontnahen Städten Orjol und Belgorod.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (21. Januar 2026 um 23:21 Uhr)
    Infrastrukturelle Ziele sind die primären Objekte der Auseinandersetzung in Konflikten: Heutzutage geht es um Flugplätze, Brücken, Kraft- und Wasserwerke und die Leitungsstrukturen. Wer die Bilder aus Gaza kennt, sieht in Kiew keine durch Raketen ausgelöschten Hochhäuser wie in Gaza, sondern durch falsch um Kiew aktive Luftabwehr, die Witali Klitschko Herrn Selenskij bereits seit März 2022 als bedeutendes Fehlverhalten vorwirft. – Was lernen wir? Schlechtes Timing oder miese Karten, Witali? Und das schon seit vielen Jahren. Enttäuschend für einen Kämpfer auf Weltniveau, oder?

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