Ruf ruiniert
Die sozialen Netzwerke platzen aus allen Nähten. Anlass ist der »Afrikacup«, der am Sonntag in Rabat mit einem Sieg Senegals über Marokko endete. Obwohl der Schiedsrichter offensichtlich als »zwölfter Mann« den Gastgebern den Sieg garantieren sollte und die senegalesische Fußballelf und ihr Anhang sich auch sonst Schikanen und Anfeindungen bis hin zu handfester Gewalt ausgesetzt sahen. Die etablierte Presse allerdings zeigt sich angesichts des Skandals eher zurückhaltend.
Spanische und französische Sportzeitungen lassen viel Tinte fließen über Marokkos Stürmer Brahim Díaz. Er wollte Senegals Keeper Édouard Mendy mit einem Strafstoß à la Panenka demütigen, der dem nordafrikanischen Königreich den Titelgewinn gebracht hätte, verschoss jedoch kläglich: »Brahim ist am Boden zerstört«, sorgt sich Aritz Gabilondo in Diario AS, und in L’Équipe tröstet Sébastien Buron Marokko mit dem Hinweis, dass »auch andere schon große internationale Wettbewerbe im eigenen Land verloren haben«. Kein Wunder, denn vor allem französische Medien sind für ihre Samthandschuhe gegenüber Marokko berüchtigt, das auch schon mal Kritiker per Spionagesoftware ausgespäht und vor Gericht gezerrt hat.
In der italienischen Gazzetta dello Sport schwärmt Francesco Maria Ricci zunächst: »Alles lief hervorragend. Marokko schwebte regelrecht durch seinen großartig organisierten Afrikacup.« Doch plötzlich habe sich alles geändert. »Kurz vor 22 Uhr am Sonntag abend brach ein epochaler Sturm über das Land und den afrikanischen Fußball herein. (…) Marokko riskiert nun neben seinem Ansehen auch seine zukünftige Glaubwürdigkeit. (…) Wenn das ein WM-Test war, hat Marokko ihn nicht bestanden.« Schließlich soll das Land 2030 gemeinsam mit Spanien und Portugal die FIFA-Weltmeisterschaft austragen. Welcher Berichterstatter möchte da ein Einreiseverbot kassieren?
Im Kicker resümiert Michael Postl: »Nach dem Finale des Afrika-Cup (sic!) geht es um Ausschreitungen, heftigen Streit und ›hässliche Szenen‹.« Dann fährt der Sportjournalist realitätsfern fort: »Marokkos König dürfte das am meisten stören. Denn jetzt liegt ein Schatten auf einem ansonsten gelungenen Turnier.« Allerdings war bei allen Auftritten der marokkanischen Mannschaft zu ihren Gunsten gepfiffen worden, wenn auch nicht derart flagrant wie im Finale. Zudem übergeht Postl das Verhalten des Königsbruders Moulay Rachid, der sich bei der Siegerehrung als Vertreter seines Landes vor einem weitgehend leeren Stadion weigerte, Senegals Elf die Trophäe zu überreichen. Gerade in einer absoluten Monarchie stinkt der Fisch vom Kopfe her. (jt)
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