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Aus: Ausgabe vom 21.01.2026, Seite 3 / Ansichten

Worüber Lawrow schweigt

Der russische Außenminister erklärt sich
Von Reinhard Lauterbach
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Es hat ein bisschen gedauert, aber auf seiner Jahrespressekonferenz am Dienstag hat der russische Außenminister Sergej Lawrow eine für diplomatische Maßstäbe klare Sprache wiedergefunden. Den US-Angriff auf Venezuela nannte er eine »brutale Aggression«, die im weiteren Verlauf auch Kuba und andere Staaten Lateinamerikas bedrohe. Die seit Jahrzehnten geltende internationale Ordnung sei auf den Kopf gestellt, und ein Zeitalter, in dem Macht Recht setze, sei auf dem Vormarsch. Russland werde aber nur auf der Basis der Gleichrangigkeit internationale Gespräche führen. Lawrows Vorwürfe gegen den »kollektiven Westen«, er strebe Russlands strategische Niederlage und einen Regimewechsel im Iran an, sind nicht neu, deutlich seine Absage an die Möglichkeit, mit den »heutigen europäischen Führungskräften« eine Einigung zur Ukraine zu finden. Für die USA gilt diese Einschränkung offenbar nicht, obwohl sie es sind, die die von Lawrow beklagte Chaotisierung der Weltlage in erster Linie zu verantworten haben.

Delikater war aber das, was Lawrow zur Grönlandthematik sagte: Russland habe mit Bezug auf die Insel keine Ambitionen, und den USA sei dies wohlbekannt. Klar sei aber auch, dass Grönland kein »natürlicher Teil Dänemarks« oder Norwegens sei, sondern eine koloniale Eroberung der Vergangenheit. Das gelte auch, wenn die Grönländer sich an ihren halbkolonialen Status inzwischen gewöhnt hätten und diesen akzeptierten. Es sei Sache der NATO, im eigenen Rahmen eine Lösung für dieses Problem zu finden.

Das liest sich auf den ersten Blick so, als gäbe Russland Donald Trump freie Hand, mit Grönland zu machen, was er wolle. Gewiss in der Erwartung, dass ein offener US-Angriff auf die arktische Insel innerhalb der NATO erhebliche Risse und Konflikte auslösen würde, was sich Russland dann als lachender Dritter anschauen und gegebenenfalls davon profitieren könnte. Aber das wäre eine verkürzte Sichtweise.

Denn die Rede von »natürlichen Bestandteilen« bestimmter Staaten ist ausgesprochen dehnbar: Was an Staatsgebieten ist »natürlich« und was die Folge von Eroberungen? Eine schwer und nur im jeweiligen Einzelfall zu beantwortende Frage, wenn man sich auf diese Logik einlässt. Alle Argumente, die Lawrow hinsichtlich Grönlands vorbrachte, kann man mit demselben Recht auch auf Russlands Position in Sibirien anwenden. Auch das wurde kolonisiert – zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert von Moskau und Petersburg her –, seine Rohstoffe vom Zobelfell bis zum Diamanten im Zentrum angeeignet, wobei die Erträge nur zu geringen Teilen in die kolonisierten Regionen zurückgeflossen sind. Auch die Völker Sibiriens haben sich an den Status quo »gewöhnt«, und die meisten von ihnen akzeptieren ihn. Offenen Separatismus gibt es in Sibirien nicht – bisher. Lawrow war klug genug, an diesen wunden Punkt nicht zu rühren.

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