In die Suppe gespuckt
Von Jörg Kronauer
So hat sich US-Präsident Donald Trump die Sache mit der Monroe-Doktrin sicherlich nicht vorgestellt. Da hat er, strotzend vor Protz, angekündigt, den Vereinigten Staaten zur alleinigen Dominanz über die gesamte westliche Hemisphäre verhelfen zu wollen, die von Feuerland bis Alaska und, je nachdem, sogar bis Grönland reicht. Da hat er begonnen, Venezuela wieder zur Kolonie zu machen – diesmal freilich zur Kolonie der USA –, hat Kolumbien und Kuba wüst bedroht, militärische Angriffe auf mexikanischem Territorium in Aussicht gestellt; er hat Honduras‘ künftige Regierung verdonnert, wieder diplomatische Beziehungen zu Taiwan aufzunehmen – also diejenigen zu China abzubrechen –, ist weiter bemüht, die CK Hutchison aus Hongkong aus den Häfen am Panamakanal zu vertreiben, und mit der Säuberung der ganzen Hemisphäre von chinesischem Einfluss noch lange nicht am Ende der Fahnenstange angelangt. Was aber geschieht? Kanada, sein 51. Bundesstaat in spe, spuckt ihm in seine goldene Weltenherrschersuppe.
Kanadas Premierminister Mark Carney hielt sich am Freitag in Beijing auf und traf sich mit Präsident Xi Jinping. Kanada, Mitglied des exklusiven US-Geheimdienstverbundes »Five Eyes« und ökonomisch hochgradig von seinem südlichen Nachbarland abhängig, ist bisher noch über jedes antichinesische Stöckchen gesprungen, das die Herren des Weißen Hauses ihm hingehalten haben. Ende 2018 setzte es auf Kommando aus den USA Huawei-Finanzchefin Meng Wanzhou in einem skandalösen Verfahren für nahezu drei Jahre fest. Selbstverständlich gehört es zu den Ländern, die Technologie von Huawei und ZTE für ihre 5G-Netze verboten haben. 2024 stoppte es, ebenfalls auf Wink aus Washington, die Einfuhr von Elektroautos aus China, indem es 100-Prozent-Zölle verhängte – Trumpismus vor Trump. Dann kam dessen zweite Amtszeit. In dieser aber hat Trump es mit dem Eindreschen auf Kanada, mit seinem Versuch, das Land vollständig zu unterwerfen, offenkundig überzogen. Die Quittung: Carney einigte sich nun mit Xi auf eine Wiederannäherung.
So sollen die kanadischen Zölle auf chinesische E-Autos von 100 auf 6,1 Prozent gesenkt werden. Im Gegenzug öffnet sich China wieder für die Einfuhr von Agrargütern aus Kanada. Carney hat angekündigt, der E-Auto-Sektor seines Landes solle von chinesischen Firmen lernen und Zugang zu chinesischen Lieferketten bekommen; zudem wolle er »beträchtliche« chinesische Investitionen in die Branche einwerben, außerdem chinesische Investitionen in erneuerbare Energien und Energienetze. In kritische Infrastruktur! Carney erläuterte seinen Deal mit dem kühlen Hinweis, China sei schlicht ein verlässlicherer Kooperationspartner als die USA; zudem habe man sehr ähnliche Positionen in puncto Grönland. Trump wird wohl wild wüten, wenn sich jemand traut, ihm von dem Deal zu erzählen; der Gegenschlag der machttrunkenen US-Oligarchenriege dürfte bald kommen. Carney wird hoffentlich gut vorbereitet sein.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
-
Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (17. Januar 2026 um 13:53 Uhr)Kanada ist weder wirtschaftlich noch militärisch in der Lage, den Vereinigten Staaten ernsthaft »in die Suppe zu spucken«. Das Machtgefälle zwischen beiden Ländern ist strukturell und dauerhaft: Die USA sind für Kanada der mit Abstand wichtigste Wirtschafts- und Sicherheitspartner, während Kanada für die USA strategisch austauschbar bleibt. In diesem Sinne ähneln die Nachbarschaftsverhältnisse eher einem asymmetrischen Abhängigkeitsverhältnis als einer Beziehung auf Augenhöhe – wenn auch nicht in der kriegerischen Zuspitzung wie zwischen Russland und der Ukraine. Zwar ist ein militärischer Konflikt zwischen den USA und Kanada äußerst unwahrscheinlich, da die politischen Systeme, ökonomischen Verflechtungen und institutionellen Einbindungen grundlegend andere sind. Dennoch gilt: Ein Imperium kann es sich nicht leisten, dass in seiner unmittelbaren Peripherie fremde Großmächte nachhaltigen Einfluss gewinnen. Gerade Nachbarstaaten haben aus Sicht eines Hegemons keine echte außenpolitische Autonomie, sobald sie beginnen, strategisch relevante Kooperationen mit rivalisierenden Mächten einzugehen. Vor diesem Hintergrund ist die kanadisch-chinesische Wiederannäherung weniger als selbstbewusster Akt souveräner Außenpolitik zu verstehen, sondern eher als riskantes Manöver innerhalb enger struktureller Grenzen. Die USA werden ein solches Abweichen von ihrer hemisphärischen Ordnungsvorstellung kaum dauerhaft hinnehmen, unabhängig davon, ob dies offen konfrontativ oder durch ökonomischen und politischen Druck geschieht. Kanadas Spielraum bleibt somit begrenzt: Es kann taktisch irritieren, aber strategisch nicht opponieren.
Ähnliche:
(c) XinHua/dpa04.06.2025Trump-Zölle plagen Welthandel
Kevin Lamarque/REUTERS22.05.2025Sternenkrieg in Gold
Amanda Perobelli/REUTERS04.04.2025The world is mine!
Mehr aus: Ansichten
-
Roter Teppich für Mörder
vom 17.01.2026 -
Feinde des Sozialbetons
vom 17.01.2026 -
Sozialleistungsbewerber des Tages: Sven Schulze
vom 17.01.2026