Wie sieht die Wirtschaft unter indonesischer Besatzung aus?
Interview: Faheem Hemboum
Vor 70 Jahren fand die Bandung-Konferenz in Indonesien statt. Neben der Verkündung von internationaler Solidarität wurden dort Indonesiens Ansprüche auf Westpapua legitimiert. Wie kam es dazu?
Viele der unabhängigen Staaten und Bewegungen suchten nach Verbündeten im Kampf gegen Kolonialismus. Allerdings zeigte sich, dass Sukarno (damaliger Präsident von Indonesien, jW) in Westpapua selbst koloniale Absichten verfolgte. Eigentlich hätten wir damals auch unsere Unabhängigkeit feiern sollen. Aber Sukarno hielt die Menschen für ungebildet und nicht entwickelt genug. Er wollte uns daher »retten«, als trüge er nun die »Bürde des weißen Mannes«. Während er den europäischen und US-amerikanischen Imperialismus bekämpfte, zwang er uns, unsere Identität aufzugeben.
Auf welche Art wurde und wird die Kultur Westpapuas bekämpft?
Wir lernen in der Schule alles über indonesische Sprache, Kultur und Geschichte. Unsere eigene Geschichte wird jedoch nie erzählt. Von 1971 bis 1977 führte Indonesien zum Beispiel die »Operasi Koteka« durch, um die Menschen in den Bergen mit moderner Kleidung zu »zivilisieren«. Die Entwaldung gefährdet den Rest unserer Kultur. Mit den Bäumen verschwinden unsere Traditionen. Unsere Sprache, die Kultur und lokale Religionen werden systematisch bekämpft, wie unsere gesamte Lebensgrundlage. Inzwischen essen wir nicht mehr das, was wir selbst anbauen. Wir müssen jetzt auf den Markt gehen, um Reis zu kaufen.
Wie sieht die Wirtschaft unter indonesischer Besatzung aus?
Unsere Wirtschaft ist vollständig in der Hand der Siedler, die aus den verschiedenen Teilen Indonesiens kommen. Ohne Zugang zu Rohstoffen und ohne finanzielle Mittel können wir keine eigene Wirtschaft aufbauen oder unsere eigene Ernte auf den Markt bringen. Mit der Wirtschaft kontrollieren sie auch die Politik, bis zu den lokalen Institutionen. Selbst über die Einschränkung grundlegender Rechte können wir so nur schwer sprechen.
Wie entwickelt sich die Situation unter der aktuellen Regierung?
Es ist ein versteckter Krieg. Die indigene Bevölkerung wird zur Minderheit, für uns wird die Lage daher immer schlechter. Der indonesische Staat will mit seinem Kapital unserer Lebensweise und unserer Subsistenz die Grundlage entziehen. Ganze Wälder werden für den kommerziellen Anbau von Zuckerrohr und Ölpalmen gerodet. Dazu kommt die massive Präsenz des Militärs. Es gibt viele verdeckte Militäroperationen, Verhaftungen und Fälle von Gewalt. Die Medien und die internationale Gemeinschaft schweigen. Sie kennen das wahre Ausmaß der Gewalt nicht. Wir leben im Schatten – das Militär durchdringt jeden Bereich der Gesellschaft.
Woher kommen die Waffen, die in Westpapua eingesetzt werden?
Viele Länder exportieren Waffen und Militärtechnik nach Indonesien. Australische Journalisten konnten undercover bei den Guerillas in den Bergen einige der eingesetzten Waffen verifizieren. Zum Beispiel Drohnen eines chinesischen Herstellers, zum Abwurf von Sprengkörpern über den Dörfern. Außerdem kooperiert die deutsche Firma Rheinmetall mit dem indonesischen Unternehmen PT Pindad bei der Munitionsproduktion. Und erst vor kurzem lieferte Airbus ein Flugzeug für den Truppentransport. Die deutsche Marine im Indopazifik hat aber auch selbst Beobachterstatus bei militärischen Drills in der Region.
An welchen politischen Aktionen beteiligen Sie sich?
Wir verteidigen ein geographisch sehr ausgedehntes Gebiet mit vielen unterschiedlichen Communitys, das macht die Organisierung zu einer komplexen Aufgabe. Wir machen Kampagnen, verteilen Videos und Schriften in den Dörfern und übersetzen Texte von postkolonialen Denkern wie Frantz Fanon und Walter Rodney, um die Menschen zu ermächtigen und zu zeigen, dass die Dekolonisierung bei einem selbst beginnt. Wir wollen den Menschen ein Bewusstsein für die Ursache ihres Leids, aber auch für ihre kollektive Macht vermitteln.
Welche Rolle spielt internationale Solidarität heute?
Wir haben Verbindungen nach Rojava und Palästina und zu Kämpfen in Lateinamerika aufgebaut. Diese Vernetzung ist für uns sehr wichtig, denn wir leiden alle unter dem gleichen System, auch wenn wir auf der anderen Seite der Welt leben. Die Gewalt, die wir erfahren, hat die gleichen Ursachen. Besonders die junge Generation hat ein wachsendes Bewusstsein dafür.
Anggenak Kogoya spricht für KMP2 (Progressive Jugend Papuas)
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