Gegründet 1947 Dienstag, 27. Januar 2026, Nr. 22
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 09.01.2026, Seite 3 / Ansichten

Ankara am Abzug

Angriffe auf kurdische Viertel von Aleppo
Von Nick Brauns
SYRIA-SECURITY-ALEPPO.JPG
Zivilisten fliehen vor den Angriffen der Regierungstruppen auf kurdische Stadtviertel in Aleppo (7.1.2026)

Syrische Regierungstruppen beschießen seit Tagen die kurdischen Stadtteile von Aleppo, Scheich Maqsoud und Aschrafiye. Kurdische Politiker werten dies als Kriegserklärung an die 500.000 Einwohner dieser selbstverwalteten Viertel, neben Kurden auch Christen, die schon während des Bürgerkriegs allen Angriffen der inzwischen an die Regierung gelangten Islamisten standhielten.

Für Syriens Regierung, die gerade mit Israel über ein »Sicherheitsabkommen« verhandelt, das auf Duldung der israelischen Besatzung von Teilen Südsyriens hinausläuft, dient die Offensive in Aleppo mit den Kurden als bewährtem Feindbild der Ablenkung von diesem nationalen Verrat. Die USA als treibende Kraft eines syrisch-israelischen Abkommens zeigten sich lediglich »besorgt« über die Ereignisse in Aleppo.

Die von der Autonomieregion Nord- und Ostsyrien territorial isolierten Viertel stellen deren verwundbarste Stelle dar. Bereits seit Monaten werden Scheich Maqsoud und Aschrafiye von Regierungstruppen belagert, wird die Nahrungsmittel- und Medikamentenzufuhr blockiert. Der jetzige Beschuss von Wohngebieten begann kurz nach einer erneuten Verhandlungsrunde in Damaskus zur Eingliederung der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) der Autonomieverwaltung in die syrische Armee.

Verantwortlich für die Angriffe sind Kampfverbände, die zwar dem syrischen Verteidigungsministerium angegliedert sind, aber unter dem Kommando der Türkei agieren. Es ist offensichtlich, dass dieses Vorgehen in Ankara beschlossen wurde, um eine dem Vernehmen nach nicht nur von den USA als Garantiemacht bei den Gesprächen befürwortete, sondern auch von Präsident Ahmed Al-Scharaa zumindest zähneknirschend akzeptierte Integration der SDF als Block in die syrische Armee zu torpedieren. Denn bei einer solchen Eingliederung würden die zahlenmäßig stärkeren SDF die Armee dominieren, was auf die faktische Duldung der Autonomieregion durch Damaskus hinausliefe.

Die in Aleppo begonnene Machtprobe, die Kurden zur Kapitulation zu zwingen, um sie aus der politischen Gestaltung Syriens herauszuhalten, hat direkte Auswirkungen auf den Friedensprozess zwischen der Türkei und der kurdischen Befreiungsbewegung. So hat deren Vordenker Abdullah Öcalan die Errungenschaften der Kurden in Nordsyrien als rote Linie definiert und eine Waffenniederlegung der SDF, anders als bei der PKK-Guerilla, ausgeschlossen.

Eine Eskalation in Aleppo könnte unter der kurdischen Jugend in der Türkei, die über den schleppenden Friedensprozess mehr und mehr frustriert ist, zu einer ähnlichen Explosion führen, wie bei den militanten Massenprotesten nach dem Einmarsch des von Ankara unterstützten »Islamischen Staates« in die syrisch-kurdische Stadt Kobani im Herbst 2014. Das aber wäre wohl das Ende aller Friedenshoffnungen. Die türkische Regierung scheint dieses Risiko sehenden Auges einzugehen.

Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug

Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Chance ergriffen: Dank des syrischen »Übergangspräsidenten« Ahme...
    08.02.2025

    Alle Finger im Spiel

    Der Machtwechsel in Damaskus wirbelt die politischen Verhältnisse der Region durcheinander. Vor allem Saudi-Arabien und Türkei nehmen Einfluss
  • Lichtstreif am patriarchalen Horizont? Das kurdisch dominierte P...
    23.01.2025

    Ein Land für alle?

    Während die Türkei und Israel Teile des Landes besetzt halten, ist mehr als fraglich, ob die Islamisten ihre demokratischen Versprechen einhalten. Syrien – gestern und heute (Teil 2 und Schluss)

Mehr aus: Ansichten