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Aus: Ausgabe vom 09.01.2026, Seite 1 / Ansichten

Kriegsgarantie

Bundeswehr soll Ukraine sichern
Von Arnold Schölzel
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Am Donnerstag sagte Friedrich Merz zum Abschluss der CSU-Landesgruppentagung, in der Ukraine stehe ein Waffenstillstand nach wie vor nicht auf der Tagesordnung, Russland wolle ihn offenbar nicht. Und weiter: »Wir werden deshalb den Preis für diesen Krieg weiter erhöhen müssen. Russland muss erkennen, dass es keinen Sinn hat, ihn fortzusetzen.«

Das ist die Fortsetzung des NATO-Verses »Russland hat keine Sicherheitsinteressen zu haben«. Die Handlungsmaxime ist von Größenwahn, Spekulation auf Russlands Zerfall und dem selbstmörderischen Willen, eine der beiden großen Atommächte in ihrer Existenz zu gefährden, gespeist. Sie begleitete die Ausdehnung der Einflusssphäre des Paktes bis kurz vor Moskau und St. Petersburg seit Mitte der 1990er Jahre. Der Satz wurde höhnisch geträllert, als Russland im Herbst 2021 angesichts der faktischen Ukraine-Mitgliedschaft in der NATO Sicherheitsgarantien für sich orderte. Er ertönte, als Großbritannien im Frühjahr 2022 das Waffenstillstandsabkommen zwischen Russland und Ukraine zerfetzte. Er ist der Hintergrund, warum in Westeuropa seit 1991 kein Gedanke an eine diplomatische Initiative aufkam. Das Ergebnis ist katastrophal – für die Ukraine, für Russland und für die EU-Bevölkerung, der die angestrebte Kriegstüchtigkeit unter deutscher Führung noch nie gesehene finanzielle Lasten auferlegt. Das spitzt die wirtschaftliche Krise zu, die soziale folgt bereits. Die Sicherheitsstrategie Trumps hält den Abstieg der EU für ausgemacht.

Das soll nach dem Willen von Merz so weitergehen, die SPD macht mit. Wer den »Preis für den Krieg« weiter erhöhen will, garantiert dessen Fortsetzung. Denn das Preistreiben besteht allein im Entsenden der Bundeswehr.

Moskau erklärte am Donnerstag erneut, NATO-Truppen und deren militärische Infrastruktur in einer nicht blockfreien Ukraine seien »legitime Ziele« seiner Streitkräfte. Die Kriegsverlierer in Westeuropa werden das ignorieren – gewohnheitsmäßig. Nur Russland, so Merz, »muss« etwas erkennen. Der hat nie etwas gelernt.

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  • Leserbrief von Reinhold Schramm aus Berlin (10. Januar 2026 um 20:53 Uhr)
    Die Kriegswirtschaft für die Kriegsgarantie. Aspekte der forcierten Kriegswirtschaft in Deutschland 2026. Die Umstellung der deutschen Automobil- und Schwerindustrien, insbesondere der Elektro- und Elektronikindustrien, auf konventionelle Rüstungs- und Kriegsindustrie in Deutschland wird nicht den Einsatz von Nuklearwaffen in einem europäischen Krieg verhindern können. Auch wenn die deutsche Automobil- und Elektronikindustrie sich verstärkt mit Billigung und Unterstützung der DGB-Industriegewerkschaften (IG Metall, IGBCE, IG BAU, EVG) und Unternehmerverbände (BDI, BDA, DIHK, ZDH) auf die Rüstungsproduktion umstellt. So können sie damit nicht die zunehmende Arbeitslosigkeit und den massiven Abbau aller sozialen Leistungen für die lohnabhängige Erwerbsbevölkerung verhindern. Allenfalls kurzfristig die Gewinn- und Profitmarge wie den Höhenflug der Dividenden für die Eigentümer und Aktionäre bedienen. Sollten sich die anderen wirtschaftlichen und politischen Partner in der Europäischen Union der Entwicklung der konventionellen Kriegswirtschaft anschließen? So wie in Frankreich und Deutschland, aber auch wie in Großbritannien, so könnten sie wohl eine konventionell-militärische Überlegenheit gegenüber der Russischen Föderation erreichen? Kommt es zum militärischen Schlagabtausch, so wäre die politische Administration der Russischen Föderation im konventionellen Kriegsverlauf gezwungen, auch (strategische) Nuklearwaffen gegen die NATO und EU-Bündnisstaaten einzusetzen. Infolge würden auch die Atommächte Frankreich und Großbritannien ihre vorhandenen Nuklearwaffen gegen die Russische Föderation einsetzen. Inwieweit es zu einer nuklearen Beteiligung der anderen Atommächte – der Vereinigten Staaten, China, Indien, Pakistan, Israel – kommen könnte? Fazit: Ein gesamteuropäischer Krieg – ob konventionell und nuklear – würde zur abschließenden Vernichtung Zentraleuropas, insbesondere Deutschlands, und der vollständigen Vernichtung der Bevölkerung Berlins führen.
  • Leserbrief von A.G. (10. Januar 2026 um 03:39 Uhr)
    Seufz, urgh, gähn. Das alles kann Merz gerne behaupten und hinausposaunen. Aber selbst die in Russenhass gut geübte Times schreibt verzweifelt, England könnte 7500 Soldaten für eine Friedenstruppe in der Ukraine zur Verfügung stellen. Wo doch mal EU-weit von über 64.000 die Rede war. Selenski wird sich bedanken. »UK would send ‘fewer than 7,500’ troops to Ukraine Britain and France’s combined peacekeeping force would be limited to 15,000 after army chiefs warned that personnel numbers were too low to send more.« Exzerpt: Dovile Sakaliene, Lithuania’s defence minister at the time, was said to have told her counterparts: »Russia has 800,000 [troops]. If we can’t even raise 64,000 that doesn’t look weak — it is weak.« Her comments were described as »strident and inspiring«. Wie formulierte Greenpeace in ihrer Studie NATO »GröAaZ« – »Wer hat die Oberhand: die NATO oder Russland? Eine neue Greenpeace-Studie zeigt, dass die NATO in fast allen Dimensionen Russland überlegen ist – und trotzdem weiter aufrüsten will.« An diesen Sätzen stimmt einfach gar nichts. Aber das ist eine Geschichte für ein ander Mal.

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