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Aus: Ausgabe vom 09.01.2026, Seite 2 / Ansichten

Wegner und das Netz

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Ob am Tisch oder auf dem Platz: Kai Wegner schlägt zu (Berlin, 4.9.2025)

Bürgerliche Politik ist bekanntlich eher Spektakel als Mitbestimmung. Bleibt ersteres aus, rumort es in den Medien: Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) war Tennis spielen. Nicht irgendwann, sondern am Sonnabend, als in der Hauptstadt großflächig der Strom ausfiel. Wegner hatte zunächst behauptet, er habe sich den ganzen Tag im Büro eingeschlossen. Dass er statt dessen mit seiner Partnerin die Schläger schwingen ließ, nimmt man ihm übel.

Wenn Ricarda Lang (Grüne) auf X postet »Immerhin Kai Wegner hatte am Sonnabend Netz«, ist die Taz-Schlagzeile nicht fern. »Tennis geht auch ohne Strom«, hieß es da am Donnerstag. Im Tagesspiegel lautete der Befund, dass »Wegners Tennisblackout« ein »Sinnbild für Berlins katastrophales Krisenmanagement« sei. Der »wichtigste Bürger der Stadt« habe die Prioritäten falsch eingeschätzt. Das könnte ihm nun Amt und Karriere kosten, meint jedenfalls das Berliner Blatt. Einen »schweren Fehler« attestiert man dem CDUler am Donnerstag auch in der Süddeutschen Zeitung. Sein Job wäre gewesen, alles erdenklich Mögliche zu tun, um Hilfe zu organisieren. »Kurz: zu führen«. Die Berliner Morgenpost traute sich am Mittwoch immerhin eine Lageeinschätzung zu: »Berlin hat die Krise bewältigt, Kai Wegner steckt mittendrin.«

Wird das Eis dünn für Wegner? Noch steht die CDU hinter ihm, wie am Donnerstag aus Parteikreisen verlautete. Auch die Springer-Presse hält die Hand hin. »Wegner tat das, was sinnvoll war. Er telefonierte, sondierte die Lage und organisierte Hilfe«, schrieb Bild am Donnerstag. Die Kritik? Das waren »Gesänge von Weicheiern«. Fazit: »Wir sind Weltmeister in Empörung. Und das wird uns das Genick brechen.«

Sicher ist sich Bild dennoch: Das war ein »linksterroristischer Anschlag« und ein Vorbote eines »neuen Linksterrorismus à la Deutscher Herbst«. Schon am Montag hatte Maike Klebl in dem reaktionären Revolverblatt gefragt: »Wo bleibt der harte Kurs gegen Linksextremisten?«

Darauf kann man sich einigen. »Dieser Blackout muss Folgen haben«, hieß es am Mittwoch im Spiegel. »Mutmaßlich linksextreme Ökoanarchisten« hätten »große Teile einer europäischen Hauptstadt« lahmgelegt, reproduzierte der Leitartikel, was ohnehin alle schreiben. »Höchste Zeit, zu handeln« (Heise Online, Donnerstag). Besser überwachen, »auch wenn dadurch Gesetze geändert und Datenschutz im öffentlichen Raum aufgeweicht werden müsste« (RBB, Dienstag). Insofern war der Blackout doch nützlich: Die Rufe nach härterer Handhabe und mehr Beschattung tönen längst aus dem Mund von Innenminister Alexander Dobrindt. (mag)

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  • Leserbrief von B.S. aus Ammerland (9. Januar 2026 um 10:10 Uhr)
    Lieber Kai, in Teilen Berlins geht das Licht aus, Dir aber kein Licht auf. Natürlich sind Putin, alle Linken oder Demokratiekritiker/innen daran Schuld. Während gefroren wird, spielst Du Tennis. 0:40, lieber Kai! In Berlin also nicht Neues, oder halt, da war doch einmal eine Katastrophe im Ahrtal und ein CDU-Mann lachte dreist in die Kamera. Das Ende ist bekannt. M. E. machst Du den Laschet, freu Dich auf den Wahltag!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (8. Januar 2026 um 22:50 Uhr)
    Blackout in Berlin, aha. Mitschuld bei Kai Wegner (KaWe)? Deshalb adieu? Wenn er im Keller oder bei Nachbars Tischtennis gespielt hätte, wie immer brav mit Knopf im Ohr, oder nach Hause chauffiert wird oder jede Nacht zwei, drei Telefone in Reichweite bereit legt, sollten sich viele sagen: Nicht mein Fall, der Mann, aber auf ’ner Baustelle stört er nur, kommt mit Film und Funk an, steht überall im Weg rum. Und alle klar Denkenden denken/wünschen sich: Bitte, geh woanders spielen! KaWe hat also vorausschauend gehandelt! Sehr lobenswert. Was aber diese angeblichen/vermeintlichen extremistischen Terroristen oder andersherum terroristische Extremisten entweder horizontaler oder vertikaler oder nationaler oder fremdländischer Einordnung betrifft, gebe ich meine Tatsachennahme bekannt, dass, wenn An- und Abfahrt zu und von den Tatorten zu Land, zu Luft und auf der See bisher nicht erkannt/ermittelt/belegt werden konnten, uns noch immer der Teltowkanal bleibt, also Einsatz von U-Booten. Da das Täterland Belorussland als Binnenland eher fragwürdig erscheint, haben sich unsere Vermutungen nun besonders auf die Person Lutz Kaschenko auszurichten. Anders lässt sich das Leiden der Berliner nicht in Worte fassen.

Regio:

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