»Schlachthaus« Sudan
Von Ina Sembdner
Es ist kein Bürgerkrieg im Sudan, sondern ein Krieg gegen Zivilisten – »ein konterrevolutionärer Krieg; brutale Bestrafung für die Kühnheit des Volkes, sich gegen das Militärregime zu erheben«. So beschreibt es die sudanesisch-australische Schriftstellerin Yassmin Abdel-Magied in einem aktuellen Beitrag für das britische Magazin Prospect. Darin erinnert sie an den erfolgreichen zivilen Aufstand 2018/2019 gegen den 30 Jahre lang regierenden Islamisten Omar Al-Baschir und sieht in diesem die Ursache für die geschätzt mindestens 150.000 Toten in dem seit April 2023 andauernden Blutbad.
Allein die Meldungen der letzten Tage untermauern Magieds Aussage: Am Montag wurden bei einem Drohnenangriff auf Al-Obeid, Hauptstadt des westlichen Bundesstaats Nordkordofan, mindestens zehn Zivilisten getötet, darunter laut der Agentur AFP sieben Kinder. Die Stadt in der zwischen Darfur und Khartum gelegenen strategisch wichtigen Region steht noch unter Kontrolle des Militärmachthabers Abd Al-Fattah Al-Burhan und seiner Sudanesischen Streitkräfte (SAF), die Angriffe gehen also mutmaßlich auf die paramilitärischen RSF von dessen früherem Vize Mohammed Hamdan Daglo zurück. Örtliche Quellen hatten am Sonntag gegenüber der Sudan Tribune von »Kamikazedrohnen, die zivile und strategische Ziele« in Nordkordofan und im angrenzenden Bundesstaat White Nile angreifen, berichtet.
UN-Sprecher Stéphane Dujarric sprach am Montag zudem von »mehreren Drohnenangriffen« zwischen dem 1. und 3. Januar in der südkordofanischen Stadt Dilling. Dort bleibe die Lage dramatisch, »Zivilisten sind eingeschlossen, während sich die humanitäre Lage weiter verschlechtert und der Zugang zu lebensnotwendigen Gütern zunehmend eingeschränkt wird«, erklärte Dujarric am Montag in Genf. Das gilt auch für Kadugli. Die Hauptstadt des Bundesstaats steht seit mehr als anderthalb Jahren unter Belagerung der RSF, nach UN-Angaben vom Montag besteht eine Hungersnot. Insgesamt sind mehr als 24 Millionen Menschen im Sudan von Ernährungsunsicherheit betroffen.
Aber auch in der westlichsten sudanesischen Region Darfur wird weiter gewütet. Laut medizinischen Quellen sollen die SAF am Sonnabend bei Drohnenangriffen auf die von den RSF kontrollierte Stadt Al-Suruk 51 Zivilisten getötet haben. Dem waren Attacken der Paramilitärs in Norddarfur vorangegangen, denen mindestens 63 Menschen zum Opfer fielen. Zuvor hatten Ende des Jahres erstmals UN-Vertreter die Hauptstadt des Bundesstaats, Al-Fascher, besucht. Sie war nach mehr als 500tägiger Belagerung durch die RSF Ende Oktober von den SAF eingenommen worden. Im November hieß es von seiten des vom britischen Parlament eingesetzten International Development Committee: »Al-Fascher ist ein Schlachthaus. Nach unserer vorsichtigen Schätzung wurden dort in den vergangenen drei Wochen 60.000 Menschen getötet«, erklärte die Vorsitzende Sarah Champion gegenüber den Abgeordneten in London am 18. November.
Das Team der UN-Koordinatorin für Sudan, Denise Brown, fand bei der mehrstündigen Visite am 26. Dezember nur noch »Hunderte von Menschen« vor, »die immer noch dort lebten und keinen ausreichenden Zugang zu Nahrungsmitteln, medizinischer Versorgung und angemessenen Unterkünften hatten«. Vor allem haben die RSF ihre Verbrechen, mit Hilfe von Satellitenaufnahmen dokumentiert, bestens vertuscht. Nicht nur das Saudi-Krankenhaus, auf dessen Grund die RSF das wohl größte Massaker mit mehr als 450 getöteten Patienten angerichtet hatten, sei »eindeutig aufgeräumt« worden. Auch die Dörfer rund um Al-Fascher »schienen völlig verlassen zu sein«. Insgesamt sind in dem Krieg rund zwölf Millionen Menschen vertrieben worden.
Der vorgeblichen Lösung des Konflikts haben sich die USA, Saudi-Arabien, Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) im Rahmen des sogenannten Quartetts verschrieben. Dem steht entgegen, dass die RSF in den VAE einen Partner gefunden haben, der sie mit Geld und Waffen ausstattet, im Gegenzug für Gold, dessen Abbau und Handel weitgehend unter Kontrolle Daglos stehen. Entsprechend lehnt die Führung um Al-Burhan eine Vermittlerrolle Abu Dhabis ab. Bei einem Treffen in Kairo bekräftigten nun am Montag der ägyptische Außenminister Badr Abdelatty und sein saudischer Amtskollege Faisal bin Farhan die Notwendigkeit für einen umfassenden Waffenstillstand unter Wahrung der Integrität der nationalen Institutionen des Sudan. Faktisch ist das Land jedoch bereits zweigeteilt und die Kämpfe ziehen täglich weitere Kreise.
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