Keine Ausnahme mehr
Von Nico Popp
In der Partei Die Linke spitzt sich die Auseinandersetzung um den Umgang mit palästinasolidarischen Mitgliedern weiter zu. Nach dem im November von der Bundesschiedskommission bestätigten Rauswurf des Aktivisten Ramsis Kilani aus dem Berliner Landesverband rückt nun ein weiteres Ausschlussverfahren in den Fokus, das sich seit September in Thüringen gegen Martha Chiara Wüthrich richtet, die im November beim Bundeskongress der Linksjugend zu einer der Bundesprecherinnen der Jugendorganisation gewählt worden ist. Die linke Mehrheit dieses Kongresses war postwendend Ziel einer wütenden Kampagne, nachdem in einem Beschluss von einem »kolonialen und rassistischen Charakter des israelischen Staatsprojekts« die Rede gewesen war.
Wüthrich, die eine Ausbildung zur Tischlerin macht und Mitglied im Erfurter Kreisvorstand der Linkspartei ist, werden nach ihren Angaben unter anderem »Holocaustrelativierung«, ein »reaktionäres Männlichkeitsbild«, Sexismus, Ableismus und »innerdeutscher Regionalchauvinismus« vorgeworfen – letzteres, weil sie eine andere Person »Wessi« genannt hat. Sie wies diese Vorwürfe vor einigen Tagen in einer öffentlichen Stellungnahme »entschieden zurück«: »Aussagen werden mir zugeschrieben, die ich nicht getätigt habe, oder sie werden bewusst aus dem Zusammenhang gerissen.«
»Parteiausschlüsse gegen palästinasolidarische Mitglieder« drohten »zunehmend zur regelhaften Praxis zu werden«, erklärte sie weiter; »bestimmte Stimmen« würden »deutlich stärker angegriffen als andere, insbesondere solche, die nicht der sogenannten Staatsräson entsprechen«. Sie erlebe »Mobbing, Diffamierungen und persönliche Angriffe durch Parteimitglieder«. Zum Vorwurf, »den jüdischen Staat abzulehnen«, erläuterte Wüthrich, dass sie »ethno-nationalistische Staaten« generell ablehne, »da sie dem Grundsatz der Gleichberechtigung und Religionsfreiheit« widersprächen. Sie erkenne die »Singularität des Holocaust uneingeschränkt an«.
Seit Freitag abend macht nun ein offener Brief von über 150 Unterzeichnern an den Parteivorstand und den Vorstand des Thüringer Landesverbandes die Runde. Auch hier wird darauf hingewiesen, dass solche Ausschlussverfahren »längst keine Ausnahme mehr« sind: »Wenn engagierte Genoss:innen, die sich für eine konsequente Menschenrechtsposition, gegen Krieg, Waffenexporte und für internationale Solidarität einsetzen, unter Druck geraten, dann hat das weitreichende Folgen für die Partei Die Linke.« Mit großer Sorge beobachte man, »dass Kritik an Genoss:innen zunehmend nicht politisch, sondern disziplinarisch beantwortet wird«.
Palästina-Solidarität sei »eine zutiefst linke Haltung, verwurzelt in Antikolonialismus, Antirassismus und dem Einsatz für globale Gerechtigkeit«. Eine linke Partei, die sich als internationalistisch verstehe, »kann und darf solche Positionen nicht nur zulassen, sie muss sie verteidigen«. Die Vorwürfe gegen Wüthrich beruhten auf »entkontextualisierten Aussagen und politischer Interpretation«. Die Unterzeichner fordern den Parteivorstand und den Thüringer Landesvorstand auf, »klar Stellung zu beziehen« für den »Schutz palästinasolidarischer Genoss:innen« und die »Stärkung freier innerparteilicher Debatten«.
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Leserbrief von Kora Brandner aus Elsteraue (22. Dezember 2025 um 11:18 Uhr)Die Linke verliert immer mehr ihre Haltung, die sie noch als PDS vertreten hatte, und entwickelt sich zu einer nach Macht um jeden Preis greifenden Partei. Jahrelang glaubte ich, bei der Linken eine politische Heimat gefunden zu haben. Diese Hoffnung ging verloren, als die Linke die Friedensbewegung offen blockiert hat. Nach dem Streit mit Sahra Wagenknecht gehen die innerparteilichen Streitereien öffentlich weiter. All die, die beim letzten Wahlkampf neu eingetreten sind, werden erkennen, dass dies ein Irrglaube war. Die Anbieterei von Jan van Aken an die CDU ist mittlerweile unerträglich. So wird man eine AfD nicht schwächen.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Frank K. aus 06268 (22. Dezember 2025 um 18:06 Uhr)Ich hoffe, die Linke ist noch nicht so weit in der Politik angekommen! Zu viele Kompromisse und Anpassungen. Der Frieden ist die Hoffnung für die Menschheit,die Alternativen hat Herr Rutte klar definiert: »Dafür müssen wir uns über die Bedrohung völlig im Klaren sein.« Ein Krieg könnte »von einem Ausmaß sein, wie es unsere Großeltern und Urgroßeltern erlebt haben«. Ich möchte mir die Auswirkungen nicht vorstellen. Schlimmer ist der Sinneswandel der »Grünen«. Frieden schaffen ohne … nein, mit viel, viel mehr Waffen! Mit einer guten KI kann der Mensch noch schneller vergessen.
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