Hoffen auf Slawa
Von Gisela Sonnenburg
Slawa ist ein wilder Typ. Aus dem KGB flog er nach etlichen Glanznummern raus und die Partei wollte ihn auch nicht mehr haben. Aber als Leonid Breschnew in den 60er Jahren jemanden für einen heiklen Spezialauftrag suchte, war er genau die richtige Wahl. Ohne Slawa, so geht es in der russischen TV-Serie »Lieber Willy«, wäre es vielleicht nie zur erfolgreichen Entspannungspolitik zwischen der BRD und der Sowjetunion gekommen. Das Russische Haus in Berlin zeigte den spannenden Vierteiler aus diesem Jahr im Kinoformat mit deutschen Untertiteln. Am Donnerstag war übrigens Willy Brandts 112. Geburtstag.
Schnee in Moskau, Nebel in Berlin: Die Atmosphäre der beiden Städte im Kalten Krieg wird fein eingefangen. Aktenkoffer und Briefumschläge mit Geld werden hin- und hergeschoben, falsche Pässe in windigen Spelunken abgeholt. Striptease ist typisch für Westberlin, und Willy Brandt hat ein Verhältnis mit der Journalistin Brigitte Seebacher. Weil Brandt die Mittelstreckenraketen der NATO ablehnt, steht selbst er auf der Abschussliste der NATO-Befürworter. Doch bevor er mit Breschnew spricht, meldet sich Genosse Egon Bahr in Moskau: dank Slawa, der mit intelligenten Tricks den Westpolitikern Lust auf Entspannung macht.
Soweit die ersten beiden Folgen. Sie waren am vergangenen Mittwoch zu sehen. Danach gab es eine Diskussion mit dem Osteuropaexperten Alexander Rahr, der Egon Bahr persönlich gut gekannt hatte. Rahrs aktuelles Buch »Das goldene Tor von Kiew« hat ein anderes brisantes Thema: Es beleuchtet den Kampf der Geheimdienste um die Ukraine. Rahr sieht im Politthriller »Lieber Willy« eine Aufforderung an die Deutschen, sich der Entspannungspolitik zu erinnern. Würde sie doch erhört!
Dass Brandt und Breschnew direkt kommunizierten und so eine neue Ära der bundesdeutsch-sowjetischen Beziehungen begann, ist bekannt. Wie es zu dieser Annäherung kam, jedoch weitgehend nicht. Hier hilft »Lieber Willy« mit historischen Fakten wie mit poetischer Verdichtung. Dass die USA einen Erstschlag gegen die Sowjetunion planten, ist der Ausgangspunkt der Serie. Dass später die Stasi Brandt bespitzelte und damit die Vorlage gab für seinen Sturz, ist die tragische Pointe der Zeitgeschichte.
»Lieber Willy« war im Russischen Haus kostenlos zu sehen. Viele deutschsprachige Zuschauer kamen. Sie alle haben jetzt wohl die Hoffnung auf einen neuen Slawa.
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