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Aus: Ausgabe vom 10.12.2025, Seite 3 / Ansichten

Millimeter um Millimeter

Ukraine-EU-Gespräche zu »Friedensplan«
Von Reinhard Lauterbach
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Auf seine EU-Jünger kann sich Selenskij bislang noch verlassen: Ankunft in Brüssel

Es kann natürlich Zufall gewesen sein oder eine Flüchtigkeit der Agenturen, die nach dem Besuch von Wolodimir Selenskij in Brüssel mitten in der Nacht die – aus Reportersicht – ohnehin immer selben Phrasen in die Tastatur klopfen mussten. Aber aufhorchen ließ es doch, was da in der Nacht zum Dienstag zwischen den Zeilen herüberkam: In dem Abschlussstatement nach Selenskijs Gesprächen mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa hieß es nur noch, es müsse die Souveränität – also die Existenz der Ukraine als Staat – und die Sicherheit des Landes gewährleistet sein.

Von territorialer Integrität war nicht mehr die Rede. Robbt sich da die EU millimeterweise an die Erkenntnis heran, dass Kiew wahrscheinlich um Gebietsabtretungen an Russland nicht herumkommen wird, wie es auch im US-Plan vorgesehen ist. Zumal die New York Times (NYT) am Dienstag Trump zitierte, der »etwas enttäuscht« darüber sei, dass Selenskij seinen Vorschlag »noch nicht gelesen hat«. Weshalb dieselbe Zeitung am Wochenende vermutlich auch eine Recherche darüber unter die Leute gebracht hatte, dass Selenskij persönlich institutionelle Vorsorgeregeln gegen Korruption außer Kraft gesetzt und die Einführung von neuen verhindert habe. Mit anderen Worten: Laut NYT steckt der ukrainische Präsident mitten drin im Kiewer Korruptionsskandal. So kocht man jemanden weich.

Sollte die Interpretation mit dem sich in winzigen Schritten in die EU-Statements einschleichenden Realismus stimmen, muss man jedoch auch sagen, dass sich dadurch an den Absichten Brüssels nichts geändert hat. Ziel sei »eine starke Ukraine auf dem Schlachtfeld und am Verhandlungstisch«. Auf dem Schlachtfeld? Sollte es nicht um einen »gerechten und dauerhaften Frieden« gehen? War wohl alles nicht so ernst gemeint, oder vielmehr: Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, und der »Frieden« wird mit so vielen Attributen und Anforderungen ergänzt, dass er so schnell ohnehin nicht kommt. EU-Ratspräsident Costa erklärte nach dem Treffen mit Selenskij, die Sicherheit der Ukraine müsse langfristig gesichert sein, und zwar nicht einfach so, sondern ausdrücklich »als erste Verteidigungslinie für unsere Union«. Wie schön, dass sich der Portugiese aus dem Land der – um im Bild zu bleiben – letzten »Verteidigungslinie« der Union so um die erste sorgt.

Und wenn die Ukraine dabei doch versagt? Dann will die »Koalition der Willigen« sogenannte Stabilisierungstruppen dorthin schicken, und dabei darf nach dem CSU-EU-Politiker Manfred Weber ein deutsches Kontingent nicht fehlen. Das hätten sich auch der Franz Josef Strauß selig und Helmut Kohl so gewünscht, so Weber. Darüber braucht man nicht zu streiten. Aber muss dieser Wunsch den heutigen jungen Deutschen Befehl sein? Das ist doch sehr die Frage.

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  • Leserbrief von Wilfried Schubert aus Güstrow (11. Dezember 2025 um 13:04 Uhr)
    20 Prozent der Ukraine sollen künftig wieder russisches Gebiet sein, so eine Bedingung Russlands, um den Krieg in der Ukraine zu beenden. Historisch bedingt leben in Lugansk und im Donbass große russische Minderheiten. Selbst war ich in der zweiten Hälfte der Siebziger Jahre in Saporischschja tätig. Im Miteinander und sprachlich war für mich nicht erkennbar, wer Russe oder Ukrainer ist. Sie lebten und arbeiteten gut miteinander. Sprache und Schrift waren russisch. Niemand nahm daran Anstoß. An Feiertagen trugen die Veteranen stolz ihre sowjetischen Orden. Um das Morden und Verwüsten zu beenden, sollte die Ukraine der russischen Forderung nachkommen. Bundeskanzler Merz bekämpft diese Forderung, liefert Waffen und Geld an das ukrainische Regime, um sie zu verhindern. Gegen Israels Absicht, Gaza zu teilen, schweigt er und liefert Waffen an das Regime.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in André M. aus Berlin (10. Dezember 2025 um 11:05 Uhr)
    Es ist zynisch, aber Russland braucht nur zu warten und den Krieg dosiert fortsetzen. Die Ukraine wird fallen. Das ist unausweichlich, erkennbar schon seit langem. Wie es scheint, hat Trumps Regierung das begriffen und beschlossen, den Vorhang aus Moral und Propaganda zu lüften, um die politische Nomenklatura in Kiew zu stürzen. Da ist noch mehr zu erwarten. Trump will offenbar Russland seine Interessensphäre lassen, so wie er seine haben will. Selenski ist fertig. Wenn Selenski heute die russischen Forderungen akzeptieren würde, kann er übermorgen noch größere Verluste vermeiden. Mir ist völlig unklar, wie man das in Brüssel, Warschau, Riga, Berlin und Paris nicht sehen will. Zur Zeit befördert man einen russischen Vormarsch. Insbesondere wenn der Kippunkt in Kiew überschritten sein wird (und der kommt!), wo wird dann eine Trennungslinie verlaufen? Galizien als Restukraine?
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (10. Dezember 2025 um 16:12 Uhr)
      Für eine Zeit wird es ein Friedensbündnis zur Rettung der EU geben, um diese Ukraine zu retten. Es wird mit NATO-Macht verkündet werden, aber Kostengründe regeln wie selbstbestimmt die Weltlage. Dann bleibt keine andere Wahl und wir zahlen.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (10. Dezember 2025 um 10:08 Uhr)
    Die »blinde Union«: Seit der Coronakrise agiert die Union nicht nur kurzsichtig – sie ist politisch erblindet. Während man bei Corona jede demografische Realität ignorierte (weil sie die eigene Panikpolitik entlarvt hätte), weigert man sich heute, die viel drastischere Realität in der Ukraine zur Kenntnis zu nehmen. Die nackten Zahlen sprechen eine Sprache, die in Brüssel niemand hören will: 1991 hatte die Ukraine über 51 Millionen Einwohner. Bis zum Kriegsbeginn waren es nur noch etwa 40 Millionen. Heute – laut gängigen Schätzungen und selbst Wikipedia – sind es rund 28 bis 30 Millionen. Das ist keine statistische Schwankung. Das ist ein demografischer Absturz. Und wer ist heute noch da? Vor allem Ältere. Kriegsversehrte. Traumatisierte. Eine ausgeblutete Gesellschaft. Eine entvölkerte Arbeitergeneration. Eine verlorene Jugend. Und genau über dieses Land fabuliert die Union vom »Wiederaufbau«, von »Sicherheitsgarantien« und von einer angeblich kriegstüchtigen Zukunft. Die Realität ist brutal einfach: Wer soll dieses Land aufbauen? Wer soll es bezahlen? Und wer soll ein Militär von 600.000 bis 800.000 Soldaten finanzieren – geschweige denn aufstellen? Die Union redet über Strategie, als handle es sich um Tabellenkalkulationen. In Wahrheit ignoriert sie den wichtigsten Faktor überhaupt: den Menschen. Oder besser: deren Verschwinden. Man kann politische Illusionen pflegen. Man kann sich moralisch überhöhen. Aber man kann keine Armeen aus leeren Dörfern rekrutieren und keine Volkswirtschaften ohne Bevölkerung aufbauen. Das Problem der Union ist nicht, dass sie sich irrt. Das Problem ist, dass sie nicht hinschaut.
    • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (10. Dezember 2025 um 15:46 Uhr)
      Und warum schaut sie nicht hin? Vor allem, warum schaut sie nicht zurück? Nun, würde sie das tun, müsste sie sich wohl oder übel mit ihrem eigenen ursächlichen und mitwirkenden Anteil an der Herbeiführung dieser katastrophalen gegenwärtigen Lage der Ukraine konfrontieren lassen. Und das käme mindestens einem politischen Schuldeingeständnis gleich.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (9. Dezember 2025 um 22:43 Uhr)
    Auch ein Weber braucht viele dünne Fäden, um ein langes Tuch zu machen, das geht auch nur millimeterweise. Noch ist er erst bei Strauß und Kohl angekommen. Der Durchbruch kommt dann, wenn er die zitieren darf, die Lebensraum im Osten suchten.

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