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Wie Merz den Krieg finanzieren will

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Friedrich Merz rühmt sich, die Idee zur Reparationsanleihe an die Ukraine stamme von ihm. Jedenfalls deutet er seine Urheberschaft für diesen genialen Plan in einem kurzen Artikel in der FAZ vom Donnerstag an. Kurz skizziert lautet er: Die Ukraine erhält einen zinslosen Kredit von – laut Merz – 165 Milliarden Euro, den sie aus den Reparationszahlungen Russlands – nach dem Krieg? – zurückzahlen soll. Als »Sicherheit« dienen die 185 Milliarden Euro Guthaben Russlands, die seit 2022 bei der Abrechnungsstelle für Wertpapiere »Euroclear« in Brüssel eingefroren lagern. »Wir rühren russische Forderungen nicht an«, schreibt Merz. Er hat bloß vor, sie zu nutzen, sollte die Ukraine nicht bereit oder in der Lage sein, das Geld zurückzuzahlen. Merz erkennt an, dass die belgische Regierung berechtigte Furcht hat, dass Russland mit dieser Nutzung seiner Guthaben nicht nur nicht einverstanden ist, sondern vor internationalen Gerichten sogar Recht bekommen und haftbar gemacht werden könnte. Unser Kanzler gibt sich verständnisvoll und schreibt, Belgien könne nicht auf rein politische Zusagen vertrauen, dass es mit diesem Risiko nicht allein gelassen werde. Die Bedingungen des Reparationskredits müssten rechtlich verbindlich umgesetzt werden und die EU-Länder diese Sache »gemeinsam tragen«.

Die Regierungschefs der EU haben bereits vor Wochen einen Vorschlag der Kommission in der Sache beraten und die Entscheidung auf den 18. Dezember vertagt. Die Sache eilt, weil die Ukraine sich der Zahlungsunfähigkeit nähert und die Zuschüsse aus dem Westen spärlicher fließen und meist zweckgebunden mit dem Kauf von Rüstungsgütern aus dem Geberland verknüpft sind. Die Sache eilt auch, weil der US-Präsident in seinem 28-Punkte-Plan für das Ende des Ukraine-Kriegs die in der EU eingefrorenen, aber Russland gehörenden Geldsummen bereits eingeplant hat. Gemeinsam tragen heißt, dass die EU-Staaten, schön verteilt nach Wirtschaftskraft, in unterschiedlicher Höhe Garantien für den riesigen Kredit aussprechen, für den Fall, dass die Ukraine keine Reparationen erhält und der letzte Zugriff auf die russischen Guthaben doch nicht möglich sein sollte. Die Anfrage bei der Europäischen Zentralbank, eine solche Garantie als »Kreditgeber letzter Instanz« zu übernehmen, wurde von deren Präsidentin Christine Lagarde rundweg abgelehnt.

Die letzte Wendung der Geschichte liefern die Parteifreunde Ursula von der Leyen und Merz gemeinsam. Die Kommissionspräsidentin schlägt vor, die Garantien über den regulären EU-Haushalt laufen zu lassen, wo 2026 und 2027 noch Platz für schlappe 90 Milliarden Euro sei. Der Clou: Sie möchte dazu Artikel 122 der EU-Verträge nutzen, der Ausgaben in einer ökonomischen Notlage, etwa einer Pandemie, eines oder mehrerer EU-Mitgliedstaaten ermöglicht. Hauptvorteil dabei: Ein solcher Beschluss würde keine Einstimmigkeit im Rat erfordern, die bei Garantien zugunsten der Ukraine nötig wäre. Merz sagte seinen für Freitag geplanten Besuch in Norwegen ab und traf sich zum Abendessen eigens mit dem immer noch skeptischen belgischen Ministerpräsidenten Bart De Wever.

Um eine unmittelbare Staatspleite der Ukraine abzuwenden, ist den beiden Deutschen jedes Mittel recht. Der Krieg muss weitergehen!

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Aachen.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (7. Dezember 2025 um 18:32 Uhr)
    Es ist schon verwegen, die eingefrorenen russischen Milliarden quasi als Kredit an die Ukraine auszuzahlen – in der zweifelhaften Hoffnung auf Rückzahlung aus vorgeblich anstehenden russischen Reparationszahlungen. Belgien verlangt verständlicherweise belastbare Sicherheiten, mit den sehr wahrscheinlichen russischen Rückzahlungsforderungen nicht allein gelassen zu werden. Scheinbar will bislang außer Deutschland niemand entsprechende Zahlungsverpflichtungen gegenüber Belgien eingehen. Es ist offenbar bequemer, den eigenen Bündnispartner als Bauernopfer im geopolitischen Schachspiel dem Gegner zum Fraß vorzuwerfen. Belgien fordert laut RT-DE (https://linkezeitung.de/2025/12/06/belgischer-premier-merz-bereit-deutschland-fuer-diebstahl-russischer-milliarden-haften-zu-lassen/) dementsprechend eine gesamtschuldnerische Haftung aller EU-Länder für die belgischen Verbindlichkeiten gegenüber Russland. Im deutschen Sprachraum liefert Google dafür kaum Quellen. Im englischen Sprachraum sieht es anders aus (https://en.interfax.com.ua/news/general/1110909.html), der Ausdruck »joint and several liability« entspricht in etwa dem deutschen Ausdruck der gesamtschuldnerischen Haftung. Und der bedeutet keineswegs, dass jeder nur gemäß seiner Wirtschaftskraft einen Anteil an der Verpflichtung übernimmt. Er bedeutet vielmehr auch, dass jeder der beteiligten Staaten gegenüber Belgien für die vollen 165 Milliarden Euro haftet und sich erst im zweiten Gang an anderen Ländern (gemäß ihrer Wirtschaftskraft) schadlos halten kann. Deutschland müsste also zunächst allein die 165 Milliarden Euro an Belgien zur Weiterleitung an Russland auszahlen – und darf sich dann der wenig Sympathie einbringenden Tätgikeit widmen, den Anteil der anderen Staaten von diesen einzufordern. Das ist ein Rezept für endlosen Streit, vielleicht gar für ein Ende der EU. Soll dafür wirklich das vermutlich mit der peinlichen UN-VV-Präsidentschaft Baerbocks ergaunerte Sondervermögen verschwendet werden?!

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