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Aus: Ausgabe vom 06.12.2025, Seite 10 / Feuilleton
Kreisfahrkultur

Mach’s für uns, Max

Er hat etwas Magisches: Am Wochenende wird die Formel 1 entschieden
Von Jürgen Roth
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Wer bremst, verliert: Max Verstappen

Nachdem die FIA Anfang der zehner Jahre beschlossen hatte, den Elektroquark zumindest teilweise auch der Königsklasse des Rennsports zu oktroyieren (Einführung von Hybridmotoren aus »ökologischer Verantwortung«, haha), verlor ich das Interesse an diesem hochkomplexen Spektakel, das ich zwanzig Jahre lang passioniert verfolgt und publizistisch begleitet hatte.

2014 fuhr ich, weil ich für Piper an einem Buch über die Formel 1 schrieb, dann ziemlich widerwillig nach Monza und nahm die grotesk hässlichen Autos mit kindisch klobigen Heckflügeln und albernen, nein: ekelhaften Frontpartien in Augenschein. In der goldenen Ära um die Jahrtausendwende hatten die von brüllenden, kreischenden und fauchenden V10-Aggregaten angetriebenen Boliden vollendeten liegenden Renaissancestatuen geglichen, nun surrten lächerliche Seifenkisten über den Hochgeschwindigkeitskurs.

Von 1997 an waren wir zehn Jahre hintereinander in Spa gewesen. Auf der Bauernwiese unweit der Haarnadelkurve La Source campten auch mit spaßfördernden Substanzen zugeknallte Holländer, die ununterbrochen und dröhnend laut niederländisches Pornofernsehen glotzten und nach dem Rennen im Totalrausch ihre Tische, Stühle und Sofas unter Einsatz mächtiger Beile zerhackten – wüster Rock ’n’ Roll, ich kannte diese anarchistischen Gesellen, ich hatte als Jugendlicher zwei Jahre in Holland verbracht.

An der Strecke, der schönsten der Welt, hingen überall Banner: »Jos the Boss«. Jos Verstappen pilotierte einen der Tyrrells, der rotzigsten, flegelhaftesten Wagen im Feld, hernach einen Arrows – jener Jos, der 1994 in Hockenheim als Teamkollege von Michael Schumacher beim Boxenstopp beinahe in einem Feuerball verglüht wäre und neben der Piste des öfteren durch seinen, ähm, handfesten Umgang mit Frauen auffiel. Es war die Hochofenzeit der Formel 1: Proletariat und Anmut, Kraft und Eleganz, Krawall und Freude, Geld und Schmutz.

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Komische Karre, genialer Fahrer: Max Verstappen im Red-Bull-Boliden

Der Sohn des Bosses ist dieser Max Verstappen, und auf den wurde ich irgendwann doch aufmerksam. Er debütierte 2015 mit siebzehn in der Formel 1 und besaß nicht mal einen Führerschein – der jüngste Fahrer aller Zeiten, bald der jüngste Sieger aller Zeiten. 2016 in Brasilien zauberte er ein Kunstwerk in die Gischt, seine Polepositions 2023 in Monaco und heuer in Suzuka sind nach wie vor unbegreiflich. Er ist eines der höchst raren Exemplare, dem man bescheinigt, die Grenzen der Physik zu verschieben. Von vielen wird er GOAT gerufen: Greatest of all time.

Die Parallelen zum Genie Michael Schumacher sind stupend. Der mittlerweile viermalige Weltmeister (2021–2024) begann als Kart-Maniac, bremst später als alle anderen, weicht keinem taktisch notwendigen Crash aus, hält unbeherrschbare Karren unter Kontrolle, schreckt vor keinem kühnen Manöver zurück, liebt Rad-an-Rad-Duelle und kann über einen kompletten Grand Prix eine Qualifying-Runde nach der anderen auf den Asphalt brettern, ohne die Pneus zu ruinieren. In Ermangelung eines präziseren Begriffs spricht man da von Rennintelligenz, aber vielleicht stimmt das Wort auch karbonfasergenau, da es etwas Magisches semantisch umhüllt.

Zur Saisonmitte hatte der robuste Rabauke mit dem ungeheuerlichen Feinsinn für Volant und Pedale, der am Funk gern beherzt schimpft (»You fuck shit!«, »Fuck hell!«, »Fucking me!«, »For fuck sake, man!«) und privat ein hingebungsvoller Familienmensch sein soll, 104 Punkte Rückstand auf McLaren. Einst prägten das britische Team richtig sinistre Gestalten, Spitzengauner wie Ron Dennis und David Coulthard, heute tappen diese Weicheier in eine »Mindset-Falle« (Formel1.de) nach der anderen. Vergangene Woche in Katar vergeigten die »hirnlosen« (Toto Wolff) Strategienieten die Safetycar-Phase, so dass Max Verstappen in Abu Dhabi bei zwölf Zählern Differenz zu Lando Norris den Titel im stark unterlegenen Red Bull erstaunlicherweise noch holen kann.

Formel 1 ist ja wie Eishockey, nur ohne Puck, dafür aber mit Reifenwechsel. Möge Max Verstappen, der herrlich anachronistische Charakterkopf, für sein kleines Land die Trophäe gewinnen, notfalls auf Biegen und Brechen. Ich will sie lesen, die moralinverseuchten Kommentare in den Gazetten des bekloppten, ökonomisch und kulturell verheerten Windmühlenparadieses BRD, das an seiner Weltbelehrungssucht und seinem grün-bunten Übermenschenwahn hoffentlich demnächst zugrunde gegangen sein wird.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. (8. Dezember 2025 um 14:54 Uhr)
    Bei »Kreisfahrkultur« in der Überschrift dachte ich zunächst das wäre negativ gemeint und die jW haut mal kräftig auf dieses idiotische im Kreis fahren. Aber weit gefehlt. Es ist ein Loblied auf Raserei (»bremst später als alle anderen«), Rücksichtslosigkeit (»weicht keinem taktisch notwendigen Crash aus«), Verbalinjurien (»You fuck shit!«, »Fuck hell!«, »Fucking me!«, »For fuck sake, man!«), Frauenfeindlichkeit (»neben der Piste des öfteren durch seinen, ähm, handfesten Umgang mit Frauen auffiel«). Da kann man nur hoffen, dass der Stammgast einer fränkischen Kneipe neben dem Zeilenhonorar der jW noch eine kräftige Summe vom Automobil-Dachverband Fédération Internationale de l’Automobile (FIA) überwiesen bekommt. Es ist auch kein Zufall, dass dieser Dachverband von Automobilclubs und Motorsport-Vereinen im Jahre 1904 im Autoland Deutschland gegründet wurde.
  • Leserbrief von Harald T. aus Halle (6. Dezember 2025 um 13:42 Uhr)
    Im Allgemeinen schätze ich die in der jW abgebildete Meinungspluralität an vielen Stellen, wenn verschiedene linke Positionen und teils gegensätzliche Debattenstandpunkte durch die Autorinnen und Autoren vertreten werden. Dass dem Autoren Jürgen Roth jedoch so viel Platz für seine reaktionären Haltungen eingeräumt wird, bleibt mir unverständlich. Ich stimme überein, dass wir Genossinnen und Genossen theoretisch und praktisch Welten von der rechten Sozialdemokratie und den grünen Neoliberalen entfernt sind. Bei allen temporären taktischen Bündnissen gegen die neurechte Regression dürfen diese Parteien und ihre zugehörigen zivilgesellschaftlichen Vorfelder nicht von Kritik ausgespart werden. Jürgen Roth hingegen tut das nicht. Er nutzt jede Gelegenheit, wirklich anlasslos, rechte, kulturkriegerische Kampfbegriffe zu platzieren und zu verbreiten. Das Gerede von einem »Windmühlenparadies BRD« bedient nur eine herbeigeredete, inhärent rechte und aufklärungsfeindliche Agitationskampagne rechter Akteure und hat mit einer linken Kritik an grün-kapitalistischer Politik nichts zu tun. Deshalb wird eine Argumentation an dieser Stelle nie versucht und es könnte als intelligenzbefreite Polemik abgetan werden. Spätestens bei der Rede von einem »grün-bunten Übermenschenwahn« verlässt der Autor jedoch das Feld der linken Kritik. Die Popularisierung der Metapher einer »bunten« Gesellschaft, die der homogenen oder gar braunen gegenübergestellt wird, ist unsere, eine linke Errungenschaft. Das darin enthaltene Eintreten für die materielle, rechtliche und gesellschaftliche Gleichheit aller Menschen, jenseits von Herkunft oder Geschlechtsidentität ist eine Position, für die auch jW steht. Im Zusammenhang mit dem »Übermenschenwahn«, der die egalitären Überzeugungen noch mit faschistischem Chauvinismus in Verbindung bringt, handelt es sich um eine Attacke, die ich sonst in den rechten Hetzblättern oder auf X eher erwarten würde als in der jW.

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