Wirf dein Handy aus dem Fenster
Von Stefan Ripplinger
Er würde das nicht gern hören, weil er die Prosa des New Yorker für »unbeholfen, grau, austauschbar« hält. Und doch erinnert Ross Barkans Büchlein »Fascism or Genocide« stark an die Reportagen dieses Magazins: immer nah an den Akteuren, aber sehr subjektiv, manchmal zu sehr. Dass er den entscheidenden Persönlichkeiten am linken Rand der Demokratischen Partei nahe gekommen ist, verdankt er aber nicht seinem journalistischen Fleiß. Barkan kandidierte 2018 erfolglos bei den New Yorker Vorwahlen der Demokratischen Partei. Er kennt diese Partei wie seine Westentasche.
Alexandria Ocasio-Cortez (AOC), die wie er im Oktober 1989 geboren ist, lernte er schon in einer Zeit kennen, als sie noch nicht als linker Shootingstar galt. Er prognostiziert ihr eine lange Karriere – aber bloß im Kongress. Barkan befremdet die Hartnäckigkeit, mit der AOC erst an Joe Biden, dann an Kamala Harris festgehalten hat. Harris, dieses »vor Angst bibbernde Fertigprodukt aus dem kalifornischen Demokraten-Establishment«, habe, so Barkan, kaum je für etwas anderes gestanden als für die Machtelite, von der sie großzügig unterstützt worden sei (er nennt die Milliardäre Barry Diller und Mark Cuban).
Dass Barack Obamas Regierung eine »Drehtür zwischen Weißem Haus und den reichsten Firmen der Welt« war, belegt Barkan mit einer langen Liste von dessen Mitarbeitern, die es an die Spitze von Technologiekonzernen geschafft haben. Bernie Sanders, der Feind der Oligarchen, muss da wie eine Lichtgestalt erscheinen, auch wenn er gegen offene Grenzen eintritt, um seine proletarische Wählerschaft vor einer Konkurrenz zu schützen, die sich aus Not billig verkauft.
Außerparlamentarische Bewegungen hält Barkan für überschätzt. »Me Too« oder »Black Lives Matter« hätten sich bald totgelaufen. Allerdings erschien sein Büchlein vor den gigantischen »No Kings«-Protesten. Werden sie sich ebenfalls verläppern? Vermutlich. Das ist das Problem der »führerlosen Linken«, wie Barkan sie nennt. Sie macht Eindruck und hat ihren Charme, aber ohne organisatorische Struktur geht sie so, wie sie gekommen ist.
»Wie hältst du es mit Israel?« scheint die Gretchenfrage der US-Linken zu sein. Die Jungen, die die Massaker in Gaza oder der Westbank auf Tik Tok verfolgen, empfinden keine Sympathie für Israel, und die Lobbyorganisation AIPAC (American Israel Public Affairs Committee) hat alle Hände voll damit zu tun, propalästinensische Kandidaten aus den Wahlen zu werfen und proisraelische aufzubauen. Barkan geht einigen Fällen nach.
Eine ältere Generation dagegen erinnere sich noch an die Kibbuze und an all die Hoffnungen, die auf Israel gesetzt wurden. Barkans Vater, ein sozialistischer Zionist, hat sie irgendwann aufgegeben. Und Barkan selbst sieht die Lage für beide Seiten pessimistisch. Weder werde es einen palästinensischen Staat geben, noch werde auf Benjamin Netanjahu eine Golda Meir folgen. Die Falken, die wie der demokratische Senator John Fetterman Israel treu bleiben, werden, prophezeit Barkan (vielleicht voreilig), »nicht die Zukunft ihrer Partei bestimmen«.
Wieder und wieder rühmt er sich, früh vor der erneuten Kandidatur des senilen Biden gewarnt zu haben, dessen Ansätze zu einer sozialen Politik er immerhin würdigt. Weit mehr als mit solcher Eigenwerbung überzeugt Barkan immer dann, wenn er aus Gesprächen schöpft. Dagegen ist seine Behauptung, dass J. D. Vance bloß ein »Beta-Tier« sei und es deshalb nicht weit bringe, schon deshalb absurd, weil Vance bereits Vizepräsident ist. Dass er nicht mehr Papst werden kann, wird er vielleicht verkraften. Erst recht ist Barkans Phantasie, neue Maschinenstürmer würden demnächst ihre Smartphones aus dem Fenster werfen, einigermaßen lächerlich. Ein Unbehagen in der kapitalistischen Kultur ist begreiflich, aber genügt nicht, sie hinter sich zu lassen.
Ross Barkan: Fascism or Genocide. How a Decade of Political Disorder Broke American Politics. Verso, London/New York 2025, 195 Seiten, 22,50 Euro
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