Das gestohlene Bild
Von Gerrit Hoekman
Es ist hinlänglich bekannt, dass die Nazis geklaut haben wie die Raben. Besonders gerne Kunst, besonders gerne von Juden. Auch 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs taucht regelmäßig noch Raubkunst auf. Am vergangenen Dienstag durchsuchte die argentinische Polizei eine Villa im Küstenort Mar del Plata. Die Polizei hatte durch einen Artikel in der niederländischen Tageszeitung Algemeen Dagblad erfahren, dass im Wohnzimmer des Hauses ein Gemälde aus der von Hermann Göring geplünderten Sammlung des jüdischen Kunsthändlers Jacques Goudstikker aus Amsterdam hängt.
Bei dem Gemälde handelt es sich um das »Porträt einer Dame« des italienischen Malers Giuseppe Ghislandi auch bekannt als Fra Galgario (1655–1743), das seit Jahrzehnten auf der internationalen Fahndungsliste für Raubkunst steht. Der Italiener gilt als einer der bedeutendsten Porträtmaler des Spätbarock. Ob es sich bei dem aufgetauchten Bild um das Original handelt, kann anhand der Fotos nicht abschließend beurteilt werden. Die argentinische Polizei entdeckte bei der Hausdurchsuchung jedenfalls nur einen Revolver und ein Jagdgewehr, für die keine Waffenscheine vorlagen, berichtete der Buenos Aires Herald. Die Waffen wurden ebenso konfisziert wie die Handys der Tochter und ihres Mannes. Das »Porträt einer Dame« aber war unauffindbar.
An der betreffenden Wand stellten die Fahnder jedoch einen deutlichen Farbunterschied fest, der vermuten lässt, dass dort lange Zeit ein Bild hing. Die Polizei beschlagnahmte außerdem, »zwei Ordner mit Zeichnungen, Stichen und Drucken. Sie enthielten deutschen Text und schienen aus den 1940er Jahren zu stammen, was die Ermittler zu der Annahme veranlasste, dass sie mit dem fraglichen Kunstwerk in Verbindung stehen könnten«, so der Buenos Aires Herald am Mittwoch.
Kommissar Zufall und clevere Journalisten der Zeitung sorgten dafür, dass das Gemälde wieder aufgetaucht ist. Zumindest vorübergehend. Die Villa in Mar del Plata stand auf der Webseite eines Immobilienmaklers zum Verkauf. Auch einige Fotos des Objekts waren vorhanden. Auf einem konnte man das Wohnzimmer sehen. Und was hing dort über dem Sofa? Das »Porträt einer Dame«!
In der Villa lebt laut Buenos Aires Times Patricia Kadgien, die älteste der zwei Töchter von Friedrich Kadgien, einem hohen Beamten und SS-Mann, der unter anderem für die »Verwertung jüdischen Besitzes« zuständig war. Im März 1945 floh er über die Schweiz und Brasilien nach Argentinien, wo er bis zu seinem Tod 1978 unbehelligt lebte und sehr wohlhabend wurde. »Aus offiziellen Dokumenten geht hervor, dass (…) Friedrich Kadgien 1946 zwei Gemälde aus Amsterdam in seinem Besitz hatte«, schreibt das Algemeen Dagblad. Es wird vermutet, dass Kadgien auch Diamanten im Gepäck gehabt haben könnte, die zuvor in jüdischem Besitz waren.
Jacques Goudstikker, der jüdische Besitzer des Gemäldes, hatte weit weniger Glück als der Nazi Kadgien. Als die deutsche Luftwaffe Rotterdam bombardierte, bestiegen die Eheleute Goudstikker gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn in IJmuiden das niederländische Handelsschiff »Bodegraven«, das etwa 200 Flüchtlinge nach England bringen sollte. Während der Fahrt fiel Goudstikker in der Nacht des 16. Mai 1940 auf dem aus Schutz vor feindlichen Angriffen komplett abgedunkelten Schiff durch eine offene Luke und erlag seinen schweren Verletzungen. Er wurde nur 42 Jahre alt.
Seine umfangreiche Sammlung hatte Goudstikker vor seiner Flucht den Angestellten seines Kunsthandels (es war in den 30er Jahren der größte in den Niederlanden) anvertraut. Sicherheitshalber legte er ein Ringbuch an, in dem er 1.241 Kunstwerke beschrieb, die er in den Niederlanden zurücklassen musste und an denen sich vor allem Hermann Göring bereicherte. Etwa 275 von ihnen entdeckten die Alliierten schon kurz nach dem Krieg im Privatbesitz von Hitler, Göring und anderen Nazigrößen. Die Bilder wurden an die Niederlande übergeben, die aber erst 2005 rund 200 Kunstwerke an die Familie Goudstikker zurückgab. Weitere 500 tauchten im Laufe der Zeit ebenfalls wieder auf.
»Es ist das Ziel meiner Familie, jedes Kunstwerk, das aus der Goudstikker-Sammlung geraubt wurde, wiederzufinden, um Jacques’ Erbe wiederherzustellen«, bekräftigte Marei von Saher, die 81 Jahre alte Schwiegertochter von Jacques Goudstikker am Montag laut AD. Die argentinische Staatsanwaltschaft gab am Dienstag bekannt, dass sie in Zusammenarbeit mit Interpol weiter nach dem »Porträt einer Dame« suchen wird. Es werde alles unternommen, um zu verhindern, dass es außer Landes geschmuggelt wird.
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