Gewisse Kreise. Ein Doppelweg
Von Martin Bartholmy
I. Auf dem Weg zur deutschen Botschaft
Obacht, denkt er, im Dämmerlicht Washingtoner Metrostationen ist schlecht Zeichen lesen, doch nach Farragut, denkt er, kommt Dupont, und damit liegt er richtig, und also hier aussteigen: »board and alight« – erst an Bord und dann ans Licht. Auf dem Bahnsteig geht es nun in welche Richtung? Vermutlich ist’s gleich, und also geht er gegen die Fahrtrichtung, aus Prinzip, denkt er, denn gibt man dir eine Richtung vor, ist’s allemal gut, sich zu widersetzen, aus Prinzip; er geht durchs Drehkreuz, und auf der Rolltreppe Blick aufs Täfelchen – die Anzeige sagt: 78 Grad! Darunter steht treudeutsch »Fahrenheit« – und doch versteht man’s nicht. Ist aber alles eine Frage der Einstellung. Die Einstellungen, »settings«, der Finger wischt: USA – Poland – Mexico – Guinea Bissau – und da: Germany, gebongt: 24 Grad Celsius, alter Schwede, geht doch.
Oben, Straße flüchtet und rücklings kreist Verkehr – Laster hupen, Bettler betteln, Brunnen springt. Erhobener Zeigefinger, tipp und wisch, und auf dem Täfelchen wird aus dem Dupont Circle ein Von-Brück-Kreis, schick, das funzt. Jetzt noch die Laufrichtung, den Fußweg zur Botschaft, das heißt, sag’ ich mal, denkt er, das heißt: »message« – und richtig, die Anzeige sagt »Botschaft«, die Karte zoomt und dreht sich und ein Pfeil erscheint, dem gilt’s zu folgen (auch wenn du ihn nie einholst, nie). Knopf ins Ohr, Lautstärke pegeln … und es geht los: Queren Sie Connecticut zweimal in Richtung Massachusetts. – Heiter ist die Technik und unernst oft das Leben.
Rechts, links der Route poppen kleine gestreifte Blasen auf – Flaggen: rechts ist es Schwarz-Weiß-Rot, links ist es Schwarz-Rot-Gold – Moment! Was ist denn hier kaputt? Zweifingrig zieht er’s breit – und aus der Botschaft des Deutschen Reiches wird hastunichgesehn die Botschaft von Trinidad und Tobago. Und links? Im Schwarz-Rot-Gold der Blase ist irgendein Gekrissel, und wie er’s größer zieht, wird daraus was? – Hammer und Zirkel. Im Knopf im Ohr spricht sorgfältig die weibliche Normalstimme, sie sagt: Botschaft der Deutschen Demokratischen Republik, 1974 bis 1990.
Wenige Schritte entfernt, Länder und Kontinente entfernt kommt er zwischen den Philippinen und Australien, Union Jack und Kreuz des Südens, an einen zweiten großen Kreisverkehr – vielmehr, das Täfelchen zeigt eine Fliege … Moment: »bowtie«, ein Schleifenbinder, und der Kreisverkehr bindet der Fliege den Knoten, na also, und inmitten dieses Knotens sitzt auf grünem Ross ein grüner Reiter, unerreichbar, denn besser als jeder Wassergraben schottet ihn der Verkehr ab, schottet ihn ab von Feind, von Freund. Um diesen Kreis nun bewegt er sich mit viel Vorsicht, geht es doch quer über mehrere Auffahrten, Abfahrten, bis hin zum abgewandten Fliegenflügel, denn dort zeigt sein Täfelchen schon wieder eine schwarz-rot-goldene Blase.
Ein Denkmal. Wie ein Schmetterling – auch das ist eine Art von Fliege – breitet es die Flügel, und als sein Kopf sitzt mittig oben einer, Kopf auf die Faust gelehnt, und hinter ihm ein Heiligenschein, Farben des Paradieses: ein Mosaik. Auch die Flügel prunken mit reichlich Ornament, und orakelhaft steht dort auf deutsch (das Täfelchen bleibt unberührt): DIE MILDE MACHT IST GROSS, und links, rechts außen nicht weniger rätselhaft: Erlangen – Dessau – Leipzig – Coethen. Jetzt wandert der Finger, denn Coethen – wo, was ist das? Das Täfelchen weiß keine Antwort. Ansonsten steht da noch Kauderwelsch und oben drüber ein Name: Hahnemann … war das nicht der Todesengel von Slayer?
Bevor er nachsehen kann, ploppen von neuem deutsche Bläschen vom Boden des Täfelchens, steigen auf, und der Pfeil wandert ihnen entgegen und also von ihm weg; dem Pfeil gilt es zu folgen, aus Prinzip (auch wenn man weiß, man holt ihn nie ein, nie). Das erste Bläschen lässt er rechts liegen – ist bloß so ein Verlag: was mit Feldpost und mit Landserheftchen, uff, braucht kein Mensch. Dann schon der dritte Kreisverkehr. Vielmehr, es ist eine Art gerahmtes Planetensystem: Stern mit vier Trabanten auf ovaler Umlaufbahn, und einer von den vieren trägt ein schwarz-rot-goldenes Bläschen. Da geht er hin. Da steht etwas auf einem Sockel, nämlich da steht, auf diesem Sockel stünde ein Frederick William Augustus Henry Ferdinand Baron von Steuben, geboren in »Prussia«, dann und dann, verstorben in New York, und etwas von Friedrich dem Großen und Militär und Disziplin. Was hat den guten Mann dann nach Amerika getrieben?
Er geht um das Denkmal herum. Dahinter ein Haus in Weiß mit großem Zaun und Säulen, dem zeigt eine Nebenfigur des Denkmals, ein fescher Jüngling ohne Rüstung, ohne Kleid, den nackten Hintern. Und das soll was? – Er wischt es auf dem Täfelchen näher an sich heran, worauf der Pfeil entwischt, eben noch lag er auf eben jenem Hintern. Er tippt auf die Hinterbacken. Ein Fensterchen geht auf. Drin steht: Am Arsch die Räuber. Im Knopf im Ohr, die weibliche Normalstimme, hat sie sich geräuspert? – Er lauscht. Es rauscht. Sie sagt: Am Arsch die Räuber.
II. Sie sind hier
Gesang des James Lloydowitsch Patterson*
*
Der erste Kreis
*
Das Licht geht an, die Treppe hoch,
hinauf,
die Treppe rollt und doch
braucht’s lang,
lang ist sie
und langsam ist sie,
so wie in Moskau,
in der Metro, ja:
Komsomolskaja,
Kiewskaja,
doch geht man die langsam rollenden Stufen,
es ist wie Wasserskifahren auf Kufen:
Es passt nicht zusammen.
Doch hier passt zusammen
der kühle, chemische Name: Dupont
und
der kühle sichtbare Beton
rund
ums Halbrund der Deckenkassetten,
die ohne Wandschmuck sind,
denn die Metro-Architekten
hatten dafür keine Türn, keine Schlüssel
(damals stand man auf brutalism) –
und der Weg ans Licht
führt durch Dämmerlicht
und sichtbaren Beton,
denn im Zentrum
steht der Zug, steht der Waggon.
Und stehe ich,
doch gehe ich
die Treppe hoch,
steh’ auf der Treppe
und ich roll’ ans Licht,
an das Licht der Welt,
der Himmel ein Zirkuszelt –
Dupont: Kreis, Manege,
Straßenverkehrsgehege –
und ich Balancierstange, freischwebend, kein Artist, der mich hält,
und ich ein Fallnetz ohne Fallnetz,
unumstrickte Masche,
Staub weniger Staub,
Asche weniger Asche:
In der Sowjetunion geboren wegen Langston Hughes,
in den USA gelandet wegen Boris-Jelzin-Blues.
*
Der zweite Kreis
*
Mitten im Kreis
auf grünem Ross
ein grüner General …
Ich seh’ es und, im Kopf, die Verse rattern:
*
… und, ein gespenstischer Begleiter,
jagt hinter ihm, dicht hinterdrein,
auf ehrnem Ross der ehrne Reiter,
der mondbeschienene Gigant
mit drohend ausgestreckter Hand …
*
Doch was ist das?
Es ist nichts,
ist bloß Verkehr
und Autorauschen,

das Kopfkino läuft leer:
O mein Fuß,
o mein Gott,
großer Scott,
auf grünem Ross
ein grüner General,
und die Zahl der Straßen, die hier mündet,
so groß wie die Zahl seiner Orden,
doch die sind vergessen worden.
Der Lauf der Zeit
hat seine Gerechtigkeit,
doch die großen Plätze und ihre Namen
lahmen und kommen der Gegenwart nicht hinterher,
denn wer das war, dieser Scott,
kein Kind weiß es mehr.
*
Die Erinnerung, sie ist ein fernes Land,
fern meines Vaters Heimat
meiner Heimat,
fremd meine Muttersprache
meiner Vatersprache.
Ach, spät erst sprach ich sie
und sprech sie heute noch sehr fremd,
das letzte Hemd hat keine Taschen,
dein letzter Lauf ist voller Maschen.
Doch lebte ich nicht schlecht
und lebe schon so lang,
und einiges gelang und anderes nicht,
und trauern kannst du über dies und das,
bedauern, wen du gekannt und wen du nicht gekannt.
Die Erinnerung, sie ist ein fernes Land.
*
Selten sah ich meinen Vater,
selten Majakowskis Tochter ihren,
but at least my English’s better
als das Russisch von
Patricia Thompson
a. k. a.
Jelena Wladimirowna Majakowskaja.
Der dritte Kreis
*
Im Ring der Manege,
ein One-film-wonder mit 3
– ich war dabei:
In den USA vom Ku-Klux-Klan
aus dem Land geschmissen,
und in der SU haben sich
die Ethnien an mich rangeschmissen,
geherzt, geküsst, in die Kamera gehalten,
ich war vergnügt, was wusste ich? –
und meinen Alten war es, denk’ ich, recht,
und allemal besser als ein segregiertes Gehege,
das war er, der Ring der Manege.
*
Hier ist ein Ring,
der mit fünf Ringen balanciert,
läuft wie geschmiert, und keiner fällt herunter:
Ein Pole, ein Preuße, Franzosen zwei
und in der Mitte: Jackson, Andrej,
Hut geschwenkt, Ross auf den Hinterbeinen,
so einem
könnten meine Ahnen
gehört haben
als Sklaven.
Fällt er in den Graben, fressen ihn die Raben,
einfacher Gefreiter und fiel hoch die Leiter,
wurde Präsident.
Kennt man, man weiß, wie das geht,
man versteht: Die Dialektik der Geschichte!
Steuben, Kościuszko, Lafayette –
eben: Geschichte – Dialektik, Gedicht – Sonett,
alles klar, wir verstehn, und wie zum Beweis:
Das Haus dahinter ist weiß.
* James Lloydowitsch Patterson, geb. 17. Juli 1933 in Moskau, gest. 22. Mai 2025 in Washington, D.C. Sein Vater Lloyd besuchte 1932 mit einer US-Delegation, der auch der Dichter Langston Hughes angehörte, die Sowjetunion; er blieb dort und heiratete die sowjetische Künstlerin Wera Ippolitowna Aralowa. Das Paar hatte drei Söhne. Im Alter von drei Jahren wurde James 1936 durch seine Rolle in Grigori Alexandrows Film »Zirkus« zum Kinderstar; später Offizier der sowjetischen Marine, dann Schriftsteller. Nach dem Ende der Sowjetunion wanderte er mit seiner Mutter in die USA aus, wo er bis zu seinem Tod in Washington, D. C., lebte.
Martin Bartholmy ist freier Schriftsteller und lebt in Washington, D. C. 2023 erschien von ihm der Band »Gier und das Kaspische Meer. Erzählungen« (Hinterland House Press). Zuletzt an dieser Stelle erschien von ihm in der Ausgabe vom 31.5./1.6. 2025 die Erzählung »Sankt Gall«.
Buchvorstellung und Lesung
Martin Bartholmy: »Hut hat drei Ecken«
Moderation: Andreas Hahn
Z-Bar, Bergstr. 2, Berlin-Mitte
25. 9, ab 18.30 Uhr
Martin Bartholmy liest aus seinem neuen Buch, dem Gedichtband »Hut hat drei Ecken«, darin, in drei Abteilungen – rauh, glatt und durchwachsen – Gedichte in sehr verschiedenen Stimmungs- und Tonlagen – herb, komisch und beides – und sehr unterschiedlichen Längen – lang, kurz und mittel.
Außerdem liest Martin Bartholmy Essays zur Popmusik.
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