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Aus: Ausgabe vom 30.08.2025, Seite 10 / Feuilleton
Popkultur

Piano Man

Helge Schneider feiert seinen 70. mit einer Doku. Eine Würdigung
Von Maik Rudolph
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Dr. Angelika Hasenbein überlebt die Hölle des Krieges im U-Boot, das er sich aus Tante Uschis kleinem Auto gebaut hat

Es geht Schlag auf Schlag, die Zeit rast: Hegel wäre am Mittwoch 255 Jahre alt geworden, Goethe am Donnerstag 276. Helge Schneider wird an diesem Sonnabend 70, aus diesem Anlass schenkte er der Welt seinen sechsten Langfilm: »The Klimperclown«. Im Vorspann scattet ein Cartoonpiano mit Clownsnase vor sich her, »ein Machwerk von Sandro Giampietro und Helge Schneider« – »Regie: alle beide«, »nach einer Novelle von Theodor Fontane«. ­Giampietro ist Schneiders langjähriger Gitarrist und steht hier hinter der Kamera. Es folgt eine autobiographische Doku über das Leben des Tausendsassas; was stimmt und was fiktional ist, bleibt ungewiss. Schneider hält sein Privatleben aus der Öffentlichkeit raus.

Anders als das Biopic des Parodisten und Musikers »Weird Al« Yankovich, der sich vor drei Jahren von Harry Potter hat spielen lassen, seine fiktive Beziehung mit Madonna zum Mittelpunkt des Films machte und ihn mit seinem Tod 1985 durch einen Auftragskiller aus Escobars Nachlassverwaltung enden ließ, bedient sich Schneider aus dem Repertoire der öffentlich-rechtlichen Dokumentarfilme. Introspektiv eröffnet er mit »Guten Tach, mein Name ist Helge Schneider, und ich bin ’n Clown«, während er an einem Flipperautomaten flippert, der so alt sei wie er selbst. Die Kamera zoomt auf Teile des Automaten, ohne in die Totale zu gehen, streift die Hosenkrempe, erhascht einen kurzen Blick auf die Plateauschuhe: »Um etwas größer zu wirken, trage ich – bei besonderen Gelegenheiten – etwas höhere Schuhe und, wenn es sein muss, auch mal ein Haarteil.«

Sein Name spiele keine Rolle, »man kennt mich wegen meines Hauptwerkes ›Katzeklo‹«, vielleicht hat es der eine oder andere Leser schon mal gehört; Reduktion auf das Klischee. Nach diesem Einblick ins Innenleben des Künstlers greift er auf das abgedroschene Stilmittel des Reenactment zurück. Eine groteske Papageiengestalt mit Groucho-Marx-Brillen-Nasen-Augenbrauen-Aufsatz im Gesicht trifft auf den in gespielter Zeitlupe sprechenden Schneider: »Halt, sind Sie nicht die Hebamme, die mich in der Nacht zum 30. August 1955 auf die Welt gebracht hat?« Das war in Mülheim an der Ruhr. Schule mochte er nicht so; seine Tante Erna, die bei der Familie lebte, habe ihm das Zeichnen nähergebracht, das heimische Klavier die Musik; seine Liebe zu Spanien spielt eine herausragende Rolle, irgendwann hat Angelo Kelly einen Cameo; Alexander Kluge besucht er zu Hause, warum auch nicht?

Seine größten Wünsche als Kind, was er irgendwann einmal werden wollte, ziehen sich durch die rund 80 Minuten: ein Förster; »ich wollte immer Arzt werden, habe aber leider keinen Studienplatz gekriegt« – in der 9. Klasse ging er von der Schule ab; er sei Maurer, Bauzeichner, Zimmermann, Landschaftsgärtner und Friseur gewesen, Kühe trieb er bereits als Kleinkind; so konnte er sich mit all dem Know-how nach 600.000 verkauften Platten selbst ein Haus bauen. »Ein großer Traum von mir ist es, mal gegen den amtierenden Schwergewichtsweltmeister zu boxen. Ruhig Tyson.« Ein Clown wollte er werden, inspiriert vom Schweizer Grock. Den verschwindenden Vermittler, Comedian’s Comedian des deutschen Humors, Heino Jäger, erwähnt er leider nicht.

Herzstück der Doku ist seine Leidenschaft für Musik, besonders Jazz. Dazu gibt es auch allerhand Liveaufnahmen. Sinatras »Saturday Night (Is the Loneliest Night of the Week)« verfolge ihn schon sein Leben lang. Er legt »Mirage« von Art Blakey auf; Schneider ist beschwingt, spielt Bebop und Hardbop. Dass er sonderbegabt ist, dafür spricht die 1972 bestandene Sonderbegabtenprüfung für ein Pianostudium am Duisburger Konservatorium, er blieb dort aber nicht lang. In Düsseldorf trifft er seinen alten Schauspiel- und Bandkollegen Peter Thoms, vielen bekannt als der »Nasenmann« aus Schneiders erstem richtigen Film »Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem«. Er sei ein bekloppter Typ, mit dem man alles machen könne, auch durchzechte Jazzabende in Düsseldorf erleben. Als er in den Briefkastenschlitz der dortigen CDU urinieren wollte, doch er war zu klein dafür, begnügte er sich mit dem der FDP. »Werde dafür aber nicht mehr belangt, ist ja verjährt.« Halbstarker, ein Rowdy, so verwundert auch nicht seine Freundschaft zum Rebellen Peter Kraus. Spannende Aufnahmen seiner ersten DDR-Tournee runden das Porträt als Musiker ab. 1989, Polenmarkt auf dem Potsdamer Platz: »Ich fand’s toll. Auch die Straßen, die Straßenverhältnisse waren sehr gut.«

Zwischendrin trifft er seinen Verleger Helge Malchow (Kiepenheuer & Witsch), doch seine publizistische Karriere verwirft er, mit Neuem sei nicht zu rechnen. Da der Autor dieser Zeilen nicht lesen kann, kann er bloß über das Filmwerk Schneiders schreiben, welches in der Doku eine untergeordnete Rolle spielt. Zwar trifft er seinen Jugendfreund und Produzenten Hanno Huth, auch Schnipsel aus dem anarchischen Neunminüter »Stangenfieber« (1987) schaffen es in die Doku. Das war’s dann auch schon.

Mit »Texas« (1993) beginnt sein ­filmisches Autorenwerk. Eine Coming-of-Age-Geschichte und Western zugleich: Outlaw Doc Synder kehrt dem auf ihn ausgesetzten Kopfgeld trotzend in die Heimat zurück, denn Mutti (Andreas Kunze) muss seine Wäsche waschen – der Wäschesack als MacGuffin par excellence. Dort kann er sich auch »schön den Bauch vollschlagen mit handgepflückter Bohnensuppe aus dem Topf«. Mancher Slackerstudent mag sich wiedererkennen, der Autor urteilt nicht. Ein mustergültiger Social Bandit nach Hobsbawm mit dem in seiner Typologie notwendigem Versorgungsnetzwerk fürs Außenseiterleben. Er liest gerne die Wendy und möchte Rachetaten vollführen am Nasenmann. Gegen Ende wird es metaphysischer, deutscher »El Topo«, nur nicht so langatmig.

Kommissar Schneider hat in »Texas« auch einen Auftritt, der Beginn des Snyder Cinematic Universe. »00 Schneider – Jagd auf Nihil Baxter« aus dem Folgejahr ist vielleicht »etwas hart im Ansatz, aber er ragt weit in den Hals hinein«. Wahnsinn unter der ungenannten Koregie und Kameraarbeit von Christoph Schlingensief. Der Kommissar untersucht den Mord am Clown Bratislav Metulskie. Ein Sequel gab es 2013. Ging so.

Nächster auf der Liste: »Praxis Dr. Hasenbein«, der im Vorgänger schon als Figur etabliert worden ist. Kulissen aus einem Wes-Anderson-Film, etwas »Die fabelhafte Welt der Amélie« und ein Touch Benny Hill. Mondäne Alltäglichkeiten, verlegener Smalltalk: »Ich überlege gerade, ob ich mir überhaupt noch eine Zeitung kauf’ bei dem internationalen Makakentum heutzutage (…). Wenn jeden Tag etwas anderes drinsteht, das ist ja sowieso Quatsch.« Humor bleibt subtil: Vor der Praxis prangt auf schöner Werbetafel »Feine Einläufe nur noch 72,50 DM«. Nun, da wir wieder vor einem Weltenbrand stehen, mahnt uns der Film am Ende: »Der Krieg riss mich mit, mit allen seinen Raffinessen. Durch mein sprichwörtliches Glück hatte ich aus dem kleinen Auto, was mir Tante Uschi für den Krieg mitgegeben hatte, ein U-Boot gebaut, wo ich praktisch den gesamten Krieg trotzen konnte unter Wasser.« – Stimmt nachdenklich.

Im 2004er »Jazzclub – Der frühe Vogel fängt den Wurm« verarbeitet Schneider Biographisches, eine Milieustudie. Teddy Schu ist Tagelöhner, seine Leidenschaft ist der Jazz; über Wasser hält er sich als Fischverkäufer, Zeitungsausträger und argentinischer Gigolo der »Agentur Señora Fuck«. Nebenher vertickt der Nasenmann Pflaster auf der Straße: »Zwei Meter, zwei Mark.« Wahnsinn, den das Leben schreibt; der Autor denkt an seine thüringische Heimat, an den Hosen-Harry, der gerne Passanten die Hosen direkt vom Leib abkaufen wollte, oder an die Frau mit Tourette: »Heute regnet’s. Regnet’s heute? Heute regnet’s! Arschloch! Drecksau!« Die Kinder vom Zschochern wissen Bescheid.

»The Klimperclown«, Regie: Sandro Giampietro und Helge Schneider, BRD 2025, 82 Min., im Kino bereits angelaufen, kostenlos in der ARD-­Mediathek

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