Buchmesse Havanna 2012

Buchmesse Havanna 2012

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    Hasta nuevo aviso

    Jörn Boewe
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    La Bahia de la Habana

    Ich stand kurz nach vier auf, nahm meinen gepackten Rucksack (Landkarte, Paß, Kameras, Notizbuch) und schlich mich aus dem Hotelzimmer. Ich ging am Revolutionsmuseum mit dem Granma-Memorial und der ewigen Flamme vorbei, marschierte die calle Aguacate nach rechts bis zur Obispo hinunter, dann nach links am Hotel Ambos Mundos vorbei bis zur Avenida del Puerto. Dann wieder nach rechts, vorbei am alten Zollgebäude und der Hafenmeisterei, weiter zum Fähranleger.

    Wenn der öffentliche Nahverkehr in Havanna zum Erliegen kommt - die Fähren nach La Regla und Casa blanca am Ostufer der Bahía de la Habana fahren immer noch. Es gibt strenge Sicherheitskontrollen, aber zwischen fünf und halb sechs sind sie noch nicht übertrieben streng. Es gab in der Vergangenheit Versuche, eine Fähre nach Miami zu entführen, was, wenn es geklappt hätte, eine abenteuerliche und langwierige Reise geworden wäre. Seitdem darf man keine Handfeuer- und blanken Waffen, Glasflaschen und Laptops mitführen. Das mit den Laptops habe ich nicht verstanden, denn soweit ich erkennen konnte, haben die alten Dieselbarkassen keinen USB-Anschluß.

    Als ich die Fährstation erreichte, fuhr mir mein Boot vor der Nase davon, aber selbst mit dem nächsten kam ich noch pünktlich auf dem Bahnhof in Casa blanca an. Was nicht kam, war der Zug. Der Fahrkartenschalter war geschlossen, jemand hatte, soweit ich das im Dunkeln entziffern konnte, auf ein Schild geschrieben: »no hay tren hasta ...«. Der Rest war nicht zu lesen. Es sah ein bißchen aus wie: »Es fährt kein Zug vor neun.«

    Ich wartete eine Weile gemeinsam mit enem Dutzend Einheimischer (die wichtigere Termine hatten als ich und sichtlich nervös wurden). Nach einer halben Stunde fuhr ich zurück in die Stadt So sah ich den Sonnenaufgang über der Bucht, dem natürlichen Hafen von Havanna. Ich schlenderte an den Kais entlang zurück ins Hotel, frühstückte, drehte noch eine Runde durch Centro Habana und Habana Vieja, kaufte die Granma und zwei Zigarren, das Stück für einen kubanischen Peso, den Gegenwert von vier Eurocent.  Die Polizisten am Fähranleger in Havanna Vieja waren sich ziemlich sicher, daß der Zugverkehr wieder rollen würde, also versuchte ich mein Glück aufs Neue mit dem Mittagszug.

    Ich wollte den Kräutermann in Arcos de Canasí besuchen. Vor ein paar Tagen hatte ich ihn auf der Fähre kennengelernt: Ein kleiner, von der Sonne verschrumpelter alter Bauer aus der Gegend um Matanzas. Früher hatte er als Vorsitzender einer Bananenkooperative gearbeitet, jetzt war er pensioniert und kam jeden Tag mit dem Frühzug von Canasí nach Havanna, um auf dem Markt Medizinkräuter zu verkaufen. Für die hundert Kilometer brauchte der Zug, wenn er denn fuhr, ganze drei Stunden. » Wenn du nach Canasí kommst, frag nach dem hierbero«, sagte er, dem Kräutermann.

    Der Alte strahlte die ganze Zeit. Nun, er hatte eine Menge Sonne abgekriegt in seinem Leben. »Schau dich um«, sagte er. »Das ist einer der schönsten Flecken auf Gottes Erde. Wir Kubaner sind eine Mischung von allem: Spanier, Afrikaner, Chinesen. Und alle ganz entspannt. Auf Kuba gibt es keine Rassendiskrimierung.«

    Zwei Tage später traf ich ihn wieder auf der Fähre. Am Tag zuvor hatte ich dem kubanischen Fernsehen ein Interview gegeben, in dem ich mich für die Freilassung der fünf in den USA verurteilten kubanischen Agenten ausgesprochen hatte, die seit 1998 in Miami im Strafvollzug sitzen. Sie hatten in den 90ern terroristische Exilgruppen unterwandert, um Anschläge auf touristische Einrichtungen auf der Insel zu verhindern. Ihre Informationen hatten sie später dem FBI übergeben, das daraufhin eine Bombenwerkstatt hochnahm. Trotzdem wurden die fünf zu unverhältnismäßig hohen Gefängnisstrafen verurteilt. »Ich hab dich in den Nachrichten gesehen«, begüßte mich der Kräutermann am nächsten Tag, strahlend wie immer.

    Hier kein Zugverkehr bis zu neuer Ansage
    Hier kein Zugverkehr bis zu neuer Ansage

    »War`s okay, oder hab`ich Blödsinn erzählt?«, wollte ich wissen.

    »Das war eine sehr gute Intervention«, sagte er.

    Er hatte mich eingeladen, sein Dorf zu besuchen. 1958 hatte er als Guerrillero mit dem M-26-7 in den Bergen gekämpft. Als ich sah, wie behende der alte Mann mit seinem Rucksack vom Boot kletterte, glaubte ich ihm aufs Wort. Ich versprach, ihn am nächsten Tag zu besuchen.

     

    Der Fahrkartenschalter war immer noch geschlossen.  Drinnen klingelte ununterbrochen ein Telefon. Es hatte am Morgen schon geklingelt, und so  ging es vermutlich schon den ganzen Tag. Jetzt, in der Mittagssonne, konnte ich die Schrift auf dem Schild in Gänze entziffern: »no hay tren hasta nuevo aviso«, stand da: »Kein Zug bis  zu neuer Auskunft«. Zehn Meter neben dem Bahnsteig verkaufte eine Frau Kuchen aus einem Kiosk. »Haben Sie eine Idee, ob hier heute noch ein Zug fährt?«, fragte ich.

    »Fragen Sie mal am Fahrkartenschalter«, sagte sie.

    »Der Schalter ist schon den ganzen Tag geschlossen«, sagte ich. »Da gibt`s niemanden, den man fragen kann.«

    Auf Kuba braucht man vor allem Geduld
    Auf Kuba braucht man vor allem Geduld

     Auf dem Bahnsteig saß ein Bauarbeiter, einer von der schwärzesten Sorte, wie man sie in Habana Vieja, Centro und Regla trifft. » Was glaubst du«, fragte ich, »wann kommt der neue aviso?«

    »Kann in einer Stunde sein«, sagte er. »Oder morgen. Kann in vierzehn Tagen sein oder in einem Jahr.«

    »Ich werd`mal ein bißchen warten.«, sagte ich. »Auf Kuba braucht man vor allem Geduld.«

    »Auf Kuba ist alles schwierig«, sagte er, »und nichts einfach.«

    Er arbeitete seit Januar auf einer Baustelle ein paar hundert Meter weiter in einer Fabrik. Einen Arbeitsvertrag hatte er noch nicht. »Der Chef hat uns 300 Pesos versprochen, aber wie`s aussieht, will er jetzt nur 250 zahlen.«

    »In der Woche?«, fragte ich.

    »Monatlich.«  250 kubanische Pesos (CUP) sind ungefähr zehn Euro oder knapp 13 konvertible Pesos (CUC). Man muß natürlich bedenken, daß die Kubaner keine Miete und Krankenversicherung zahlen.

    Die wichtigste Zeitung der Insel
    Die wichtigste Zeitung der Insel

    »Passiert sowas öfter, daß man keine schriftlichen Arbeitsverträge bekommt und beim Lohn über den Tisch gezogen wird?«

    »Ist hier wie überall auf der Welt«, sagte der Arbeiter. »Wenn du Geld hast, hast du keine Probleme, aber wenn du für dein  Geld arbeiten mußt, fangen die Schwierigkeiten an.«

    »Gibt es keine Behörden, die die Einhaltung der Arbeiterrechte überwachen – Verträge, Gesetze, Arbeitsschutz, Lohn?«

    »Behörden gibt`s«, antwortete er. »Aber ich hab noch nicht gesehen, daß die etwas überwachen.«

    »Eine Frage«, sagte ich. »Auf Kuba hat theoretisch die Arbeiterklasse die Macht.«

    »Ja«, sagte er. »In der Theorie ist das so.«

     Er verabschiedete sich (seine Mittagspause war vorbei) und ging gemächlich an seine Arbeit. Ich packte meine Sachen und marschierte fünf Kilometer. Ich kletterte einen Berg hoch und wieder runter. Ich passierte das erste Haus, das Che Guevara auf Kuba bewohnt hatte. Im Garten grasten ein paar Ziegen. Das schlichte Anwesen ist heute ein Museum, und zwei uniformierte Frauen wollten mich für sechs konvertible Pesos  hineinlassen. Ich versprach, später wiederzukommen. An der Autobahn erwischte ich einen Bus zu den Playas del Este, den sechsten, nachdem fünf hoffnungslos überfüllte vorbeigefahren waren. Dummerweise fuhr der Bus heute mit veränderter Linienführung, was ich daran bemerkte, daß er plötzlich auf eine Ausfallstraße einbog, die ins Landesinnere führte. Ich stieg um auf einen russischen Ural-LKW, der mich bis Guanabo brachte, 27 Kilometer östlich von Havanna. Die Halte stelle lag nur zweihundert Meter vom Strand. Unten zog ich die Schuhe aus und ging ein Stück weiter Richtung Osten. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft auf Kuba am 6. Februar sprang ich ins Wasser und schwamm eine Runde im karibischen Meer. Ein paar Männer fischten mit der taraya, einem kreisrunden Wurfnetz, an dessen Rand kleine Gewichte befestigt sind. Ein vielleicht vierjähriger Junge spielte mit einer angespülten Portugiesischen Galeere, einer giftigen Nesselqualle. »Bengel«, schrie ich, »faß die nicht an!« Es war das erste und bislang einzige Mal, daß ich mich in kubanische Angelegenheiten eingemischt habe, die Sache mit den fünf Agenten nicht eingerechnet. Ich setzte mich unter eine Kokospalme, zündete eine Zigarre an und vertiefte mich ins Studium der Granma.

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    Die Stadt des Lernens

    Simon Loidl
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    In aller Welt eingesetzte Lernunterlagen aus Kuba

    Am Donnerstag besuchten wir die Ciudad Escolar Libertad, eine am Stadtrand von Havanna gelegene Bildungseinrichtung, in der vorwiegend künftige Pädagoginnen und Pädagogen ausgebildet werden.

    Derzeit lernen und wohnen 1107 Studierende auf dem Gelände, das tatsächlich einer kleinen Stadt gleicht. Neben Häusern, in denen die Vorlesungen stattfinden, gibt es Kantinen, Wohnheime, Kulturzentren sowie großzügige Parkanlagen und Grünflächen. Außerdem ist hier auch das Alphabetisierungsmuseum untergebracht, in dem die heroische Episode der Ausrottung des Analphabetismus in Kuba im Jahr 1961 dargestellt wird.

    Die Schule bzw. Universität – hier lernen und forschen Abiturjahrgänge, Studenten und Doktoranden – hat selbst eine bewegte Geschichte. 1898 wurde auf dem Gelände die erste US-Kaserne in Kuba gegründet. Im März 1959 wurde die Kaserne wie viele andere im Land in eine Schule umgewandelt. Camilo Cienfuegos persönlich habe die Mauer zerstört, erzählt uns Sergio, der damals ein Teenager war und selbst an der Alphabetisierungskampagne teilgenommen hat. Auch Raquel, die vor einigen Tagen am jW-Stand auf der Buchmesse war, ist zufällig da.

    Die Alphabetisierungsveteranen begleiten uns durch das Museum und erzählen uns von der Kampagne, die im Frühjahr 1961 begann. Mehr als 100 000 Menschen folgten damals dem Aufruf der revolutionären Regierung, sich am Kampf gegen die Leseunkundigkeit zu beteiligen. Das Durchschnittsalter der „Lehrer", die in Landgemeinden gingen, um Bauern und Arbeitern das Lesen und Schreiben beizubringen, bewegte sich zwischen 14 und 16 Jahren. Kinder unterrichteten damals Erwachsene. Die jüngsten Lehrer waren bei Beginn der Kampagne 7 Jahre alt, die ältesten Schülerinnen eine 102jährige und eine 106jährige Frau.

    Durch die Erzählungen der Beteiligten und die Dokumente im Museum wird deutlich, wie wichtig die Kampagne nicht nur für das Land, sondern für jeden einzelnen Beteiligten war. Für jene, die endlich Lesen und Schreiben konnten, fing damals ein neues Leben an. Aber auch für die Jugendlichen, welche den Unterricht erteilten, war die Erfahrung prägend. Vor allem die damals beteiligten Frauen sagen heute, dass die Kampagne für ihre Emanzipation unglaublich wichtig war. Viele Väter waren strikt dagegen, dass ihre Töchter für mehrere Monate von zuhause weggingen. Zehntausende machten es trotzdem und erlangten durch die Unterrichtstätigkeit, aber auch durch die Tatsache, sich gegen ihre Väter durchgesetzt zu haben, ein Selbstbewusstsein, das für ihr gesamtes weiteres Leben von großer Bedeutung war.

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    Auf der Suche nach Lenin. Ein Vormittag in Regla

    Simon Loidl
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    Überall in Havanna zu finden: Kubas Nationalheld José Martí

    Havanna hat zwei Lenin-Denkmäler – bemerkenswert wenig für die Hauptstadt eines Landes, dessen Regierung sich auf die Lehren von Marx, Engels, Lenin und den kubanischen Nationalhelden José Martí beruft. Letzterer hingegen ist omnipräsent in Havanna.

    Martí-Büsten findet man an jeder Ecke, sie zieren Eingänge zu Museen und Behörden ebenso wie Parks oder das Schaufenster des Citröen-Autohauses im Stadtteil Vedado. Außerdem prägen Konterfeis von Camilo Cienfuegos und Che Guevara das Stadtbild. An zahlreichen Hauswänden sowie im Logo des Kommunistischen Jugendverbandes sind die beiden zusammen mit Julio Antonio Mella zu sehen, dem in den 1920er Jahren im mexikanischen Exil ermordeten kommunistischen Studentenführer.

    Lenin hingegen gibt's nur zwei Mal. Im großen Lenin-Park südlich des Stadtzentrums steht ein vom sowjetischen Bildhauer L. E. Kerbel 1984 errichtetes Denkmal zu Ehren des russischen Revolutionärs. Der andere Lenin-Gedenkort Havannas ist bereits 60 Jahre älter. In dem heute zur Hauptstadt gehörenden Hafenstädtchen Regla ließ der damalige sozialistische Bürgermeister anlässlich des Todes Uljanows ein Denkmal errichten und pflanzte einen Olivenbaum dazu.

    In den Gassen Reglas
    In den Gassen Reglas

    Regla liegt dem Zentrum von Havanna gegenüber auf der anderen Seite des riesigen Hafenbeckens. Am schnellsten ist die Arbeitervorstadt mit der Fähre zu erreichen, die alle zehn Minuten von der Altstadt abfährt. Nach zwei Entführungsversuchen der langsamen alten Schiffe in den Jahren 1994 und 2003 gibt es nun Sicherheitsvorkehrungen: Rucksack öffnen, Metalldetektor, Fotografieren verboten. Besonders streng wird dies alles aber nicht gehandhabt.

    Für die Fahrt zahlen Einheimische ein paar Centavos in kubanischen Pesos, Touristen müssen einen konvertiblen Peso berappen. In Regla angekommen, stößt man zuerst auf die direkt neben dem Hafen gelegene Iglesia de Nuestra Senora de Regla. Hier verehren Katholiken wie auch Anhänger der Santería-Religion die Santísima Virgen de Regla – Schutzherrin der Matrosen, in den 1990er Jahren angeblich auch Pilgerstätte für Flüchtlinge, welche sich per Boot Richtung Florida aufmachten.

    Regla ist das Zentrum traditioneller afrokaribischer Religionen in Kuba. Und so können Gläubige neben der Kirche nicht nur katholische Heiligenbilder, sondern auch Santería-Kultgegenstände kaufen. Die Hafenstadt hat – abgesehen vom Lenin-Denkmal – wenig für Besucher zu bieten und ist deshalb trotz der Nähe zur Altstadt bisher von den Touristenströmen verschont geblieben.

    Alltag in der Vorstadt
    Alltag in der Vorstadt

    Man spaziert durch ruhige Gassen, kleine Geschäfte bieten ihre Waren feil, Handwerker gehen ihrer Tätigkeit nach. An den zwei oder drei Bushaltestellen im Ort stehen und sitzen Wartende. Restaurants hoffen auf Kundschaft und würden sich über etwas mehr ausländische Besucher in diesem Teil der Hauptstadt freuen. Die Einheimischen ziehen – nicht zuletzt aus finanziellen Gründen – Kaffee und kleine Snacks vor, die direkt auf der Straße, meist aus Wohnhäusern heraus verkauft werden.

    Ein paar Straßen nördlich vom zentralen Platz Reglas soll laut Reiseführer eine „hohe Metalltreppe" zum Lenin-Denkmal führen. Die Wegbeschreibung ist ungenau, die Autoren des Buches rechneten offenbar nicht damit, daß sich Reisende tatsächlich auf die Suche nach Lenin machen würden. In einem kleinen Park mit Bushaltestelle und einem der mobilen Schießstände, die man in Havanna häufig sieht, erhebt sich die Treppe hinauf auf den kleinen Hügel, den Colina Lenin. Die Stiegen sind unbenutzbar, bei den beiden Aufgängen fehlt jeweils der unterste Teil der Treppe, so daß diese erst ab einer Höhe von etwa zwei Metern benutzbar wäre.

    Nach kurzer Neuorientierung findet der Lenin-Suchende aber die Straße, die auf der anderen Seite des Hügels zwischen kleinen Häusern auf den Hügel führt. Neben dem letzten Haus vor einem großen Parkplatz rattert eine kleine Wasserpumpe. Gegenüber sind ein paar Männer mit Renovierungsarbeiten beschäftigt. An den Wäscheleinen einiger Häuser flattern Kleidungsstücke in der warmen Februar-Brise.

    "Übe und lerne" - mobiler Schießstand in Regla

    Am Ende des leeren Parkplatzes steht etwas versteckt hinter Bäumen und Sträuchern ein Haus, davor eine weitere Martí-Büste. Links davon führt ein kaum ausgetrampelter Pfad dorthin, wo das Denkmal stehen müßte. Die Mischung aus Verlassenheit und dem offiziellen Charakter des Hauses mit der Büste lädt nicht dazu ein, hier weiter vorzudringen.

    Als ich gerade wieder den Rückzug antreten will, kommen zwei Frauen und ein Mann aus dem Haus und registrieren erstaunt den einsamen Besucher. Auf meine Frage, ob hier das Lenin-Monument zu finden sei, erklären sie mir, dass dieses derzeit renoviert würde und deshalb geschlossen sei. Als könne er meine Gedanken erraten, erklärt mir der Mann, dass gerade Geld für die Instandsetzung gesammelt würde. Das erklärt wohl, weshalb nirgends Renovierungsaktivitäten oder zumindest Hinweise auf diese zu sehen sind.

    Unverrichteter Dinge mache ich mich auf den Rückweg. Den Colina Lenin hinunter, dann auf Umwegen durch die Gassen Reglas zurück Richtung Hafen. Lenin habe ich nicht gefunden. Ein paar Mal nicke ich am Weg noch José Martí zu, dann warte ich auf die nächste Fähre, die mich in die Altstadt zurückbringt.

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    Die Ciudad Escolar de Libertad - Ein geschichtsträchtiger Ort

    Fotos: kk/junge Welt

    Sergio Ballester, Professor für Mathematik, lud uns zu seiner Arbeitsstätte ein
    Die Ciudad Escolar de Libertad, ehemalige Kaserne, beherbergt heute Schulen, Fortbildungszentren, Kliniken und Kultureinrichtungen
    Die alte Landebahn, die Batista nutzte. Nach dem Sieg der Revolution wurde das ehemalige Kasernengelände für die Wissenschaft und Kultur genutzt. Camilo Cienfuegos selbst soll die Mauern ums Gelände mit eingerissen haben.
    Die Ciudad Escolar de Libertad ist eine wohltuende grüne Oase in der Großstadt Havanna
    Auch in Kuba lassen Bäume ihre Blätter im Winter fallen
    Skulptur vor dem Museum für Alphabetisierung
    Die Direktorin des kleinen Museums empfängt uns und erzählt über die Alphabetisierungskampagne von 1961
    Sergio in der Eingangshalle des Museums, im Hintergrund Fidel Castro während seiner Rede vor der UNO zur Alphabetisierung
    Elam Manuel Menendez, mit nur 8 Jahren der jüngste Lehrer in der Kampagne
    Ausgestellte Diplome und Briefe an Fidel, die letzte Aufgabe in der Prüfung
    Anciana lernte noch mit 102 Jahren Schreiben. Der älteste Schüler war sogar 106 Jahre alt, leider existiert von ihm kein gut erhaltenes Foto mehr
    Auch von Sergio lassen sich noch Unterlagen finden. Mit 13 Jahren ging er aufs Land, um Bauern Lesen und Schreiben zu lehren
    In der Zeit von Juli bis Dezember 1961 hatte Sergio sechs Schüler
    Die Berichte beeindrucken uns. Raquel (links neben Martha), die ebenfalls als Lehrerin in der Kampagne mitwirkte, begleitet uns noch ein Stück auf dem Rückweg im Bus der Pädagoschen Universität
    Wir bedanken uns noch einmal ganz herzlich bei Sergio und seinen Kollegen für die Einladung.
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    Der freundliche Polizist

    Jörn Boewe
    Hasta la victoria siempre Dosenbier
    Una revolución popular: Bis zum endgültigen Sieg braucht das Volk schließlich auch was trinken

    Ich ging die Landstraße von der Cabaña-Festung Richtung Casablanca. Es war abends, die Buchmesse schloß langsam ihre Tore. Ich wollte die Fähre über die Bucht von Havanna nehmen. Mir sind Boote lieber als Busse oder Taxis, und die Seeluft über der Lagune schmeckt bessert als die Abgase im Tunnel, der die Hafeneinfahrt unterquert. Ich kam an eine Kreuzung und war mir nicht ganz sicher, wo ich lang mußte. Aber weil gerade Buchmesse war, stand heute an dieser ruhigen Kreuzung ein Polizist neben seinem Motorrad.

    "'n Abend", sagte ich. "Bin ich hier richtig nach Casablanca? Zur Fährlinie?"
    Und dann passierte es. Der Polizist schüttelte mir die Hand. Guten Abend, Compañero. Ich dachte erst, er hätte mich mit jemandem verwechselt oder wollte Zeit gewinnen, weil er den Weg selbst nicht wußte.  Aber nein: Dieser junge Mann war nicht verwirrt. "Ja, ja , du bist richtig. Immer geradeaus.

    Die Geste war von einer rührenden, unbeholfenen, aber absolut authentischen Freundlichkeit, die - davon bin ich überzeugt - nicht nur mit karibischer Mentalität, sondern auch mit dem fortwirkenden Impuls der kubanischen Revolution zu tun hat, einer Bewegung von Intellektuellen aus eher bescheidenen Verhältnissen, Arbeitern und Bauern. Natürlich sind Kubas Polizisten Ordnungshüter wie ihre Kollegen in aller Welt, und ihre Schlagstöcke tragen sie demonstrativ offen, damit niemand auf dumme Gedanken kommt. Die Ordnung hier kennt wie jede Ordnung strikte Regeln. Aber trotz wachsender sozialer Unterschiede ist es dennoch keine Ordnung, die der Herrschaft eines reichen Besitzbürgertums dient. Natürlich sieht die Realität anders aus die Ideologie, aber die spontane, anrührende Freundlichkeit des kubanischen Polizisten hat ihre eigenen sozialen Wurzeln. Es hat etwas mit dem Klassencharakter der kubanischen Revolution zu tun.

    Im Übrigen zahle ich fünf Dollar oder konvertible Pesos an jeden, der mir glaubhaft versichern kann, daß ihm so etwas schon einmal in irgendeinem Land außerhalb der Republik Kuba widerfahren ist.

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    Jeder Schüler will studieren. Kuba gehen die Arbeiter aus

    Andreas Köhn

    Wenn man in Havanna mit den an ihren Uniformen sofort erkennbaren Schulkindern spricht und diese nach ihrer beruflichen Zukunft befragt, möchten 90 Prozent der Grund- und Mittelschüler einen akademischen Beruf ergreifen. Die verbleibenden zehn Prozent wollen eher einen Job als Kraftfahrer oder Hotelportier, als in einer Fabrik arbeiten.

    Um dieser Fehlentwicklung entgegenzuwirken, werden zunehmend Berufsberatungen durchgeführt. Diese beginnen bereits in der Grundschule. Um Interessa an handwerklichen Tätigkeiten zu wecken, werden Workshops organisiert, in denen die Schüler z. B. Spielsachen aus Plastik- und Kartonabfällen herstellen. Die 24 Grundschulen der Hauptstadt führen dazu sogar einen Wettbewerb durch. Das Projekt wird auch von der UNESCO gefördert. Da diese und andere Workshopangebote nach der Schule stattfinden, wird damit auch der Jugendkriminalität und dem Alkoholmißbrauch durch eine sinnvolle Freizeitgestaltung entgegengewirkt.

    Hervorzuheben ist dabei noch, daß die ausgebildeten Teamer und Referenten die Kurse und Gruppen ohne Honorar in ihrer Freizeit leiten.

    Ein weiteres Angebot, das vorrangig in Havannas Stadtvierteln mit niedrigem Bildungsniveau durchgeführt wird, ist die Beratung von werdenden und stillenden Müttern. Man hätte eigentlich erwartet, daß nach 53 Jahren Sozialismus allgemeine Kenntnisse über elementare Fragen der Kinderhygiene eine Selbstverständlichkeit sind. Leider scheint sich Kuba da aber nicht von anderen Entwicklungsländern zu unterscheiden.

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    Metal Cubano

    Simon Loidl

    Kuba hat eine lebendige Szene für harte RockmusikSon, Salsa, Rumba, Buena Vista Social Club – darauf beschränkt sich die kubanische Musik in der Welt der Reiseführer und Tourismusprospekte. Bereits ein kurzer Streifzug durch Havanna korrigiert diesen folkloristischen Blick.

    An allen Ecken der Stadt dröhnt aus Wohnungen, Bars oder aus kleinen Radios auf der Straße Reggaeton, bzw. Reguetón, die seit Jahren in ganz Lateinamerika boomende Mischung aus HipHop, Reggae und Dancehall. Ein etwas stiefmütterliches Dasein führt seit jeher die Rockmusik auf Kuba.

    Lange Zeit staatlicherseits mit Argwohn beäugt, entspannte sich die Situation seit den 1990er Jahren merklich. Im Jahr 2000 enthüllte Fidel Castro persönlich ein John-Lennon-Denkmal in der Hauptstadt, das aus Anlaß des 20. Todestages des Beatles-Sängers errichtet worden war. Der damalige kubanische Präsident lobte das sozia­le Engagement Lennons und dessen Ablehnung der US-amerikanischen Kriegspolitik.

    Gleichzeitig begannen sich in dieser Zeit die offiziellen Musikinstitutionen des Landes verstärkt mit der vielfältigen Rockmusikszene auseinanderzusetzen. Gefördert wird seither nicht nur massentaugliche Populärmusik, sondern auch kleine Szenen, die zuvor ausschließlich im Untergrund agiert hatten. 2007 wurde die Cuban Rock Agency gegründet. Diese betreut als Künstleragentur kubanische Bands, die sich Rockmusik der härteren Gangart verschrieben haben. Ziel ist es, den nationalen Bekanntheitsgrad der Bands zu steigern und diesen dadurch häufigere Auftritte zu ermöglichen. Letztendlich sollen die Metalbands auch international bekannter gemacht werden. Finanziert wird die Agentur vom Kubanischen Musikinstitut, das beim Kulturministerium angesiedelt ist. Die Arbeit der Institution wird allerdings nicht von Kulturpolitikern, sondern von Leuten geleistet, die selbst seit vielen Jahren in Bands spielen oder bereits in den 1990er Jahren Konzerte organisiert und Musik produziert haben.

    Die bislang größte Errungenschaft der Cuban Rock Agency ist das Maxim Rock, ein mit modernsten technischen Geräten ausgestatteter großer Club im Stadtteil Vedado. Seit 2008 finden hier in unmittelbarer Nähe zur Plaza de la Revolución und dem Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Kubas mehrmals wöchentlich Rockkonzerte statt. Die Wochenenden sind für Metal- und Hardcorebands reserviert. Trotz staatlicher Finanzierung haben die Betreiber des Clubs bei der Programmauswahl völlig freie Hand. »Es handelt sich um eine von der Regierung finanzierte Institution, die von Privatleuten aus der Szene betrieben wird«, erklärt David Chapet, der an der Organisation von Konzerten beteiligt ist. Die Behörden würden sich nicht dafür interessieren, was hier allabendlich passiert. In dieser Hinsicht habe sich in letzter Zeit tatsächlich einiges verändert. Vor zwanzig Jahren wäre ein Lokal wie das Maxim Rock noch undenkbar gewesen, ergänzt David. Ganz zu schweigen davon, daß es vom Staat finanziert worden wäre.

    Der 1996 nach Kuba gekommene Franzose betreibt seit fünf Jahren Brutal Beatdown Records, das einzige Label für harte Musik auf der Insel. David produzierte ein Album der bereits über die Landesgrenzen hinaus bekannten Death-Metal-Band Combat Noise. Außerdem erschienen zwei Compilations, die einen guten Überblick über die vielfältige und in alle bekannten Subgenres ausdifferenzierte Metalszene Kubas geben. Zudem organisiert David mit dem Brutal-Fest seit 2009 ein jährliches Metalfestival auf der Insel. Sein Anliegen ist es, diesen jenseits folkloristischer Klischees angesiedelten Bereich kubanischer Musik international bekannter zu machen.

    »Alle glauben, in Kuba gibt es nur Salsa, dabei existiert eine verhältnismäßig große Metalszene. Es gibt auch ein paar Hardcorebands, aber vor allem Metal ist ein großes Ding hier.« Jedes Jahr spielen mehrere Gruppen aus Europa auf dem Brutal-Fest. Der Austausch in die andere Richtung ist bisher noch bescheiden. Zumindest aber finden seit einigen Jahren immer öfter Alben kubanischer Bands ihren Weg ins Ausland.

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    Obama, give me five

    Jörn Boewe
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    Frei Betto

    Seit 1998 sitzen fünf kubanische Staatsbürger im US-amerikanischen Strafvollzug. Unter dem Vorwurf der Spionage wurden sie vor einem Schwurgericht in Miami zu ungewöhnlich hohen Freiheitstrafen verurteilt. Reaktionäre exilkubanische Gruppen sorgten während des Prozesses für eine aufgeheizte Atmosphäre.

    Tatsächlich ging es dabei aber um "Spionage" einer etwas anderen Art. Mitte der 90er Jahre führten terroristische Gruppen der exilkubanischen Rechten mehrere Bombenanschläge auf touristische Einrichtungen in Kuba durch. Das Ziel: ein Klima der Angst zu erzeugen und in der Weltöffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, Kuba sei kein sicherer Ort für Urlauber.

    Letztlich ging es darum, die sozialistische Inselrepublik von einer Deviseneinnahmequelle abzuschneiden, die langsam zu sprudeln begann. Dafür waren die kubanischen Contras bereit, über Leichen zu gehen.

    Die fünf Agenten unterwanderten im Auftrag der kubanischen Regierung die terroristischen Organisationen, sammelten Beweismaterial und übergaben dieses ans FBI. Dieses stellte aufgrund dieser Informationen Attentatspläne und Sprengstoff sicher. Gleichzeitig wurden die fünf Kubaner festgenommen und wegen Spionage gegen die USA vor Gericht gestellt und von einer eingeschüchterten Jury in Miami verurteilt.

    In Berufungsverfahren wurden die Urteile bislang im Wesentlichen bestätigt. Weitere juristische Schritte sind nur noch in sehr begrenztem Umfang möglich. Umso größere Bedeutung gewinnt die Arbeit für eine politische Lösung. "Obama - give me five" ist der Slogan einer Kampagne, mit der die kubanische Regierung die internationale und insbesondere die US-amerikanische öffentliche Meinung dafür gewinnen will, Druck auf den US-Präsidenten auszuüben, eine humanitäre Lösung herbeizuführen und die fünf wieder zu ihren Familien nach Kuba zu lassen.

    Und diese Kampagne gewinnt an Fahrt. Es ist beeindruckend, zu sehen, daß die Republik Kuba die "Miami-Five" nicht im Stich läßt. Nicht nur die Regierung, nicht nur die Familien - Künstler, Intellektuelle und einfache Leute machen sich stark für die Freilassung der fünf. Am Mittwoch beteiligten sich mehrere hundert Intellektuelle, größtenteils Hohschullehrer und Akademiker, im Rahmen einer internationalen bildungspolitischen Konferenz in Havanna an einer Diskussion, auf der die Planung der Kampagne besprochen wurde. Und die ist, wenngleich es sich unverkennbar um eine Angelegenheit handelt, die bei vielen Kubanern, nicht nur den Familienangehörigen, starke Emotionen auslöst, hochgradig professionell organisiert.

    Ein Beispiel von vielen ist ein youtube-Videoclip mit dem US-amerikanischen Schauspieler Danny Glover, in dem es diesem gelingt, Leuten, die noh nie etwas vom Fall der fünf gehört haben, den Kern der Sache in einer virtuellen zweiminütigen Pressekonferenz zu erklären. Mit auf dem Podium saß auch der brasilianische Befreiungstheologe Frei Betto.

    Er verwies auf ein Buch seines Landsmannes, des Schriftstellers Fernando Morais: "Die letzten fünf Soldaten des kalten Krieges". Die Resonanz auf dieses Werk, ds bislang nur auf portugiesisch vorliegt, sei in Brasilien enorm gewesen, und zwar weit über die Linke und die Kuba freundlich gesonnen Kreise hinaus. Selbst Anhänger der konservativen Rechten hätten das Buch beeindruckt aufgenommen, und seien entsetzt gewesen über das einer breiteren Öffentlichkeit unbekannte Ausmaß und die Perfidie des konterrevolutionären Terrorismus. "Morais Buch ist einfach auch ein hervorrragend geschriebener Roman", fügte der kubanische Publizist Enrique Ubieta hinzu. Der Kampf, die öffentliche Meinung in den USA und international für die Sache der fünf politischen Gefangenen zu gewinnen, sei letztlich Teil eines umfassenden Kampfes um die kulturelle Hegemonie zwischen Imperialismus und Sozialismus.

    www.thecuban5.org

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    Eine langjährige Kämpferin

    Simon Loidl
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    Raquel Lara vor dem jW-Stand

    Vor einigen Tagen hat uns Raquel Lara beim Buchmesse-Stand der jungen Welt besucht. Raquel war eine von zehntausenden Frauen, die während der Alphabetisierungskampagne in eigenen Frauenvereinigungen gearbeitet haben.

    Ihre Gruppe war zunächst für die statistische Erfassung der Analphabeten in Havanna zuständig. Dies war notwendig, um abschätzen zu können, welchen Umfang die Kampagne überhaupt haben müsse. Danach hat sie aber auch beim Lernprozess selbst mitgeholfen und einzelnen Frauen oder Gruppen die Kunst des Lesens und Schreibens beigebracht. Dies dauerte unterschiedlich lange, erzählt Raquel.

    Während einige bereits nach zwei, drei Monaten intensiven Lernens Lesen und Schreiben konnten, konnten andere dies am Ende der bis 1961 andauernden Kampagne erst in Ansätzen. Danach wurden sie aber weiterbetreut und besuchten normale Schulen. So gern Raquel über diesen wichtigen Erfolg der kubanischen Revolution erzählt – die heutige Situation liegt ihr fast noch mehr am Herzen. Sie spricht von den Veränderungen, die derzeit auf der Insel vonstatten gehen, von der Blockade, welche die Lebensumstände der jüngeren Generationen so stark beeinflusst hat. Und sie sieht die Notwendigkeit eines Umdenkens.

    Darum geht es auch bei den Weichenstellungen, die vom kürzlich zu Ende gegangenen Parteikongress vorgenommen wurden, wo von der Notwendigkeit einer „neuen Mentalität" die Rede war. Für Raquel zielt dies etwa auf die Haltung vieler jüngerer Kubanerinnen und Kubaner ab, die es als selbstverständlich ansähen, dass das Gesundheitswesen und die Ausbildung kostenlos seien. Viele würden meinen, dass dies für alle Bereiche gelten müsse, verlangten, dass alles umsonst sein müsse und wollten nicht arbeiten.

    Schließlich erzählt Raquel noch von Familienmitgliedern, die in die USA gegangen sind. Diese hätten große Illusionen von einem besseren Leben gehabt, aber schließlich gemerkt, dass sie ihre Lebenssituation in dem fremden Land nicht verbessern konnten. Statt auszuwandern müsse es darum gehen, ständig neue Entwicklungen anzustoßen um die Revolution in Gang zu halten. Raquel selbst versuchte als jahrelange Aktivistin der Gewerkschaft ihren Beitrag hierzu zu leisten. Und auch heute noch engagiert sie sich in der Solidaritätsbewegung für die Freilassung der fünf in den USA gefangenen kubanischen Helden.

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    Neuer Streifzug durch Havanna - Begegnungen & Entdeckungen

    Valentinstag am Malecón (Foto: Bärbel Klüßendorf)
    Am Ende des Malecóns rauf auf den Paseo del Prado (Foto: kk/junge Welt)
    (Foto: kk/ junge Welt)
    Foto: Katja Boll
    Zum Stadtbild gehören immer mehr fahrende Händler (Foto: kk/ junge Welt)
    Foto: kk/junge Welt
    Winter auf Kuba (Foto: kk/ junge Welt)
    Foto: kk/junge Welt
    Foto: kk/junge Welt
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    Halbzeit auf der Buchmesse

    Fotografische Eindrücke vom Treiben auf der Cabana

    Foto: kk/junge Welt
    Foto: Bärbel Klüßendorf
    Heinz Langer stellt sein Buch "Zärtlichkeit der Völker" vor (Foto: kk/junge Welt)
    Schweifender Blick übers Meer (Foto: Katja Boll)
    Büchermeere (Foto: kk/junge Welt)
    Bitte einmal Popcorn (Foto: kk/junge Welt)
    Am Stand des Berliner Büros Buchmesse Havanna (Foto: kk/junge Welt)
    Am Nachmittag kommen die Schulklassen (Foto: kk/junge Welt)
    Auch in diesem Jahr suchen viele deutschsprechende Kubaner unseren Stand gezielt auf (Foto: kk/junge Welt)
    Rund 2000 Chinesen sind in Havanna, um Spanisch zu lernen (Foto: kk/junge Welt)
    Chebücher am Stand neben uns bei Prensa Latina (Foto: kk/junge Welt)
    Auch die Kubaner sind verrückt nach Fußball (Foto: kk/junge Welt)
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    Gemeindearbeit in Centro Habana: Casa del Nino y la Nina

    Fotos: kk/junge Welt

    Jeden Tag kommen die Schulkinder ins Zentrum und nehmen an einem der zahlreichen Kurse teil, z.B. Journalismus, zu den Rechten von Kindern, Theater, Tanz, Umwelterziehung und vieles mehr
    Eingang zur Casa im Cayo Hueso, einem von fünf Quartieren im Centro
    Preisträger aus Malwettbewerben
    Sehr pfiffig: Alle Schüler können uns bereits von ihrem Berufswunsch erzählen
    Alejandro spielt auf der Gitarre, wir singen zusammen von Che und Guantanamera
    Unser Applaus bewirkt einige Zugaben
    Yoana (ganz vorne im Bild) möchte Sängerin werden
    Die Sozialarbeit des Zentrums ist vielfältig: Auch Schwangere und junge Mütter werden unterstützt
    Dr. Roxana Martinez klärt die Frauen darüber auf, wie wichtig es für das Neugeborene ist, gestillt zu werden
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    Miquis, Repas, Guapos

    Jörn Boewe
    Miquis, Repas, Guapos
    Schwierigkeiten in Havanna mit dem »Es-sich-leisten-können«

    Der Kampf um die Identität ist das große Thema von Kubas linken IntellektuellenAn die hundert Leute haben sich am letzten Samstag abend in einen kleinen Saal in der früheren Kommandantur Che Guevaras in Havanna gequetscht. Enrique Ubieta Gómez, Herausgeber der populären Kulturzeitschrift La Calle del Medio und zweifellos einer der agilsten politischen Intellektuellen des Landes, stellt sein neues Buch vor.

    Der Titel irritiert zunächst: »Kuba: Revolution oder Reform?« Plan oder Markt, Staat oder Privat, Demokratie oder Diktatur – all das wäre auf den ersten Blick näherliegend. Aber Ubieta setzt Themen, und als mit allen Wassern des Postmodernismus gewaschener Kulturwissenschaftler kriegt er jedesmal die Kurve, egal, aus welcher Einflugschneise er zu seinen intellektuellen Loopings ansetzt.

    Ubietas These: Ohne eine »Revolution in der Revolution« sei der Sozialismus auf Kuba über kurz oder lang verloren. »Der gefährlichste Feind ist heute nicht der politische oder militärische. Die größte Gefahr ist heute die Reproduktion einer kapitalistischen Mentalität.« Womit er nicht auf Max Webers protestantisches Arbeitsethos anspielt, sondern auf die teilweise in Kuba um sich greifende Obsession für nordamerikanische und westeuropäi­sche Markenprodukte aller Art.

    Das Problem ist für Ubieta dabei offenkundig nicht eine solche Sehnsucht, sondern der Umstand, daß eben nicht alle gleichermaßen an die süßen Früchte herankommen. Wie sollte dies in einer postrevolutionären Gesellschaft, die die Gleichheit auf ihre Fahnen geschrieben und in weiten Teilen auch verwirklicht hat, kein Politikum sein? Tatsächlich ist der Zugang zu harter Währung im gegenwärtigen Kuba weniger egalitär als hierarchisch verteilt. Vor diesem Hintergrund wird der Konsum von Markenprodukten à la Gillette, Palmolive, L’Oreal, Vichy, etc., das demonstrative »Es-sich-leisten-können«, zu einer Strategie sozialen Statusgewinns.

    Als Beispiel untersucht Ubieta in seinem Buch die kubanische Subkultur der »Miquis«, das Gegenstück zu den mexikanischen »Fresas« oder spanischen »Pijos«: »Kinder aus Familien mit größeren Ressourcen, die besessen von Mode und Markenkleidung sind« und »Techno-, House- oder Discomusik hören, aber auch jeden anderen Musikstil akzeptieren – sogar den ›Reguetón‹ –, sofern er in den größeren internationalen Verkaufshitparaden auftaucht«. Erst das Erscheinen des Reguetón in den internationalen Charts machte ihn jedoch für die Miquis respektabel, denn grundsätzlich gilt er als Musik der »Reparteros« oder »Repas«: Jugendlicher aus bescheidenen Verhältnissen, »Kinder von Eltern (oder selbst Eltern) ohne qualifizierten Beruf und mit geringeren Einkommen und schlechteren Lebensbedingungen«.

    Ubieta weist in seinem Buch weiter darauf hin, daß im Verhältnis von »Miquis« und »Repas« heute eine soziale und kulturelle Spaltung wieder auftaucht, die es bereits in den 60er Jahren gab, auch wenn die entsprechenen Gruppen damals als »Pepillos« und »Guapos« oder »Cheos« bezeichnet wurden. Bemerkenswert ist dabei, daß die Revolution die sozialen Ungleichheiten, die diesen kulturellen Differenzierungen zugrunde liegen, lange Zeit abschwächte. Dies hat sich mit der Duchsetzung des Systems der doppelten Währung – kubanischer Peso/konvertibler Peso – grundlegend geändert.

    Ubieta legt kein politisches Programm vor, doch im kulturellen Kontext der kapitalistischen Globalisierung des 21. Jahrhunderts insisitiert er auf eine Rückbesinnung auf die solidarischen, internationalistischen und antiimperialistischen Werte von Martí und Guevara. »Die Verteidigung der Revolution wird nur möglich sein, wenn wir unsere sozialistische Identität als unsere ureigene Individualität begreifen und behaupten«, resümierte er vor seinen dichtgedrängten Zuhörern in der Commandancia del Che. Aber letztendlich, kubanische Identität hin oder her: Auf mittlere Sicht wird die Revolution international sein, oder sie wird nicht sein. »Dabei ist es nicht so wichtig«, schreibt er im Schlußwort eines Buches, »daß die revolutionären Parteien in Inkohärenz und Spaltung ersticken. Der Funke eines neuen 68 verbreitet sich auf der trockenen Wiese des Kapitalismus.«

    Enrique Ubieta Gómez: Cuba: Revolución o reforma?. Casa Editora Abril, Havanna 2012, 204 S., 18 CUP
    www.editoraabril.cu

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    Kubas Kinder, Kubas Zukunft

    Bärbel Klüßendorf
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    Die Kinder in der Casa del Nino y la Nina

    Beim heutigen Besuch der »Casa del Nino y la Nina« im Zentrum Havannas war ich beeindruckt: Die Kinder, auf die wir dort trafen und die zwischen 10 bis 12 Jahre alt waren, kannten ihre Rechte laut UN-Kinderrechtskonvention von 1989 ganz genau. Kuba unterschrieb diese sofort. Was für eine »Diktatur«, in der die Bürger, - selbst schon die Kinder -, ihre Rechte kennen. Zum Beispiel das Recht auf Unversehrtheit, auf Bildung, auf eine saubere Umwelt, auf Geborgenheit und Liebe in der Familie, auf gesunde Ernährung, das Recht, seine Rechte zu kennen.

    Die deutsche Bundesregierung hatte die UN-Kinderrechtskonvention trotz Proteste zunächst nur unter ausländerrechtlichen Vorbehalten unterschrieben, nach denen das deutsche Ausländerrecht Vorrang vor Verpflichtungen der Konvention hat. Neben Österreich verhängte Deutschland Abschiebehaft gegen Kinder und Jugendliche. Nach Zustimmung des Bundesrates hat die Bundesregierung erst am 3. Mai 2010 beschlossen, die bei der Ratifizierung der UN-Kinderrechtskonvention abgegebene Vorbehaltserklärung zurück zu nehmen.

    Der Besuch der Casita, die fröhlichen, selbstbewußten und pfiffigen Kinder, haben mich bestärkt, weiterhin meine Solidaritätsarbeit verstärkt fortzuführne. Trotz einiger negativer Beobachtungen, die ich ebenso bei meinem diesjährigen Besuch in Havanna gemacht habe, gehört meine Sympathie und Solidarität dem kubanischen Volk und seiner Revolution, die Kampf aller Linken in der Welt ist.

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    Che Guevara und Leonardo Padura im Programm

    PL/jW
    Che Guevara an der Plaza de la Revolución in Havanna
    Che Guevara an der Plaza de la Revolución in Havanna

    Die ethischen und theoretischen Spuren, die der 1967 in Bolivien ermordete Ernesto Che Guevara hinterlassen hat, sind am heutigen Mittwoch Thema einer Veranstaltung im Rahmen der Buchmesse in Havanna, die von dem international bekannten Kulturinstitut Casa de las Américas angeboten wird.

    Unter dem Titel »Che Guevara – 45 Jahre Präsenz« soll es darum gehen, das Erbe des Comandante aus der Sicht von Persönlichkeiten verschiedener Länder Lateinamerikas und der Karibik zu beleuchten.

    Das Podium ist hochrangig besetzt. Che Guevaras Tochter Aleida March diskutiert mit dessen Kampfgefährten Harry Villegas, dem brasilianischen Befreiungstheologen Frei Betto und dem international anerkannten kubanischen Schriftsteller Roberto Fernández Retamar.

    Zudem werden drei Neuerscheinung vorgestellt, die wichtige Schriften des beileibe nicht nur als Guerillero wirkenden Che beinhalten. »Che Guevara presente«, »Antología mínima« und »Tagebuch eines Kämpfers« beinhalten der Casa de las Américas zufolge wichtige und auch heute noch aktuelle Arbeiten des argentinisch-kubanischen Revolutionärs.

    Ebenfalls heute steht die Verleihung des Carbet-Preises auf dem Programm, den das in Paris durch den aus Martinique stammenden Edouard Glissant gegründete Institut Tout Monde gestiftet hat.

    Diesjähriger Preisträger ist der bekannte kubanische Schriftsteller Leonardo Padura, der für sein Buch »Der Mann, der Hunde liebte« ausgezeichnet wird. Zudem wird der Autor sein neues Werk vorstellen, das unter dem Namen »La memoria y el olvido« (Die Erinnerung und das Vergessen) im Verlag Editorial Caminos erscheint und eine Zusammenstellung seiner journalistischen Aufsätze enthält, die Padura für die Nachrichtenagentur IPS geschrieben hat.

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    Zu Gast bei Fidel - Interview mit Katja Klüßendorf

    Havanna 2012 BK 174.jpg
    Katja Klüßendorf war für die junge Welt zum »Treffen der Intellektuellen« bei Fidel Castro eingeladen

    Katja, du warst eine von den insgesamt vier Eingeladenen der Berliner Büro Buchmessen-Delegation zum »Treffen der Intellektuellen für den Frieden und die Bewahrung der Umwelt« am vergangenen Freitag. Die Veranstaltung hat 9 Stunden gedauert, das ist unheimlich viel.

    Ja, es ist unglaublich, welche Ausdauer, Aufmerksamkeit und Neugier Fidel Castro seinen Gästen entgegengebracht hat.

    Alle waren sehr froh, den Comandante so zu erleben und wollten ihm ihre persönlichen Wünsche aussprechen.

    Jetzt sind schon ein paar Tage vergangen. Rückblickend gesehen: Was hat dich am meisten beeindruckt?

    Zunächst Fidel selbst, er ist sehr humorvoll und ist auf jeden einzelnen Redebeitrag der Gäste eingegangen. Natürlich auch seine klaren Analysen, Fidel ist sehr gut informiert über die Entwicklungen in Europa.

    Er findet nach wie vor kämpferische Worte, keine Floskeln, sondern vom Herzen und Verstand ausgesprochen. Katiuska Blancos Buch könnte auch heißen: »Guerillero para siempre«.

    Von den Gästen ist mir insbesondere Ignacio Ramonet im Gedächtnis geblieben. Er sprach von der Rolle der Massenmedien, der »Zwilling der öknomischen Power«, wie er sagte, und deren Einfluß auf die öffentliche Meinung.

    Wir als junge Welt sind selbst mit dem Thema der Medienmanipulation konfrontiert. Das fängt damit an, daß wir von den Informationen der großen Nachrichtenagenturen angewiesen sind, die zwar keine Lügen im direkten Sinne bringen, aber bestimmte Information vorenthalten und damit verhindern, daß sie überhaupt zum Thema werden. Für unsere Arbeit bedeutet das, daß wir uns stärker mit anderen progressiven linken Medien in anderen Ländern stärker vernetzen müssen.

    Und was hat dir ganz persönlich dieses Treffen bedeutet?

    Ich muß mich manchmal immer noch kneifen lassen, um es zu glauben. Ich habe mir das immer gewünscht, aber nie für möglich gehalten. Als ich dann vom Comandante das Wort bekam, für die junge Welt zu sprechen, bin ich vor Nervosität fast gestorben. Natürlich habe ich die Chance genutzt, ihn zur nächsten Rosa-Luxemburg-Konferenz einzuladen, aber er mußte herzlich lachen und meinte, daß könnte zeitlich eng werden.

    Das Interview führte Katja Boll.



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    Harte Währung macht mich mürbe

    Jörn Boewe
    Touristentransport
    Touristentransport

    Ich bin viel zu Fuß und mit dem Bus unterwegs in dieser pulsierenden karibischen Metropole. Obwohl mein Spanisch etwas eingerostet ist und die Kubaner kein Español, sondern Cubañol  sprechen, komme ich schnell mit unterschiedlichsten Leuten ins Gespräch.

    Allerdings ist es ausgesprochen frustrierend, daß praktisch jede persönliche Unterhaltung in Havanna über kurz oder lang auf eines hinausläuft. Nein, nicht erotische Dienstleistungen, obwohl das auch ein omnipräsentes Thema ist. Generell entwickelt sich nahezu jede Unterhaltung, die in einer alltäglichen Situation beginnt, auf einen Punkt hinzu, an dem dein kubanischer Gesprächspartner an ein paar konvertible Pesos herankommen will.

    Ich rede nicht von den unverschämten Schleppern und Bauerfängern, die die touristischen Zentren in Scharen umlagern und die sofort zur Sache kommen. Ich rede von Luis, der seit einem Unfall vor einem dreiviertel Jahr gehbehindert ist, und sich und seine Mutter, die eine Mindestrente bezieht, mit Bongounterricht und musikalischen Gelegenheitsjobs durchbringen muß. "Kannst du ihr nicht ein Päckchen Milchpulver kaufen?", fragt er.

    Arbeitertransport
    Arbeitertransport

    Oder Marbelis, die ältere Dame, die vor mir an der Wechselstube schlangesteht. Sie zeigt mir Hemingways Stammkneipe, die Bodeguita del Medio, heute ein gräßlicher Touristennepp mit dem Charme von Disneyland.  "Für nichts gehe ich da rein", sage ich. Und sie: "Hemingway würde sich im Grabe umdrehen." Dafür muß ich sie einfach in den Arm nehmen. Auch sie würde gern noch etwas Vernünftiges zu essen kaufen, für ihre Tochter, die unter Schizophrenie leidet. Die bescheidenen Renten von Marbelis und ihrem Mann Jorge reichen nicht weit. Wenn ich sie mit ein, zwei Dollar unterstützen könnte. Wie könnte ich nicht?

    Aber, um ehrlich zu sein, mich zermürbt das auch ein wenig. Bequemer ist es da, sich auf die großen Epochefragen von Revolution und Konterrevolution zu konzentrieren. Nur: Wer hier lebt und überleben will, kann sich diese Art Luxus nicht leisten.

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    Messe und Volksfest

    Simon Loidl

    Seit Freitag hat die am Abend zuvor offiziell eröffnete 21. Internationale Buchmesse auf dem Gelände der Fortaleza San Carlos de la Cabaña in Havanna ihre Pforten für die Besuchermassen geöffnet. In den mehr als 250 Jahre alten Gemäuern der unweit der Altstadt gelegenen Festung stellen hunderte Verlage aus aller Welt ihre neuesten Publikationen vor.

    Vor allem Lateinamerika ist natürlich stark auf der Buchmesse vertreten, wobei sich der Karibik-Schwerpunkt der diesjährigen Feria vorwiegend im Begleitprogramm niederschlägt. Jeden Tag finden Dutzende Lesungen und Buchpräsentationen statt.

    An den Buchständen dominieren die größeren lateinamerikanischen Länder – Verlage aus Mexiko, Argentinien oder Peru präsentieren ihr Sortiment. Aber auch Verlage und Institutionen aus Australien, Kanada oder Deutschland sind da. Aus der Bundesrepublik sind neben dem Berliner Büro Buchmesse Havanna Vertreter der Frankfurter Buchmesse und die Linkspartei-AG Cuba Sí angereist.

    An den Wochenende finden traditionell die meisten Lesehungrigen den Weg zur Festung, und auch dieses Jahr machte da keine Ausnahme. Am Samstag und Sonntag bildeten sich lange Warteschlangen an den Eingängen zur Festung. Wer schließlich hineingelangte, den erwarteten tausende Bücher aus allen Bereichen.

    Neben brandneuer Belletristik und politischen Publikationen besteht ein großer Teil des Angebots aus Gebrauchsliteratur: Kochbücher, Ratgeber, Schulbücher oder Lexika. Das Interesse der einheimischen Käufer liegt eindeutig in diesem Bereich. Auch um die Stände, an denen Kinderbücher, Comics oder Rätselhefte angeboten werden, bilden sich oft große Menschentrauben.

    Dabei kann es schon mal recht eng werden in den kleinen Räumen, in denen sich ein Stand an den anderen reiht. Wenn es doch mal zu viel wird, bietet die große Festungsanlage genügend Möglichkeiten, sich vom Menschenandrang zu erholen, den wunderbaren Ausblick auf Havanna zu genießen oder an den zahlreichen Essensständen wieder zu Kräften zu kommen. Für die Einheimischen ist die Feria nicht einfach eine Buchmesse, sondern ein Volksfest. Aus dem Burggraben dröhnt laute Musik, für die jüngsten Besucher gibt es allerlei Jahrmarktvergnügungen.

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    Sonntags in der Stadt

    Foto: Katja Boll
    Haushohe Wellen am Malecón (Foto: kk/junge Welt)
    Waschtag auf der Dachterrasse (Foto: Bärbel Klüßendorf)
    Foto: Bärbel Klüßendorf
    Singend in der Tür stehend (Foto: kk/junge Welt)
    Im Oldtimer zu Besuch zu Angela (Foto: kk/junge Welt)
    Endlich Zeit für Sigthseeing (Foto: kk/junge Welt)
    Foto: kk/junge Welt
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    Unmögliches versuchen

    Jörn Boewe
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    Selbsthilfe in Havanna: Ruben Font und Antonio González mischen Zement, um ihr Haus in der kubanischen Hauptstadt zu renovieren (Mai 2011)

    Kubas KP sieht Mentalitätswandel in den eigenen Reihen als notwendig für das Überleben der Revolution an. Ein Besuch im Zentralkomitee der PCC

    Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Kubas hat seinen Sitz in einem militärischen Sperrgebiet am Rande der Plaza de la Revolución im Zentrum der Hauptstadt Havanna. Da wir eine Einladung des Sekretärs der Internationalen Abteilung, Noel Carrillo Alfonso, haben, ist es uns möglich, das Gebäude zu betreten, aber fotografieren dürfen wir nicht.


    Dürften wir, würde man auf den Bildern eine Art Bunker der imposanteren Art sehen, der sehr realsozialistisch anmutet, obwohl er es gar nicht ist. Das Gebäude wurde bereits unter der Batista-Diktatur errichtet. Überhaupt scheinen hier viele Dinge auf den ersten Blick anders, als sie sind. Will man zu ihrem Grund durchdringen, kostet es ein bißchen Zeit, Empathie und Suerte, wie man hier sagt, was soviel wie Glück bedeutet, aber nicht jenes Glück, das einem zufällt (das heißt Fortuna), sondern jenes, für das man sich anstrengen muß und ein bißchen Geschicklichkeit braucht.

    Wir passieren einen Kontrollposten, der überprüfen muß, ob wir tatsächlich angemeldet sind, und betreten einen Konferenzraum. Carrillo, der jW-Lesern auch von der diesjährigen Rosa-Luxemburg-Konferenz bekannt ist, ist ein eloquenter, gebildeter und bescheidener Mensch. Von Arroganz der Macht, die bei einem einigermaßen hoch angebundenen Funktionär einer Staatspartei nicht überraschen würde, keine Spur.


    »Batista hat dieses Gebäude bauen lassen«, sagt Carrillo, fast, als müßte er sich für die Präpotenz der Architektur entschuldigen. »Er hat es aber nicht mehr nutzen können.« Damals, vor mehr als einem halben Jahrhundert, nahm die Geschichte hier eine jähe Wendung. Aber auch heute stehen den Kubanern Veränderungen ins Haus, erklärt der ZK-Sekretär. Ende Januar tagte die Parteikonferenz der Kommunisten, die wichtigste Versammlung zwischen den Parteitagen.


    In gewisser Weise hat die Konferenz die vor einem Jahr auf dem sechsten Kongreß der Partei begonnene Debatte über den künftigen Kurs der Republik fortgesetzt. »Der Parteitag hat sich damals vor allem mit Wirtschaftsfragen beschäftigt«, berichtet Carrillo, »auf der Konferenz standen politische Fragen im Fokus.« Offensichtlich bemüht sich die Partei, ihre Rolle bei der Umsetzung der anvisierten Wirtschaftsreformen neu zu definieren. Es ist nicht schwer zu merken, daß ihr das nicht leichtfällt. Bisher hätten sich Parteifunktionäre in alle möglichen Aufgaben der öffentlichen Verwaltung eingemischt, was die Autorität der staatlichen Behörden geschwächt habe. Damit soll Schluß sein, sagt Carrillo: »Die Partei darf nicht administrieren, sondern muß kontrollieren.« Worin der Unterschied in der Praxis konkret bestehen wird, ist nicht ganz klar, aber Carrillo ist es ernst: »Bislang war es so, daß die Kader der Partei immer auf Entscheidungen von oben gewartet haben. Jetzt sind – notgedrungen! – Ini­tiativen der Basis gefragt. Ein enormer Mentalitätswandel sei nötig. Wenn die Partei den nicht erreiche, bekomme man große Probleme.

    Chefs kritisieren

    Dummerweise ist dieser Wunsch nach einem Mentalitätswandel zunächst auch nur eine Anweisung von oben. »Die Leute sollen ihre Chefs kritisieren«, sagt Carrillo, »und die Partei soll absichern, daß es keine Repressionen gibt, denn der Chef hat immer Macht«. Dies trifft zu, aber es trifft auf Chefs jeder Branche und Hierarchiestufe zu – und auf Parteisekretäre nicht minder. Es mutet ein bißchen an wie die Quadratur des Kreises: Gezwungenermaßen greifen die Revolutionsführer um Präsident Raúl Castro bei ihrem Wunsch, den Dingen einen neuen ­Drive zu geben, auf den einzigen Apparat zurück, der ihnen zur Verfügung steht. Und dieser ist, daraus macht Carrillo keinen großen Hehl, leider ein Teil des Problems. »Wir müssen eine Partei werden, die weniger bürokratisch ist und stärker an der Basis.«

    Noel Carrillo am 14. Januar zu Gast bei der XVII. internationale
    Noel Carrillo am 14. Januar zu Gast bei der XVII. internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin


    Immerhin: Der Anspruch, das Unmögliche zu versuchen, war bekanntlich schon eine Maxime eines der historischen Führer dieser Revolution, des Argentiniers Ernesto Che Guevara. Deutlich ist aber auch: Mit strukturellen Veränderungen tut man sich schwer. »Im Rahmen der Revolution muß Raum für Kritik sein«, sagt Carrillo, schiebt aber sofort nach: »Wir wollen keine Meinungsanarchie«. Am Einparteiensystem werde nicht gerüttelt, stellt er klar. Dies wird sowohl mit den außenpolitischen Gegebenheiten, der konfrontativen Haltung des US-Imperialismus, als auch mit historischen Eigenheiten begründet. »Wenn wir ein Mehrparteiensystem zulassen würden, wäre in unserer geopolitischen Situation eine Außenfinanzierung bestimmter Parteien und ein Auseinanderbrechen der Revolution unausweichlich«, sagt Carrillo.


    Die historische Begründung ist weniger plausibel. Auch der Unabhängigkeitskampf sei durch eine einzige Partei geführt worden, das System von Einheitsparteien habe darüberhinaus eine starke Tradition in Lateinamerika und im antiimperialistischen Kampf auch über Kuba hinaus.


    Die Argumentation ist natürlich etwas zurechtgebogen: Zwar hatte sich die Bewegung gegen die spanische Kolonialherrschaft im 19. Jahrhundert tatsächlich in der »Revolutionären Kubanischen Partei« vereinigt. Die kubanische Revolution 1959 jedoch wurde geführt von drei unabhängigen Parteien der antiimperialistischen Linken: Der Bewegung 26. Juli der Castro-Brüder, dem Revolutionären Studentendirektorium und der kommunistischen Partei, die sich damals Sozialistische Volkspartei nannte. Letztere spielte, entgegen aller marxistisch-leninistischen Orthodoxie, nicht die Hauptrolle. Die heutige Kommunistische Partei entstand erst Jahre nach dem Sieg der Revolution durch den Zusammenschluß der drei Organisationen.

    Einheitspartei

    Heute hat die Einheitspartei Carrillo zufolge rund 800000 Mitglieder. Auf ihrem letzten Kongreß vor einem Jahr waren rund 2000 Delegierte vertreten. Das Zentralkomitee hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch rund 200 Mitglieder, heute, nach einer Verkleinerung sind es noch 115. Die zentralen Entscheidungen fallen im Politbüro, das aus 15 Leuten besteht. In den 53 Jahren seit dem Sieg der Revolution hat die Partei nicht mehr als sechs Kongresse abgehalten, zwischen dem vergangenen und dem fünften Parteitag lagen ganze zwölf Jahre.


    »Die Partei hatte beschlossen, keinen Kongreß durchzuführen, solange man keinen Vorschlag für die langfristige Entwicklung hat«, lautet Carrillos Begründung. Ein solches Konzept liege nun vor. Die Zahl der kleinen Selbständigen, jener, die »auf eigene Rechnung« arbeiten oder, etwas prosaischer ausgedrückt, der informelle Sektor, gewinnt an Bedeutung. Dies ist eine Notlösung, denn die Zahl der Angestellten im öffentlichen Dienst und den staatlichen Industrien wird weiter sinken. »Wir haben heute schätzungsweise rund 300000 Selbständige«, sagt Carrillo. »Ende des Jahres werden es mehr als eine halbe Million sein.«


    Nicht inbegriffen sind in dieser Rechnung ganz offensichtlich jene, die irgendeinem kleinen »Bisnes« nachgehen, um ihre Rente oder ihr Gehalt durch einen kleinen Zuverdienst in konvertiblen Pesos (CUC) aufzubessern, und das ist praktisch jeder, der nicht auf reguläre Weise, was immer das sein mag, an CUC herankommt. Kuba hat ein System der Doppelwährung. Ostdeutsche, die die Mitte 30 überschritten haben, denken in diesem Zusammenhang vielleicht an die Zirkulation von D-Mark und den berüchtigten konvertiblen »Forumschecks« in der DDR der 80er Jahre. Es gab Witze dieser Art: Wenn du einen Handwerker rufst, fragt er dich »Forum geht's?«


    Tatsächlich ist die Situation nicht vergleichbar. In der DDR der 80er Jahre waren bestimmte Luxusgüter und Dienstleistungen ohne »harte« Währung schwer und teilweise nicht zu bekommen. Kubaner kommen ohne CUC nicht durch den Alltag. Dies ist eine Erfahrung, die uns hier immer wieder glaubhaft berichtet wird. Die Situation ist äußerst frustrierend und demoralisierend, wie Carrillo bestätigt. »Alle, die heute jünger als vierzig Jahre sind, haben ihr gesamtes bewußtes Leben im Zeichen der Krise verbracht.« Mit dem System der doppelten Währung sei »Korruption ein großes Problem« geworden: »Wenn wir die Schlacht gegen die Korruption nicht gewinnen, verlieren wir die Revolution.« Linie der Partei sei, »daß in diesem Zusammenhang niemand unberührbar ist. Wir müssen erreichen, daß die gesamte Bevölkerung und insbesondere die Jugend die Erneuerung (Actualización) der Revolution als ihre Herzensangelegenheit betrachtet.«

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