17.02.2012, 19:50:15 / Buchmesse Havanna 2012

Auf der Suche nach Lenin. Ein Vormittag in Regla

Von Simon Loidl
P1050509.JPG
Überall in Havanna zu finden: Kubas Nationalheld José Martí

Havanna hat zwei Lenin-Denkmäler – bemerkenswert wenig für die Hauptstadt eines Landes, dessen Regierung sich auf die Lehren von Marx, Engels, Lenin und den kubanischen Nationalhelden José Martí beruft. Letzterer hingegen ist omnipräsent in Havanna.

Martí-Büsten findet man an jeder Ecke, sie zieren Eingänge zu Museen und Behörden ebenso wie Parks oder das Schaufenster des Citröen-Autohauses im Stadtteil Vedado. Außerdem prägen Konterfeis von Camilo Cienfuegos und Che Guevara das Stadtbild. An zahlreichen Hauswänden sowie im Logo des Kommunistischen Jugendverbandes sind die beiden zusammen mit Julio Antonio Mella zu sehen, dem in den 1920er Jahren im mexikanischen Exil ermordeten kommunistischen Studentenführer.

Lenin hingegen gibt's nur zwei Mal. Im großen Lenin-Park südlich des Stadtzentrums steht ein vom sowjetischen Bildhauer L. E. Kerbel 1984 errichtetes Denkmal zu Ehren des russischen Revolutionärs. Der andere Lenin-Gedenkort Havannas ist bereits 60 Jahre älter. In dem heute zur Hauptstadt gehörenden Hafenstädtchen Regla ließ der damalige sozialistische Bürgermeister anlässlich des Todes Uljanows ein Denkmal errichten und pflanzte einen Olivenbaum dazu.

In den Gassen Reglas
In den Gassen Reglas

Regla liegt dem Zentrum von Havanna gegenüber auf der anderen Seite des riesigen Hafenbeckens. Am schnellsten ist die Arbeitervorstadt mit der Fähre zu erreichen, die alle zehn Minuten von der Altstadt abfährt. Nach zwei Entführungsversuchen der langsamen alten Schiffe in den Jahren 1994 und 2003 gibt es nun Sicherheitsvorkehrungen: Rucksack öffnen, Metalldetektor, Fotografieren verboten. Besonders streng wird dies alles aber nicht gehandhabt.

Für die Fahrt zahlen Einheimische ein paar Centavos in kubanischen Pesos, Touristen müssen einen konvertiblen Peso berappen. In Regla angekommen, stößt man zuerst auf die direkt neben dem Hafen gelegene Iglesia de Nuestra Senora de Regla. Hier verehren Katholiken wie auch Anhänger der Santería-Religion die Santísima Virgen de Regla – Schutzherrin der Matrosen, in den 1990er Jahren angeblich auch Pilgerstätte für Flüchtlinge, welche sich per Boot Richtung Florida aufmachten.

Regla ist das Zentrum traditioneller afrokaribischer Religionen in Kuba. Und so können Gläubige neben der Kirche nicht nur katholische Heiligenbilder, sondern auch Santería-Kultgegenstände kaufen. Die Hafenstadt hat – abgesehen vom Lenin-Denkmal – wenig für Besucher zu bieten und ist deshalb trotz der Nähe zur Altstadt bisher von den Touristenströmen verschont geblieben.

Alltag in der Vorstadt
Alltag in der Vorstadt

Man spaziert durch ruhige Gassen, kleine Geschäfte bieten ihre Waren feil, Handwerker gehen ihrer Tätigkeit nach. An den zwei oder drei Bushaltestellen im Ort stehen und sitzen Wartende. Restaurants hoffen auf Kundschaft und würden sich über etwas mehr ausländische Besucher in diesem Teil der Hauptstadt freuen. Die Einheimischen ziehen – nicht zuletzt aus finanziellen Gründen – Kaffee und kleine Snacks vor, die direkt auf der Straße, meist aus Wohnhäusern heraus verkauft werden.

Ein paar Straßen nördlich vom zentralen Platz Reglas soll laut Reiseführer eine „hohe Metalltreppe" zum Lenin-Denkmal führen. Die Wegbeschreibung ist ungenau, die Autoren des Buches rechneten offenbar nicht damit, daß sich Reisende tatsächlich auf die Suche nach Lenin machen würden. In einem kleinen Park mit Bushaltestelle und einem der mobilen Schießstände, die man in Havanna häufig sieht, erhebt sich die Treppe hinauf auf den kleinen Hügel, den Colina Lenin. Die Stiegen sind unbenutzbar, bei den beiden Aufgängen fehlt jeweils der unterste Teil der Treppe, so daß diese erst ab einer Höhe von etwa zwei Metern benutzbar wäre.

Nach kurzer Neuorientierung findet der Lenin-Suchende aber die Straße, die auf der anderen Seite des Hügels zwischen kleinen Häusern auf den Hügel führt. Neben dem letzten Haus vor einem großen Parkplatz rattert eine kleine Wasserpumpe. Gegenüber sind ein paar Männer mit Renovierungsarbeiten beschäftigt. An den Wäscheleinen einiger Häuser flattern Kleidungsstücke in der warmen Februar-Brise.

"Übe und lerne" - mobiler Schießstand in Regla

Am Ende des leeren Parkplatzes steht etwas versteckt hinter Bäumen und Sträuchern ein Haus, davor eine weitere Martí-Büste. Links davon führt ein kaum ausgetrampelter Pfad dorthin, wo das Denkmal stehen müßte. Die Mischung aus Verlassenheit und dem offiziellen Charakter des Hauses mit der Büste lädt nicht dazu ein, hier weiter vorzudringen.

Als ich gerade wieder den Rückzug antreten will, kommen zwei Frauen und ein Mann aus dem Haus und registrieren erstaunt den einsamen Besucher. Auf meine Frage, ob hier das Lenin-Monument zu finden sei, erklären sie mir, dass dieses derzeit renoviert würde und deshalb geschlossen sei. Als könne er meine Gedanken erraten, erklärt mir der Mann, dass gerade Geld für die Instandsetzung gesammelt würde. Das erklärt wohl, weshalb nirgends Renovierungsaktivitäten oder zumindest Hinweise auf diese zu sehen sind.

Unverrichteter Dinge mache ich mich auf den Rückweg. Den Colina Lenin hinunter, dann auf Umwegen durch die Gassen Reglas zurück Richtung Hafen. Lenin habe ich nicht gefunden. Ein paar Mal nicke ich am Weg noch José Martí zu, dann warte ich auf die nächste Fähre, die mich in die Altstadt zurückbringt.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen: