From dusk till dawn
Der Mann war längste Zeit ein Paria, jedenfalls innerhalb Brüsseler Institutionen. Dort freut man sich ungewöhnlich offen darüber, dass er nun seine politische Macht verloren hat. Viktor Orbán ist geschlagen, an seine Stelle tritt mit Péter Magyar einer, der aus demselben Stall wie der bisherige Premier kommt, sich aber in einer maßgeblichen Frage von Orbán unterscheidet, die letztlich Melodie und Lautstärke der Kommentare zum Ausgang der Parlamentswahl in Ungarn bestimmt: Magyar ist EU-, nicht russlandfreundlich. Es ist selbstverständlich die außenpolitische Orientierung eines Landes, die darüber entscheidet, ob in hiesigen Leitmedien über einer politischen Figur der Daumen gehoben oder gesenkt wird. Dieses Mal hob man ihn also.
Der Schriftsteller Gábor Schein, der die Süddeutsche Zeitung mit einem Gastbeitrag beglückt, erweckt den Eindruck, Ungarn sei aus schwärzester Nacht einer Diktatur erwacht: »Der als christlich und nationalistisch getarnte Zynismus, die Arroganz, die maßlose und schlichte Gewalttätigkeit feudaler Verachtung und neofaschistischer Machtübung herrschten 16 Jahre lang.« Damit nicht genug, Orbán und seine Leute haben Verrat an der Nation begangen, als »sie das Land in jeder Hinsicht Putin auslieferten«. Dabei wussten die Ungarn »schon immer genau, was aus Russland kommt. Von dort kommen byzantinische Lügen, Kolonialherrschaft und der Tod, doch Orbán hat es geschafft, dass sie das vergessen haben«.
Und haben sich nun wieder erinnert. »Magyar hat es auf die einfache Formel gebracht: ›West statt Ost‹ – Europa statt Russland«, schreibt das Handelsblatt und findet: »Der Wahlsonntag in Ungarn war ein guter Tag für die liberale Demokratie in Europa. Péter Magyar hat etwas geschafft, was vor zwei Jahren noch undenkbar war. Er hat den Autokraten Viktor Orbán, der sich mit allen fairen und unfairen Mitteln an die Macht klammerte, entthront.« Dabei fällt dem Kommentator der Widerspruch, der zwischen »Autokratie« und Machtverlust per Parlamentswahl besteht, schon gar nicht mehr auf. Sehr wohl aber der FAZ, die konstatiert: Deutlich werde, »dass die Demokratie in Ungarn unter Orbán, bei aller Kritik an Machtmissbrauch und Korruption, nicht beseitigt worden ist«. Und nun? Der Spiegel gibt politikwissenschaftlichen Rat und klärt auf: »War Orbán überhaupt ein Autokrat, wenn er sich abwählen ließ und die Niederlage einräumte? Ja. Sein System gilt in der Politikwissenschaft als ›kompetitiver Autoritarismus‹.«
Wo Autokraten fallen, feiern Technokraten. Linke sind dabei mal wieder bloß Zuschauer. (brat)
Probeabo
Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
-
Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (14. April 2026 um 00:55 Uhr)Herr Magyar trennt sich Ende Februar 2024 (falls das stimmt) von Herrn Orban, will im März eine eigene Partei zur Europawahl = EU-Parlament (Europa ist knapp 40 Prozent größer als die EU und Straßburg mit Sicherheit nicht die Hauptstadt Europas) gründen. Dazu fehlt die Zeit. Deshalb wählt er die Partei Tisza (= Nationalfluss auf Deutsch: Theis) im März zu seiner neuen Bühne und Partei, wird am ersten Tag seines Eintritts Vizevorsitzender, kurz drauf Spitzenkandidat für die Wahl zum EU-Parlament. Einer der beiden Gründer tritt aus, der andere wird Ehrengründer (wohl beide stammen aus der besten ungarischen Medien rancher). Binnen zehn Wochen wurde aus dem unbekannten Kofferträgergatten der ungarischen Justizministerin ein EU-Favorit ohne den finanziellen eigenen Rückhalt eines Niemands. Obwohl er schon Nationalsprech konnte, klingts wie damals bei Wladi Selenskij: Auf einen Schlag war aus allen Ecken mehr Geld da als nötig. Zumal die Quellen nun versiegen, wenn der Befehl befolgt werden soll, die russischen Biligenergielieferungen aufzugeben und auf NATO-Rüstungsniveau von fünf Prozent eingehen zu müssen. In seinen Wahlreden behauptete Herr Magyar mehrmals, dass Ungarn das ärmste Land Europas ist. Was natürlich eine Propagandalüge ist. Das ärmste Land der EU ist Bulgarien, die ärmsten Europäischen leben in Moldowa. Was entsprechende Ziele betrifft, hält sich Herr Magyar noch bedeckt, scheint es. Da hätte er mal weniger laut alles Fremde für unungarisch erklären sollen. Und war er nicht damals auch gegen die 90 Milliarden für die Ukraine Marke Wladi Selenskij? Aus Gründen? Das geht nun aber nicht mehr. Denn mal abwarten, ab wann sämtliche Regierungen der NATO-Staaten einlenken und umdenken werden, wenn es um sieben und bald um zehn Prozent vom BIP fürs Militär geht. Diese Forderungen werden schnell und leicht zur Realität: Die internationalen Herausforderungen/Aufgaben etc. werden wachsen. Und zwar wie von oben angeordnet.
- Antworten
Ähnliche:
Jonathan Ernst/Pool Photo/ap/dpa09.04.2026Einmischung per Handy
Anadolu Agency/IMAGO07.04.2026Selenskij in Damaskus: Brot und Drohnen
Goran Kovacic/imago images/Pixsell17.03.2026Pipelinestreit um russisches Rohöl
Mehr aus: Ansichten
-
Und kostet es die Welt
vom 14.04.2026 -
Frontlücke geschlossen
vom 14.04.2026 -
Avantgarde des Tages: Jobcenter
vom 14.04.2026
