Einmischung per Handy
Von Reinhard Lauterbach
Wenige Tage vor der Parlamentswahl in Ungarn hat US-Vizepräsident J. D. Vance die Bevölkerung des Landes aufgerufen, dem jetzigen Regierungschef Viktor Orbán eine fünfte Amtszeit zu gönnen. Auf einer Kundgebung von dessen Partei Fidesz in Budapest rühmte Vance den Gastgeber am Dienstag dafür, dass er Ungarns Souveränität, konservative Werte und alles verteidige, was auch den USA teuer sei. Höhepunkt des Auftritts war ein Anruf bei Donald Trump, den er laut stellte und das Handy vor das Mikrofon hielt: Der US-Präsident versicherte der versammelten Menge, Orbán sei eine »unglaubliche Führungspersönlichkeit«, er »liebe« Ungarn und dergleichen Phrasen mehr. Der von der EU unterstützte Kandidat Peter Magyar warf Trump völlig korrekt Wahleinmischung vor, ohne sich freilich seiner eigenen Rückendeckung aus Brüssel zu schämen. Für den Moment geben die Umfragen in Ungarn Magyar und seiner Fidesz-Abspaltung »Tisza« einen soliden Vorsprung auf die Regierungspartei.
Bei aller Possenhaftigkeit des Vance-Auftritts lohnt die Frage ein paar Gedanken, was Orbán und die EU eigentlich so auseinandergebracht hat. Die landläufige Antwort lautet: die angebliche Putin-Freundlichkeit des 62jährigen und sein Widerstand gegen die militärische und finanzielle Unterstützung der Ukraine durch Brüssel. Das ist eine oberflächliche Diagnose. Denn nicht Orbán hat sich verändert, sondern die EU. Sie ist nicht mehr das wirtschaftszentrierte Bündnis, dem Ungarn 2004 beigetreten ist; sie ist eine Militärallianz im Entstehen, die auch Russland inzwischen ernst genug nimmt, um sie als einen gesonderten Bedrohungsfaktor wahrzunehmen. Orbán hat dabei Anlass, sich historisch im Recht zu fühlen: Er weiß, dass die EU heute etwa in der Migrationspolitik mit ihren Plänen für Abschiebelager außerhalb der eigenen Jurisdiktion genau das betreibt, wofür Ungarn im »Wir schaffen das«-Sommer 2015 noch gescholten worden ist. Warum also sollte er nicht annehmen, dass er auch diesmal in längerer Perspektive recht behält, wenn er sich der Frontstellung der EU gegen Russland zu entziehen sucht, wenn er sie schon nicht verhindern kann?
Zumal Ungarns historische Erinnerung an das 20. Jahrhundert von einer Konstante geprägt ist: dass es für das Land regelmäßig in Katastrophen endete, wenn es sich in die Auseinandersetzungen größerer Akteure hat hineinziehen lassen. Aus dem Ersten Weltkrieg ist Ungarn als der eigentliche Verlierer des Zerfalls der österreichisch-ungarischen Monarchie hervorgegangen: amputiert um drei Viertel seines Staatsgebiets und zwei Drittel seiner Bevölkerung. Sein Versuch Anfang der 1940er Jahre, diese Niederlage durch eine Allianz mit dem damals auf der Siegerstraße gesehenen Hitlerdeutschland zu kompensieren, endete nicht besser, sondern mit der ungeliebten Eingliederung in den sowjetischen Hegemonialbereich. Und beim Versuch, sich 1956 aus dieser Hegemonie durch einen Aufstand zu lösen, wurden »die Ungarn« vom kollektiven Westen letztlich hängengelassen. Es ist kein Bruch mit dem traditionellen ungarischen Antikommunismus, sondern seine Folge, dass sich Orbán jetzt den neuen Zumutungen aus Brüssel zu entziehen versucht.
Ein weiteres Moment kommt hinzu: Die EU hat aus ungarischer Sicht die Attraktivität verloren, die sie auf dem Höhepunkt ihrer Ausstrahlung zu Beginn dieses Jahrhunderts besaß. Es geht dabei nicht so sehr um das, was Orbán Brüssel immer ankreidet: LGBT-Förderung, Multikulturalismus oder die Klimapolitik. Diese letzte Kritik hat übrigens ihren harten Kern: Ungarn hatte sich zu Beginn seiner Mitgliedschaft zur Montagebank deutscher Autokonzerne hergerichtet. Keiner der großen drei, der nicht in Ungarn mindestens ein Werk gebaut hätte. Jetzt aber ist der Glanz der deutschen Autobranche dahin. Noch ein Grund weniger für Orbán, sich aus Berlin etwas sagen zu lassen. Und ein Anhaltspunkt für die Trump-USA, in Ungarn einen Fuß in die Tür zu bekommen, um die EU weiter zu schwächen.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Martin M. aus Paris (8. April 2026 um 21:22 Uhr)Stimmt, die EU hat sich stark verändert und sich von vielen demokratischen Werten verabschiedet. Lauterbach erwähnt jedoch nicht den verstärkten Autoritarismus der ungarischen Regierung und hat kein Wort übrig für die politischen Gefangenen und die systematische Verfolgung von AntifaschistInnen.
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