Baggern für die Besatzer
Von Gerrit Hoekman
Marokko baut an der Atlantikküste der Westsahara ein 1,6 Milliarden US-Dollar teures Prestigeprojekt: den Dakhla Atlantic Port. Der Frachthafen soll rechtzeitig zum Beginn der Fußball-WM 2030 fertig sein. Seit einigen Wochen baggert offenbar der Saugbagger »Parana« der niederländischen Firma De Boer die Hafeneinfahrt frei, wie die öffentlich-rechtliche Nederlandse Omroep Stichting (NOS) kurz vor Ostern berichtete. Das Engagement des Betriebs aus Sliedrecht bei Rotterdam ist vermutlich lukrativ, aber völkerrechtlich höchst umstritten, denn Marokko hält zwei Drittel der Westsahara, darunter die gesamte Küste, besetzt.
Über den neuen Tiefseehafen in Dakhla sollen in Zukunft aus dem Süden Marokkos, der besetzten Westsahara und den angrenzenden Staaten südlich davon Agrarprodukte, Bodenschätze und »grüner« Wasserstoff exportiert werden. Besonders Binnenstaaten wie Mali, Niger und Burkina Faso könnten den Hafen gut gebrauchen – wobei für Marokko natürlich eine ordentliche Gebühr herausspringen würde.
Während über die marokkanischen Häfen in Tanger, Agadir und Casablanca vor allem der Export nach Europa abgewickelt wird, könnte Dakhla Nord- und Südamerika bedienen, äußerte die Hafendirektorin Nisrine Iouzzi im November gegenüber African Business ihre Hoffnung. Im Moment arbeiten 1.800 Menschen am Bau der Anlagen. Nach der Fertigstellung sollen 20.000 Arbeiter im Hafen und der umliegenden Industrie beschäftigt werden.
Marokko hat viel vor in der Westsahara. Dakhla, das etwa 1.300 Kilometer südlich von Casablanca liegt, ist mittlerweile an das nationale marokkanische Stromnetz angeschlossen. Ein fast fertiggestelltes, 5.000 Hektar großes Bewässerungsprojekt für rund 231 Millionen Euro soll durch entsalztes Meerwasser aus dem trockenen Land eine blühende Landschaft machen. Die landwirtschaftlichen Erträge könnten dann über den geplanten Hafen von Dakhla exportiert werden. Energie aus Sonne und Wind rundet den »Entwicklungsplan« ab.
Laut der UN sind wirtschaftliche Aktivitäten in der Westsahara für ausländische Unternehmen im Prinzip erlaubt. Unter einer Bedingung: Die Erträge müssen der sahrauischen Bevölkerung und nicht der Besatzungsmacht Marokko zugute kommen. Dass das in Dakhla der Fall ist, scheint höchst zweifelhaft. Ursprünglich lebten in der Stadt fast ausschließlich Sahrauis der Nomadenfamilie Oulad Dlim. Nachdem sich Marokko das Gebiet völkerrechtswidrig angeeignet hatte, stellen heute eingewanderte Marokkaner die Bevölkerungsmehrheit. Genaue Zahlen fehlen allerdings, weil Rabat die Sahrauis nicht gesondert aufführt. Die ursprünglichen Einwohner der Westsahara kämpfen nach wie vor um ihre Unabhängigkeit.
»Der Konflikt und die schwierigen internationalen Machtverhältnisse in der Region bergen Risiken für Unternehmen«, warnt die staatliche niederländische Handelsagentur »Rijksdienst voor Ondernemend Nederland« auf ihrer Homepage. »Dazu gehören beispielsweise unrechtmäßig erlangte Vorteile und der damit verbundene Imageschaden. Diese Risiken betreffen insbesondere die korrekte Kennzeichnung und Herkunftszertifizierung von Produkten aus der Westsahara.«
De Boer will seine Aktivitäten in Dakhla offensichtlich nicht an die große Glocke hängen. Auf seiner Internetseite verweist es zwar stolz auf zahlreiche Projekte in Israel, Mexiko, Neuseeland oder am Bosporus – der Dakhla Atlantic Port fehlt aber. Das Unternehmen ließ eine Anfrage der NOS bislang unbeantwortet. Die Trackingseite Marine Traffic ortete den Saugbagger »Parana« jedoch am Dienstag vor Dakhla.
Für Andrea Pelliconi, Dozentin an der Universität in Southampton, ist die Sache klar: »Die Westsahara ist illegal von Marokko besetzt. Das Völkerrecht schreibt vor, dass andere Länder eine solche illegale Situation nicht unterstützen dürfen. Diese Verpflichtung gilt auch für Unternehmen aus anderen Ländern. Die Niederlande haben die Verantwortung, ihre Unternehmen zu regulieren«, wurde sie am Freitag von NOS zitiert.
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