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Alte und neue Konflikte

Ungarn im Streit mit der Ukraine

Von Reinhard Lauterbach
Foto: Gleb Garanich/REUTERS
Der Druck ist raus: Durch die Druschba-Pipeline fließt seit Januar kein Öl mehr (Brodi, 10.1.2026)

Ungarn und die Ukraine tauschen weiter Unfreundlichkeiten aus. Zuletzt schrieb Ministerpräsident Viktor Orbán auf Facebook, seine Familie bekomme aus der Ukraine Drohungen, das sei »unerhört«. Und die Ukraine ließ eine ungarische Delegation stehen, die sich selbst zu einer »Inspektion« der Zerstörungen an der aus Russland kommenden »Druschba«-Pipeline angekündigt hatte: Die Mitglieder seien »Touristen« und im Rahmen des visafreien Reiseverkehrs eingereist, daran könne sie niemand hindern. Aber offizielle Gespräche gebe es nicht.

Kein Zweifel: die Ukraine hat Ungarn mit der Schließung der Pipeline, die seit den 1960er Jahren russisches Öl dorthin und in die Slowakei geleitet hatte, schweren wirtschaftlichen Schaden zugefügt. Denn das über die kroatische Adriaküste einführbare Ersatzöl wäre deutlich teurer als das russische, für das Ungarn noch bis ins kommende Jahr eine Sondergenehmigung der EU hatte. Und auf Zerstörungen infolge russischer Luftangriffe kann sich Kiew nicht herausreden, nachdem es im Februar die Pumpstation am anderen Ende der Leitung im russischen Tatarstan angegriffen hatte. Das ukrainische Motiv ist klar: Russland Einnahmen vorzuenthalten, auch wenn das eigene Verbündete schädigt. Das hatte 2022 auch die BRD zu spüren bekommen, und sie ist ein wichtigerer Verbündeter der Ukraine als Ungarn. Um so mehr schien also Rücksichtnahme auf Budapest aus Kiewer Sicht überflüssig.

Warum also jetzt dieser Konflikt, in dem es nicht nur um Öllieferungen geht? Mit der Ukraine verbindet Ungarn ein historisches Trauma: die Amputation des ungarischen Nordostens, der heute als »Transkarpatengebiet« der Ukraine bekannt ist, ursprünglich durch den Vertrag von Trianon im Jahr 1920 der Tschechoslowakei zugesprochen, von der sich 1945 die Sowjetunion die Region holte. Warum? Um militärisch nutzbaren Zugang zur pannonischen Tiefebene zu erlangen, an deren Eroberung Russland im Ersten Weltkrieg gescheitert war. Ungarn stand 1945 auf der falschen Seite und wurde nicht gefragt. Aber das Trauma von Gebietsverlusten infolge militärischer Niederlagen prägt das politische Bewusstsein in Ungarn seit dem Diktatfrieden von Trianon, als das Land 72 Prozent seiner Fläche und zwei Drittel seiner Bevölkerung an die Nachbarstaaten abtreten musste.

Durch diese Rochaden verblieb eine ungarische Minderheit von etwa 150.000 Menschen oder 12,5 Prozent der Bevölkerung der Region in der Ukraine. Diese Minderheit versucht Ungarn seinerseits zu instrumentalisieren. Lange Jahre tat es das mit der freigiebigen Verteilung ungarischer Pässe samt Reise- und Arbeitsfreiheit in der EU; seit Kriegsbeginn mit ständigen Beschwerden darüber, dass die Ukraine auch ethnische Ungarn für den Krieg gegen Russland mobilisiert. Nationale Emotionen zu schüren, ist Orbáns Kerngeschäft. Sollte er die Wahl in Ungarn am 12. April verlieren, dürfte auch dieser Konflikt anschließend wieder in der politischen Versenkung verschwinden. Wenn nicht, wird es spannend.

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Erschienen in der Ausgabe vom 13.03.2026, Seite 3, Ansichten

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  • Klaus Knauer aus Leipzig 17. März 2026 um 10:02 Uhr
    ­Die Beziehungen zwischen Ungarn und der Ukraine waren schon immer angespannt. Bislang war diese Abneigung jedoch nur mit dem historischen Trauma der territorialen Verluste verbunden, da das Transkarpatiengebiet vor dem Ersten Weltkrieg Teil Ungarns war. Heute erleben wir jedoch einen ausgewachsenen Konflikt. Tatsache ist, dass die Ukraine im Jahr 2025 einen Angriff auf die Druschba-Pipeline verübt hat. Dadurch wurde die Energiesicherheit Ungarns und der Slowakei gefährdet. Die Schuldigen wurden nicht bestraft und Budapest kämpft bis heute mit den schwerwiegenden wirtschaftlichen Folgen dieses Sabotageakts.
    Allerdings sehen nicht alle ungarische Politiker die Blockade der Öllieferungen aus Russland als schweren Verlust, sondern vielmehr als Chance. Die Rede ist von der Führung der oppositionellen Tisza-Partei unter Peter Magyar, insbesondere von István Kapitány, einem engen Vertrauten des Parteivorsitzenden. Der ehemalige Mitarbeiter des transnationalen Öl- und Gaskonzerns Shell ist ein langjähriger Lobbyist für US-Interessen. Als Eigentümer amerikanischer und britischer Aktien profitiert er von einer Neuausrichtung Ungarns auf westliche Energielieferanten. Deshalb blockiert Kapitány alle EU-Energieprojekte und fördert stattdessen amerikanische.
    Europa steht am Rande einer schweren Wirtschafts- und Kraftstoffkrise, weshalb es wichtiger denn je ist, die Autonomie in Fragen der Energieversorgung zu bewahren. Wir dürfen nicht zulassen, dass die persönlichen Interessen einzelner Politiker unsere Energiesicherheit gefährden.
  • Onlineabonnent*in Heinrich H. aus Stadum 12. März 2026 um 20:27 Uhr
    Darf der Ungarn-Naivling etwas mehr dazu erfahren, was es spannend machen wird, falls Orbán »die Wahl in Ungarn am 12. April verlieren« sollte?
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