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Aus: Ausgabe vom 13.03.2026, Seite 3 / Ansichten

Calvinist des Tages: Gallup

Von Felix Bartels
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Der Erfinder der 168-Stunden-Woche: Johnny Calvin

Kapitalwelt ist Spiegelwelt. Mittel wird Zweck. Ganz am Anfang steht natürlich die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. In der Dynamik der Produktionsweise aber kommt der Zweck vons Janze abhanden. G-W-G' löst W-G-W ab, Wert killt Gebrauchswert, Profit ist ohne Aneignung fremden Mehrwerts nicht zu haben. Folgerichtig daher, dass der Mensch, für den das ja eigentlich alles sein soll, im Produktionsprozess nicht anders vorkommt denn als variables Kapital, dem konstanten beigestellt. Das vital Menschliche hat darin weder Recht noch überhaupt Dasein. Eigentlich menschliche Bedürfnisse – Essen, Schlafen, Passion, Bildung, Vergnügen – sind nur als Ressourcen zur Reproduktion der Arbeitskraft von Interesse.

Im Spätkapitalismus hat diese Logik des Kapitals ein Upgrade erhalten. Man erwartet heute mehr als bloß Fleiß und Effizienz, Arbeitende müssen die Corporate identity ihrer Firma auswendig lernen, mit dem Herzen dabei sein, sich also mit dem identifizieren, an den sie ihre Fähigkeit zu arbeiten verkaufen.

So unwirklich das alles ist, es ist real. Die Spiegelwelt des Kapitals wird wirtschaftend Tatsache, die dazugehörige Ideologie, in der der Mensch als Mensch vernichtet ist, durchdringt die gesamte Gesellschaft. Den Tausenden Beispielen dafür hat die Propagandamaschine Gallup ein weiteres hinzugefügt. Viel zu viele Beschäftigte arbeiten ihrer neuesten Studie zufolge im »Energiesparmodus«. Dpa, stets neutraler Dokumentation verpflichtet, sekundiert: »In deutschen Büros und Werkhallen regiert häufig weiterhin nur ›Dienst nach Vorschrift‹ – was die Volkswirtschaft viel Geld kostet.« Bis zu 142 Milliarden Euro, heißt es in der Studie. »Die große Mehrheit der Beschäftigten ist emotional nur gering an ihren Arbeitgeber gebunden.« Menschen, die arbeiten, um zu leben, statt leben, um zu arbeiten. Der Kollaps droht.

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