Zum Inhalt der Seite

Calvinist des Tages: Gallup

Foto: Gemini Collection/IMAGO
Der Erfinder der 168-Stunden-Woche: Johnny Calvin

Kapitalwelt ist Spiegelwelt. Mittel wird Zweck. Ganz am Anfang steht natürlich die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. In der Dynamik der Produktionsweise aber kommt der Zweck vons Janze abhanden. G-W-G' löst W-G-W ab, Wert killt Gebrauchswert, Profit ist ohne Aneignung fremden Mehrwerts nicht zu haben. Folgerichtig daher, dass der Mensch, für den das ja eigentlich alles sein soll, im Produktionsprozess nicht anders vorkommt denn als variables Kapital, dem konstanten beigestellt. Das vital Menschliche hat darin weder Recht noch überhaupt Dasein. Eigentlich menschliche Bedürfnisse – Essen, Schlafen, Passion, Bildung, Vergnügen – sind nur als Ressourcen zur Reproduktion der Arbeitskraft von Interesse.

Im Spätkapitalismus hat diese Logik des Kapitals ein Upgrade erhalten. Man erwartet heute mehr als bloß Fleiß und Effizienz, Arbeitende müssen die Corporate identity ihrer Firma auswendig lernen, mit dem Herzen dabei sein, sich also mit dem identifizieren, an den sie ihre Fähigkeit zu arbeiten verkaufen.

Anzeige

So unwirklich das alles ist, es ist real. Die Spiegelwelt des Kapitals wird wirtschaftend Tatsache, die dazugehörige Ideologie, in der der Mensch als Mensch vernichtet ist, durchdringt die gesamte Gesellschaft. Den Tausenden Beispielen dafür hat die Propagandamaschine Gallup ein weiteres hinzugefügt. Viel zu viele Beschäftigte arbeiten ihrer neuesten Studie zufolge im »Energiesparmodus«. Dpa, stets neutraler Dokumentation verpflichtet, sekundiert: »In deutschen Büros und Werkhallen regiert häufig weiterhin nur ›Dienst nach Vorschrift‹ – was die Volkswirtschaft viel Geld kostet.« Bis zu 142 Milliarden Euro, heißt es in der Studie. »Die große Mehrheit der Beschäftigten ist emotional nur gering an ihren Arbeitgeber gebunden.« Menschen, die arbeiten, um zu leben, statt leben, um zu arbeiten. Der Kollaps droht.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 13.03.2026, Seite 3, Ansichten

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
→ Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in Heinrich H. aus S. 12. März 2026 um 21:06 Uhr
    Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Hat Gallup schon etwas von KI gehört? Die arbeitet 24/7 im Selbstoptimierungsmodus. Nicht nur das, sie tut was frau ihr sagt, vorbehaltlos und emsig. In Polen leitet sie schon einen Schnapsvertrieb (https://www.nau.ch/news/ausland/polnischer-rum-produzent-wird-von-ki-gefuhrt-66644833). Nebenbei: Sagt Gallup auch, in welcher Zeit die 142 Milliarden verloren gehen? Pro Stunde, pro Tag, pro Monat, pro Jahr, pro Jahrhundert, ... und pro welcher Fläche? Weiss Gallup, welchen Profit hantieren al gusto erbringen würde? Von den intellektuellen Knallerbsen von Gallup täte ich gerne solche Prognosen hören...
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!