Illusionsverlust
Unbehagen bestimmt die Kommentare der deutschsprachigen Medien zum Iran-Krieg. Der Kanzler förderte dieses am Dienstag, als er mäkelte, es gebe »offensichtlich keinen gemeinsamen Plan«, wie dieser Krieg schnell zu einem »überzeugenden Ende« gebracht werden könne.
Die Süddeutsche Zeitung wundert sich, dass Johann Wadephul am selben Tag in Jerusalem versicherte, Deutschland stehe an der Seite Israels: »Da steht die Frage im Raum, wie man einen Feldzug planlos finden und den Feldherrn dennoch unterstützen kann.« Die Zeitung antwortet: »Die deutsche Nahostpolitik ist nicht konsistent.« Sie erkenne »die bittere Realität an«, vor allem »das Leid der Menschen im Gazastreifen«. Gleichzeitig wolle sie der historischen deutschen Verantwortung für Israel gerecht werden, aber: »Im Ergebnis wird die Haltung zu Israel der politischen Wirklichkeit nicht mehr gerecht. Das Land hat sich von einer schutzbedürftigen Demokratie zu einer aggressiv-expansionistischen Macht entwickelt.« Spätesten mit dem Iran-Krieg destabilisiere Israel die Region. Deutschlands »lange Zeit bedingungslose Unterstützung« habe Glaubwürdigkeit gekostet. Um die zurückzugewinnen, müsse es »von seiner demonstrativen Nähe zur israelischen Regierung abrücken«.
Die Taz bezeichnet das Ende der Verhandlungen zum Ukraine-Krieg als »Kollateralschaden des Angriffskrieges gegen den Iran« und schreibt: »Als neuer Aggressor im Nahen Osten können die USA auch gar keine moralische Autorität mehr in die Wagschale werfen. Gleichzeitig ist nun auch der Nahe Osten kein geeigneter Verhandlungsort mehr für die Suche nach Wegen zur Beendigung des Blutvergießens im Krieg gegen die Ukraine.« Der neue Krieg spiele Russland in die Hände.
Das Handelsblatt berichtet von einer Sicherheitskonferenz in Neu-Delhi über neue Formen der Zusammenarbeit von Ländern des globalen Südens mit den Großmächten: Schritt für Schritt forme sich »eine stärker transaktionale Realität: Staaten wählen Partner je nach Thema, wechseln Koalitionen und halten Optionen offen.«
Die FAZ verspürt bei alledem mehr als Unbehagen und schreibt: »Der Westen zerfällt«. Trump habe den Iran-Krieg begonnen, »ohne jemanden in Europa nach seiner Meinung zu fragen, und Amerika kann ihn ohne Europa führen.« Der Vorgang spiegele eine »harte strategische Realität wider: Amerika und Europas Interessen sind nicht mehr deckungsgleich, weder im Nahen Osten noch in Europa«.
Diese Übereinstimmung war stets Illusion. Ihr Verlust ist Grund fürs Unwohlsein in deutschen Redaktionen. (as)
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