Harte Bandagen
Von Reinhard Lauterbach
Kein Zweifel, zwischen der Ukraine und Ungarn knirscht und knallt es derzeit gewaltig. Ein Teil der Geräuschentwicklung dürfte dem ungarischen Wahlkampf geschuldet sein. Ein anderer aber hat objektive Grundlagen.
Aktuell regt sich die Ukraine darüber auf, dass Ungarn einen Transport von Gold und Bargeld aus Österreich in die Ukraine gestoppt hat und zwei Geldtransporter zusammen mit sieben Mann Begleitpersonal in Budapest festhält. Es fallen Worte wie »Banditentum«, »Erpressung« und dergleichen. Nur dass Ungarn kontert: Und was ist das mit der Sabotage der »Druschba«-Pipeline, durch die über Jahrzehnte russisches Öl nach Ungarn (und in die Slowakei, die sich öffentlich eher zurückhält) geflossen ist? Selbst wenn die defekte Kompressorstation in der Westukraine, mit deren Zerstörung durch einen russischen Luftangriff Kiew argumentiert und sich insofern auf »höhere Gewalt« beruft, tatsächlich nicht in der Schuld der Ukraine liegt – die Sabotage des Einspeisepunkts in dieselbe Pipeline in der russischen Teilrepublik Tatarstan im Februar, zu der sich die Ukraine offen bekannt hat, macht deutlich, dass die Kiewer Führung inzwischen auf nichts und niemanden mehr Rücksicht nimmt.
Die Hoffnungen auf eine Wende im Kriegsgeschehen schwinden offenkundig dahin. Das letzte Angebot an die Golfemirate, ihnen mit ukrainischem Personal und Know-how bei der Abwehr iranischer Drohnen zu helfen, war pure Rhetorik. Denn selbst das war von Kiew davon abhängig gemacht worden, dass die Emirate bei Russland einen Waffenstillstand erwirken. Auf welchem Wege? Die Golfstaaten profitieren nicht schlecht davon, dass ihre Flughäfen vor dem Krieg, den nicht sie angefangen haben, sondern die USA und Israel, zu den wenigen Startplätzen für Flüge nach Russland gehörten. In ihren Luxushotels entfliehen wohlhabende Russen dem Moskauer Winter, und auf ihren Banken dürfte auch einiges an russischem Schwarzgeld liegen. Mehr jedenfalls, als die Ukraine im Gegenzug zu bieten hat: Wenn sie nach Kriegsende arbeitslos geworden sind, werden die Drohnenjäger aus der Ukraine sowieso eine »Nachverwendung« suchen müssen.
In dieser Situation legte Wolodimir Selenskij jetzt den Turbo ein: Wenn Viktor Orbán nicht sein Veto gegen das Kreditpaket der EU für die Ukraine zurückziehe, dann werde er seinem Geheimdienst SBU die Adresse Orbáns geben – und dessen Agenten würden dann »in ihrer eigenen Sprache« mit Orbán reden. Geht’s noch? In den wüsten 1990er Jahren war es im zerfallenden Russland üblich, uneinbringliche Forderungen von tschetschenischen Inkassobanden eintreiben zu lassen. Wenn Selenskij jetzt zu diesen Methoden zurückzukehren droht und seinen offiziellen Geheimdienst dafür heranzuziehen bereit ist, dann zeugt dies im Umkehrschluss vom Grad an Zerfall des politischen Systems der Ukraine. Mafiamethoden aus der Staatskanzlei, das qualifiziert für die EU.
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