»Wie Margarita als Hexe über Moskau fliegt«
Von Irmtraud Gutschke
In letzter Zeit hatte er nicht mehr viel zu tun. Übersetzungen aus dem Russischen sind seit Beginn des Ukraine-Kriegs fast völlig vom Buchmarkt verschwunden. Der Band »Der schwarze Magier« von Michail Bulgakow, im Oktober 2024 bei Voland & Quist neu aufgelegt, war da eine Seltenheit und wird Thomas Reschke um so mehr gefreut haben, weil er aus gemeinsamer Arbeit mit seiner inzwischen verstorbenen Frau Renate hervorgegangen war.
Dass im Moskauer Bulgakow-Archiv noch über tausend Seiten Material zu »Der Meister und Margarita« lagern, feuerte ihn um so mehr an, weil er bereits ein Kenner war. In den Arbeitsprozess des Autors eintauchend, konnte er den Roman noch tiefer verstehen, den er 1967 erstmals übersetzt hatte. Damals für den Verlag Volk und Welt. Heute unvorstellbar: In diesem Haus gab es eine Abteilung von zwölf Leuten, die im Russischen und teils auch in anderen Sprachen der UdSSR zu Hause waren. Gut bekannt mit den Autoren, lasen sie Manuskripte oft schon, bevor sie gedruckt waren, und konnten Kürzungen der sowjetischen Zensur bisweilen gar rückgängig machen.
Wie Thomas Reschke seinen Spaß daran hatte, lässt sich vorstellen. Er war ein Mensch, der innere Freiheit schätzte. Offen, unverstellt – so habe ich ihn schon im DDR-Schriftstellerverband erlebt. Einer, der den Mund aufmachte, weil er ehrlich und integer war. Schaut man sich die Liste seiner über 150 Übersetzungen an, wird einem ein Selbstverständnis vor Augen geführt, das die russische Literatur schon seit Zarenzeiten prägte: Gewissen der Nation zu sein.
In genauer Betrachtung des Bestehenden zugleich darüber hinauszuweisen, den Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit tapfer zu erleiden – solche Schriftsteller hat Thomas Reschke geliebt. Isaak Babel, Wassil Bykau, Jewgeni Jewtuschenko, Daniil Granin, Bulat Okudschawa, Boris Pasternak, Anatoli Pristawkin, Wassili Schukschin, Wladimir Tendrjakow … Er fand in diesen Autoren, was ihn auch selber umtrieb: das Tabu Stalinismus, überhaupt all das, was zu DDR-Zeiten nicht ins offizielle Bild der UdSSR passte, was viele Leser suchten und was auch weh tat.
Hinzu kam seine Leidenschaft für Sprache. Schon als ich vor über dreißig Jahren das erste Mal bei ihm zu Besuch war, habe ich seine vielen Wörterbücher bewundert – zu technischem, militärischem, juristischem Vokabular, eine ganze Enzyklopädie über die russischen »Mutterflüche«, vier Bände »Verbrechersprache«, zwei über den »Diebesjargon« … Schnell-schnell-Übersetzungen gab es bei ihm nicht. Es galt, den Ton eines Autors zu finden, ihn ganz zu verstehen, ja sich so in ihn hineinzuversetzen, dass er gleichsam selbst in deutscher Sprache zu uns kommen konnte.
In ein literarisches Werk einzutauchen, sich ganz und gar davon packen zu lassen, das hat er genossen und hat es auch von jeder guten Übersetzung verlangt. Was seine liebste Arbeit war, habe ich ihn einmal gefragt. Und da hat er eben »Der Meister und Margarita« aus dem Bücherschrank geholt. Seine Begeisterung, wie sich im Roman verschiedene Stilebenen überlagern, ist mir noch heute im Ohr: Satire, biblische Reminiszenzen und Phantastisches. »Wie Margarita als Hexe über Moskau fliegt: unsichtbar und frei.« Das Wort »frei«, in der russischen Ausgabe damals gestrichen, habe zu den 180 Stellen gehört, die er mit Hilfe von Bulgakows Witwe in die Übersetzung von 1967 »hineinoperiert« hat. Die vollständige Fassung ist dann 1975 erschienen.
Ein starker Mensch im Auf und Ab der Leidenschaften, ein Leben, das dann doch irgendwann enden musste. Im Alter von 93 Jahren ist Thomas Reschke am 3. März nach zwölf Tagen im Krankenhaus gestorben. Die Nachricht erhielt ich von seiner Übersetzerkollegin Ganna-Maria Braungardt, der unter anderem die deutschen Ausgaben von Ljudmila Ulitzkaja und Swetlana Alexijewitsch zu verdanken sind. »Er war nicht allein, ich konnte bis zum Ende bei ihm sein«, schrieb sie mir.
Probeabo
Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
VG Bild Kunst19.02.2026Kunst für uns
IMAGO/SuperStock10.12.2025Rotlicht: Hallstein-Doktrin
jW Archiv22.11.2025Echte und falsche Freunde
Regio:
Mehr aus: Feuilleton
-
Verzierte Abrissbirne
vom 09.03.2026 -
Frankensteins Familienalbum
vom 09.03.2026 -
Das zufällige Glück des Gelingens
vom 09.03.2026 -
Nachschlag: Lahme Rose
vom 09.03.2026 -
Vorschlag
vom 09.03.2026 -
Veranstaltungen
vom 09.03.2026
