Verzierte Abrissbirne
Von Ken Merten
In der Klopause, deretwegen du deinen Feierabend nach hinten verschieben werden musst, fragt dich ein BWL-Justus via Tik Tok, was du denn mit deinem Leben angestellt haben musst, dass du mit 30 noch kein Millionär bist. Weitergescrollt, macht dich ein hauptamtlicher Nachuntentreter, der nicht in den Epstein-Files auftauchen muss, um ihn als Arschloch auszumachen, darauf aufmerksam, dass du daran schuld bist, wenn der einstige Exportweltmeister nunmehr in der Vorrunde ausscheidet. Ein Video weiter wird es dagegen aggressiv-wholesome: Überreiz dich nicht! Sei achtsam! Nimm dir dich zu Herzen! Macht ja sonst keiner. Du sitzt ja schon auf der Schüssel, aber wenn du dir jetzt die Zeit zum Kotzen nimmst, musst du noch länger auf Arbeit bleiben.
Zu schnell, zu hoch, zu weit: Der weitverbreitete Verdruss darüber, dass sich das Hamsterrad dreht, kommt nicht von irgendwo. »Es gibt immer Hindernisse in der Welt. Persönliche, berufliche, wirtschaftliche, was auch immer«, sagte Jacob Bannon Anfang Februar im Interview mit dem Onlinemagazin Treble Zine. »Aber ich habe das Gefühl, dass wir uns an einem Punkt unserer Evolutionslinie in einem Schnellkochtopf befinden.«
Bannon hat mit seiner Band Converge das so entsprechende wie aus der Zeit gefallene Album herausgebracht: »Love Is Not Enough«. Nach der Ungleiches gleichmachenden Zusammenarbeit mit Chelsea Wolfe für »Bloodmoon: I« (2021) nimmt sich das Quartett aus Boston (USA) mit ihrem – abzüglich »Bloodmoon« – elften Studioalbum dem Widerspruch an, dass nicht einzeln herausgezogen werden kann, was sozial in den Dreck gefahren wurde.
»You can’t give up / I can’t give up / They can’t give up / We can’t give up on us«, ruft Bannon in »Bad Faith«, und im Musikvideo stürzt die Schwarzmetalliclackierte sonnenuntergangslangsam und ebenso quälend allein. Der Appell ist keiner, sondern die Faktenlage: Selbst das Aufgeben wird einem verunmöglicht – morgen geht’s weiter und wird’s schlimmer. Kennt man: Jeder eskapistische Campervanwichser, der sich früher klammheimlich aus der Gesellschaft verdünnisieren wollte, hat nunmehr einen Youtube-Auftritt, mit dem er sich das Leben im Abseits finanziert und dabei die von ihm geschasste Mitmenschheit martert. Machste nix.
Converge waren seit je die Vertonung jener Unruhe, die sich nicht ausstellen lässt. Hört man, wie Gitarrenspezi und Fingertänzer Kurt Ballou die Hardcore-Punk-Abrissbirne verziert, mag schon auf manche Zuhörerin Ballous chronische Sehnenscheidenentzündung übergesprungen sein. Noch ehe man davon sprach, überreizt zu sein, verprellten Bannon und Co. all jene, die Eingängigkeit wortwörtlich nahmen. Wer auf das, was Converge in Bewegung setzen, nicht Acht gibt, geht fälschlicherweise davon aus, hier käme die Zahnräder fletschende Maschine angeprescht, um uns malmend zu fressen. Aufklärung, zumal missverstandene, macht manchmal Angst und tut weh.
Der Titletrack zu Beginn von »Love Is Not Enough« schickt vorweg, dass das Album weder das Avantgardistische von »Jane Doe« (2001) neu spinnt, noch sich an manch kathartischen Songs von »The Dusk In Us« (2017) orientiert. Damals löste sich »A Single Tear« herabfallend im Ozean auf, der dadurch nicht kippte.
»Make Me Forget You« auf »Love is Not Enough« dagegen schießt auf Fluchtfahrt durch die Ödnis zwischenmenschlicher Relationen: »Nothing can make me forget you / Make me forget you.« Die Bitte, an die Verursacher des Leids gestellt, ist ausgeschlagen, ehe sie überhaupt herangetragen wurde. Die realistische Bestandsaufnahme macht der Song mit, der reine Studiosound bröckelt gegen Ende, der Group Shout wirkt dadurch wie ein Liveimitat. Die Saiten klingen wabernd aus, Regen wird gegen die Frontscheibe geweht, als Ben Koller die letzten leisen Töne Tomtom und Blech schenkt. Dauerkonfrontiert, gab es lang nicht mehr so eine Ruhe auf dieser Welt wie nach diesem Lied. Und dann kommt »We Were Never the Same«.
Converge: »Love Is Not Enough« (Epitaph)
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