Globaler Süden geht auf Distanz
Von Volker Hermsdorf
Die gemeinsamen Militärschläge der USA und Israels gegen den Iran stoßen im globalen Süden auf scharfe Ablehnung. Regierungen in Lateinamerika und Afrika prangerten den Angriffskrieg als imperialistische Aggression und eklatante Verletzung des Völkerrechts an. Während Washington und Tel Aviv ihr Bombardement als »sicherheitspolitisch notwendige Aktion« rechtfertigen, sehen zahlreiche Staaten darin eine gezielte Sabotage diplomatischer Bemühungen und warnen vor einer brandgefährlichen Eskalation mit globalen Folgen.
Besonders deutlich reagierte Kuba. Präsident Miguel Díaz-Canel verurteilte die Ermordung des iranischen Staatsoberhaupts Ali Khamenei als »verabscheuungswürdigen Akt« und als flagranten Bruch der UN-Charta. Außenminister Bruno Rodríguez sprach von einer »hinterhältigen« Aktion, die laufende Verhandlungen in der Nuklearfrage gezielt torpediere. Havanna forderte den UN-Sicherheitsrat auf, seiner Verantwortung für die Wahrung des Weltfriedens nachzukommen, und rief die internationale Gemeinschaft zur Mobilisierung gegen weitere Militärschläge auf.
Auch andere Regierungen Lateinamerikas gingen auf Distanz zu Washington: Brasilien verurteilte die Angriffe ausdrücklich und betonte, sie seien mitten in einem diplomatischen Prozess erfolgt – dem »einzig gangbaren Weg zum Frieden«. Mexiko warnte vor gravierenden humanitären Folgen und mahnte eine Rückkehr zum Dialog an. Kolumbiens Präsident Gustavo Petro erklärte, US-Präsident Donald Trump habe »einen Fehler gemacht« – Frieden und Leben müssten Vorrang haben. Chile sprach von einer schweren militärischen Eskalation, verurteilte aber sowohl die Angriffe auf Iran als auch die iranische Gegenreaktion. Selbst das traditionell eng mit den USA verbündete Guatemala unter Präsident Bernardo Arévalo forderte von Washington und Tel Aviv Zurückhaltung und die Achtung des Völkerrechts. Auch Uruguay äußerte »Besorgnis«, während Venezuela die Missachtung »grundlegender Prinzipien der Diplomatie« kritisierte.
Der venezolanische Außenminister Yván Gil zeigte sich »zutiefst betroffen« über Angriffe auf zivile Einrichtungen, bei denen »minderjährige Schülerinnen« getötet wurden. Wie das Portal Venezuela Analysis später auf X mitteilte, hat das Außenministerium die zunächst veröffentlichte offizielle Erklärung – in der auch Iran für seine Selbstverteidigung kritisiert wurde – mittlerweile aber offenbar von all seinen Social-Media-Kanälen gelöscht.
Eine klare Gegenposition bezieht einzig die Regierung von Javier Milei in Argentinien, die sich demonstrativ hinter die Militärschläge stellte und behauptet, sie könnten zur »Stabilisierung der Region« beitragen. Ähnlich positioniert sich die venezolanische Oppositionelle María Corina Machado, die kürzlich nach einem Treffen mit dem Sohn des gestürzten Schahs, Reza Pahlavi, erklärte, die rechte venezolanische Opposition und iranische Monarchisten hätten sich auf die »Koordinierung der Bemühungen« für einen »freien Iran« und ein »freies Venezuela« verständigt.
In Afrika überwiegen derweil Stimmen der Kritik. Algerien, Nigeria und Senegal warnten vor einer weiteren Eskalation und forderten die strikte Einhaltung des Völkerrechts. Libyen bezeichnete die Angriffe als »inakzeptabel«. Südafrika verwies auf Artikel 51 der UN-Charta: Präventive Selbstverteidigung sei völkerrechtlich nicht zulässig, so Präsident Cyril Ramaphosa. Die Afrikanische Union warnte vor globalen Auswirkungen auf Energie- und Ernährungsmärkte. Besonders deutlich reagierte Burkina Faso, das die Schließung der US-Botschaft ankündigte und Israel sowie die USA als »Terrorstaaten« bezeichnete.
Während westliche Regierungen den Iran für den von Washington und Tel Aviv begonnenen Angriffskrieg verantwortlich machen und die Bombardements rechtfertigen, sieht ein Großteil der Länder des globalen Südens darin eine gefährliche Eskalation und eine Missachtung internationaler Normen. Die Forderung nach Dialog statt Bomben, nach Deeskalation und Verteidigung der internationalen Rechtsordnung eint – mit wenigen Ausnahmen – die Regierungen von Havanna bis Pretoria.
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